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Tagblatt Online, 21. Juli 2012, 09:22 Uhr

«Lehrer sind zum Teil unsicher»

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Prorektor Claudio Zingg: «In den letzten Jahren wurde viel in Englisch investiert.» (Bild: pd)

Die Lehrer fordern, dass Frühfranzösisch abgeschafft wird. Dagegen wehrt sich Claudio Zingg, Prorektor an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Er setzt auf die Aus- und Weiterbildung der Primarlehrerinnen und -lehrer.


Claudio Zingg, böse Zungen behaupten, dass nicht die Primarschüler mit zwei Fremdsprachen überfordert sind, sondern ihre Lehrer. Wie sehen Sie das?

Claudio Zingg: Für die Lehrer ist es sicher eine Herausforderung, ab der fünften Klasse Französisch zu unterrichten. Es kommt neu im Anschluss an Englisch, das die Schüler jetzt ab der dritten Klasse haben. Die Lehrerinnen und Lehrer sind zum Teil unsicher in Französisch.

Wieso bereitet eigentlich Frühfranzösisch Mühe? Es wird doch schon länger unterrichtet. Neu an der Primarschule ist doch Englisch.

Zingg: Im Französischen steht die richtige Aussprache stärker im Vordergrund – auch in Frankreich selber. Selbst Westschweizer werden in Frankreich scheel angeschaut, wenn sie Französisch reden. Englisch als Weltsprache hat dagegen viele Färbungen, die akzeptiert sind.

Liegt es nicht auch an der Ausbildung der Lehrer?

Zingg: Als Frühfranzösisch eingeführt wurde, musste die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer schnell gehen. Viele sind damals zu wenig vorbereitet gewesen. Die neuen Lehrkräfte können vor allem in der persönlichen Sprachkompetenz umfassender ausgebildet werden.

Die Einführung des Englischen hat die Unsicherheit also verschärft?

Zingg: Ja. In den letzten Jahren wurde viel in Englisch investiert. Das Französische ist dabei eher aus dem Blickfeld geraten.

Also müsste man die Lehrer nur weiterbilden?

Zingg: Deshalb haben das Amt für Volksschule und die Pädagogische Hochschule ein Weiterbildungsangebot entwickelt. Ab nächstem Jahr können die Lehrer im Sommer einen Sprachaufenthalt in Frankreich machen, danach ein Praktikum in der Westschweiz absolvieren und sich im Anschluss mit dem Französisch-Lehrmittel auseinandersetzen.

Ist die Forderung, Frühfranzösisch abzuschaffen, eine Überreaktion?

Zingg: Der Umgang mit den anderen Landessprachen ist für die Schweiz eine staatspolitische Frage. Das merkt man auch den Reaktionen in der Presse in der Westschweiz an. Wenn wir das Frühfranzösisch abschaffen würden, würde die Westschweiz das als Symbol auffassen, als Signal, dass sich die Deutschschweiz entfernt.

Es ist aber unbestritten, dass Englisch die wichtigere Sprache ist.

Zingg: Beim Englischen wird immer wieder mit der Globalisierung argumentiert. Das ist sicher richtig. Wenn die Globalisierung aber fortschreitet, wird sich auch Afrika weiterentwickeln. Und ein beträchtlicher Teil von Afrika spricht Französisch.

Es gibt Kinder, die den Knopf erst spät aufmachen. Werden nicht gerade diese Kinder durch zwei Fremdsprachen überfordert?

Zingg: Das grosse Problem ist bei allen Schulfächern der soziale Hintergrund, den die Schülerinnen und Schüler mitbringen. Zum Beispiel wie gross ihr Wortschatz in der Muttersprache ist. Der Unterschied innerhalb der Klassen ist wahnsinnig gross. Die grosse Herausforderung besteht darin, alle Kinder gut zu unterstützen.

Statt das Frühfranzösisch abzuschaffen, müssten also die Förderangebote im Unterricht ausgebaut werden?

Zingg: Genau. Ein Modell wie die Assistant Teachers in England könnte helfen. Wir haben immer wieder Anfragen von Westschweizerinnen, die gerne in der Schule helfen würden. Unser System kennt das aber nicht. Ohne formelle Lehrberechtigung können sie nicht unterrichten. In unserem System müssen alle Lehrer gleich gut ausgebildet sein und folglich gleich viel verdienen.

Lehrer kritisieren den Französischunterricht generell. Er könne die Schüler gar nicht motivieren. Hier muss doch auch etwas passieren.

Zingg: Auch auf dieser Ebene wird man ansetzen müssen und zum Beispiel die neuen Medien mehr einbeziehen. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen mit entsprechenden Materialen unterstützt werden. Zürich entwickelt ein neues Lehrmittel.

Wie sieht es eigentlich im Welschland aus? Gibt es dort dieselben Probleme mit dem Deutschunterricht?

Zingg: Auch dort müssen die Schülerinnen und Schüler motiviert werden. Deutsch ist keine einfache Sprache. Wie für Deutschsprachige ist für Französischsprachige Englisch leichter zu lernen, weil viele englische Wörter aus beiden Sprachfamilien stammen.

