Zug um Zug geniessen

THURSICHT ⋅
03. Dezember 2017, 12:21

Züge sollen gefälligst in Wil halten und nicht einfach dreist vorbeifahren. So – oder so ähnlich – die Forderung der Kantonsräte und Bundeshauspolitiker aus dem Hinterthurgau. Ein Zug namens «St. Galler Sprinter» ist ihnen ein Dorn im Auge. Der fährt stündlich die Strecke St. Gallen–Genf, ohne Halt in Wil. Nächstes Jahr sollen es sogar zwei pro Stunde sein. «Geht gar nicht!», muss sich der Hinterthurgauer Pendler sagen.

Oder doch? Es gibt gute Gründefür den «St. Galler Sprinter». So hält er die Sehnsucht all jener aufrecht, die am Wiler Bahnsteig auf einen Anschluss nach Zürich oder St. Gallen warten. Jedes Mal, wenn der Sprinter vor ihrer Nase durchfährt, dürfen sie denken: «Ach, wie schön wäre es, in diesen fast leeren Zug einzusteigen». Just bevor sie um den besten Platz vor der Tür des einfahrenden überfüllten Intercitys kämpfen, um vielleicht noch einen Sitzplatz zu ergattern.

Vorbeifahrende Züge tun gar dem Wiler Tourismus gut: Nachdem der Hinterthurgau bereits ein Magnet für Planespotter ist, könnte Wil den gleichen Status für Trainspotter erwerben. Die müssten halt mit dem Auto anreisen, wenn kaum mehr ein Zug in Wil hält. Oder mit der S12! Die verkehrt nächstes Jahr ab der Äbtestadt. Sie fährt zwar nur Richtung Westen, was die Hinterthurgauer aber Zug um Zug geniessen können. So bleiben ihnen die St. Galler mit ihrem mühsamen Dialekt erspart, die pausenlos von ihrem Provinz-Fussballclub schwafeln, wenn sie nicht gerade über Bratwürste ohne Senf philosophieren.

Roman Scherrer


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