Frühfranzösisch im Gegenwind

Die Lehrer rebellieren gegen das Frühfranzösisch: Es überfordere die Primarschüler und müsse abgeschafft werden. Erziehungsdirektorin Monika Knill will das Anliegen prüfen. Die Lehrer erhalten Unterstützung von Kantonsräten.

17. Juli 2012, 05:33
CHRISTOF WIDMER

FRAUENFELD. Vor einem Jahr kamen im Thurgau die ersten Fünftklässlerinnen und Fünftklässler in den Genuss von zwei Fremdsprachen. Französisch ab der fünften Klasse ist schon seit längerem Standard. Auf das abgelaufene Schuljahr hin kam aber auch der erste Schülerjahrgang in die fünfte Klasse, der ab der dritten Klasse schon Englisch lernte. Das Fazit der betroffenen Mittelstufenlehrer nach einem Jahr: Viele Primarschüler sind mit zwei Fremdsprachen überfordert. Die Mittelstufenkonferenzen aus sechs Kantonen, darunter jene aus dem Thurgau, fordern, dass Französisch erst ab der Oberstufe im Stundenplan erscheint (TZ vom Samstag).

Knill: «Ernsthaft diskutieren»

«Ich will diese Forderung nicht gleich vom Tisch wischen», sagt die Thurgauer Erziehungsdirektorin Monika Knill. Immerhin stamme sie von den Mittelstufenkonferenzen. Theoretisch könnte der Thurgau das Frühfranzösisch auf eigene Faust abschaffen. Er ist im Gegensatz zu anderen Kantonen nicht an das Harmos-Konkordat gebunden. Es sei aber nicht sinnvoll, wenn der Thurgau in dieser Frage einen Sonderzug fahre, sagt Knill. Sie will sich aber dafür einsetzen, dass die Forderung nach Abschaffung des Frühfranzösisch ernsthaft in der Konferenz der Ostschweizer Erziehungsdirektoren diskutiert wird – «ohne jetzt schon ein Ergebnis vorwegzunehmen», stellt sie klar.

Unterstützung erhalten die Lehrer von Bildungspolitikern im Grossen Rat über die Parteigrenzen hinweg. «Man muss so ehrlich sein und das Frühfranzösisch abschaffen», sagt SVP-Kantonsrätin Verena Herzog. Sie war treibende Kraft hinter der Initiative gegen zwei Fremdsprachen an der Primarschule, die das Thurgauervolk 2006 nur knapp abgelehnt hat. Nun bestätigten sich die Befürchtungen der Initianten, sagt Herzog. Die Förderstunden hätten nochmals zugenommen, weil die Kinder mit zwei Fremdsprachen nicht mehr mitkommen. Es sei besser, wenn sich Primarschüler auf Deutsch und auf die Weltsprache Englisch konzentrieren.

Zudem gebe es Erfahrungen genug, die zeigten, dass der Vorsprung durch das Frühfranzösisch gering sei und auf der Oberstufe rasch eingeholt werden könne. Wichtiger sei, an der Primarschule eine solide Basis für Deutsch, Mathematik, aber auch Werken zu legen. Daran mangle es den Schulabgängern heute.

Intensiver auf der Oberstufe

Ins gleiche Horn stösst auch der grüne Kantonsrat Josef Brägger, selber Sekundarlehrer. Ein guter Teil der Primarschüler sei mit Englisch und Französisch überfordert. «Es wäre gescheiter, wenn Französisch erst auf der Oberstufe unterrichtet wird. Dann aber intensiv.» Brägger denkt dabei an Austauschprogramme, wo die Schüler im Welschland das Gelernte aktiv anwenden. Das würde die Jugendlichen eher für Französisch motivieren. «So wie Französisch heute gelernt wird, ist es ein Auslaufmodell», sagt Brägger.


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