Wie gut sollen die Schulabgänger denn die jeweils andere Sprache beherrschen?

Zingg: Sie sollen sich gegenseitig verstehen, wenn beide in ihrer Muttersprache sprechen. Westschweizer schätzen es, wenn sie Französisch sprechen können und ein Deutschschweizer sie versteht. Das schafft Vertrauen. Zudem bekommen beide Gesprächspartner so die kulturellen Nuancen und Differenzen mit. Das ist für das gegenseitige Verständnis wichtig. Wenn beide sich auf Englisch unterhalten, verflacht das.

Interview: Christof Widmer



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Leser-Kommentare:
6 Beiträge
ith.eduard (23. Juli 2012, 10:06)
HarmoS verpflichtet!

Wozu eigentlich diese ganze Diskussion im Nachgang zu den Volksabstimmungen über das HarmoS-Konkordat? Zumindest im Kanton St. Gallen gibt es darüber nichts mehr zu debattieren, weil ja das Volk, wenn auch knapp in der Entscheidung, all diesen HarmoS Propheten geglaubt hat. Uns vom Komitee Nein zu HarmoS hat man der Lüge, der Übertreibungen und Unwahrheiten bezichtigt! Selbst der ad. Regierungsrat H.U. Stöckling bekam vom Tagblatt eine ganze Seite (S.2) zur Verfügung um seine Abstimmungspropaganda als Bollwerk zu platzieren.

Dem Nein-Komitee wurde jegliche Stellungnahme verweigert, aber dafür über dasselbe und deren Forum negativ berichtet (Kirchberg / C. Hess-Lombriser). Das nennt man dann freie Meinungsbildung in einem demokratischen Rechtsstaat. Und heute, ja da haben wir den Bildungs-Salat, wie von uns vorausgesagt.

Was jetzt abgeht, ist die Bankrotterklärung von HarmoS, deshalb raus aus diesem Konkordat, lieber heute als morgen!

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Lissi (23. Juli 2012, 06:36)
Sprachprobleme?

Leider können wenige prim.lehrer auch nur annähernd französisch .schade! Ich müsste wegen eines Wechsels nach Lausanne ganz schnell den Schulanschluss schaffen.hätte ich ab der fünften franz.gehabt wäre es mir leichter gefallen.übrigens im englischen genügen etwa 500 Wörter für Konversation.im franz.reicht das nicht.

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micella (22. Juli 2012, 21:41)
Welsch

Ich war diese Woche am Paléo Festival in Nyon und ich war froh, mich in Französisch unterhalten zu können und vor allem konnte ich meine Landsleute verstehen! Wenn ich mit meinen Französischkenntnissen nicht weiterkam, wurde die Konversation mit Englisch ergänzt.
Natürlich ist Englisch einfacher zu lernen als Französisch, da es der Deutschen Sprache näher steht, da kann auch der Unterricht nicht viel ändern.

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adolfk31 (22. Juli 2012, 17:48)
Wozu französisch ?

Unsere Zukunftsmärkte liegen doch ganz eindeutig in China, Indien und Russland ! - Versuchen wir doch mit den Leuten zu palavern, die in der Zukunft über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen um unsere Produkte in harten Währungen zu kaufen. - Den Ärzten reicht es zur weltweiten Kommunikation : Latein, Griechisch und einen eigenen Friedhof …

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diethelm (22. Juli 2012, 16:34)
Französischunterricht ändern

Mein Sohn, der sprachlich begabt ist, konnte sich nach weniger als einem Jahr Englischunterricht in der Primarschule mit seiner Cousine aus den USA auf Englisch unterhalten. In Französisch traut er sich das nach zwei Jahren nocht nicht zu, weil der Unterricht nicht auf Kommunikation ausgerichtet war. Wie wäre es, wenn man Französisch in der Primarschule wie Englisch unterrichten würde? Ich denke, es würde mehr Spass machen, und die Schüler würden mehr lernen.

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unangan (21. Juli 2012, 14:58)
"Lehrer kritisieren den Französischunterricht generell"

Wollen sie nicht.. die Franz-Banausen... oder fehle ihnen schlicht und einfach die nötigensprachlichen "Franzkenntnisse"...???...
Mein Sohn..Studius in Pädagogik hat eben in "franz" Belgien 6 Monate lang intesiv seine Französisch-Kenntnisse verbessert.
Und ohne Rücksprache mit Ihm.. meinen Sohn, bin ich überzeugt, dass er die Englische-Sprache eben so gut vermitteln kann, wie das "Frühfranzösisch".
Lach... ich bin kein Sprachgenie.. doch dem "werdenen Lehrer" zolle ich grosse Hochachtung, dass er nicht nur im "English" unterrichten kann, sondern sich die Mühe nahm, auch als Grundschullehrer die französische Landessprache zu beherrschen und zu vermitteln.
Aufgewachsen mit ein wenig "English".. viel Deutsch... ein wenig chinesisch.... und lernfähig und das Französisch vermittelbar mit all seinen Fachetten.
Deshalb ein "sprachlicher Psycho".???..
Nein.. jede Sprache hat ihre Kultur.. und deshalb nicht nur mit Verben vermittelbar.

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