"Ein Hoch auf die Politik"

SBB-DRITTVERKAUFSSTELLEN ⋅ Im Thurgau ist man erfreut, dass die Drittverkaufsstellen eine von der Politik beschlossene Schonfrist erhalten hat. Detailfragen bleiben, denn die Verträge mit den SBB laufen Ende Jahr aus.
14. September 2017, 18:36
Sebastian Keller, Silvan Meile
Die Politik in Bern tritt auf die Bremse. Das freut Margarete Klees: "Für uns ist super, dass es zwei Jahre weitergehen kann." Weitere Adjektive der Freude fallen im Gespräch. Klees führt den Kiosk Ermatingen. Im ehemaligen Bahnhofsgebäude verkaufen sie und ihr Team Red Bull, Gipfeli, Zeitschriften, aber auch Billette nach Schaffhausen, München und Zürich. Mit letzterem sollte Ende Jahr Schluss sein. Die SBB wollten aus dem  Geschäft mit den Drittverkaufsstellen aussteigen. Damit wäre an rund 50 Standorten im Land – elf davon im Thurgau – der persönliche Verkauf von Billetten nicht mehr möglich gewesen. Das war vor einem Jahr. Daraufhin fegte ein Proteststurm durchs Land: Vorstösse wurden eingereicht, Unterschriften gesammelt. Am Mittwoch gipfelte der Protest in einem überraschenden Entscheid: Der Ständerat hiess ein Moratorium gut. Dieses besagt, dass die SBB den Drittverkaufsstellen bis 2020 den Billettverkauf ermöglichen müssen. Im Kiosk Ermatingen ist die Stimmung deswegen aufgeräumt. "Die Leute im Dorf sind glücklich", sagt Margarete Klees. Sie ist es auch. "Ein Hoch auf die Politik."

Das Signal aus Bern erfreut auch am Bahnhof Islikon. Dort verkauft Vreni Züger als Stationshalterin Billette und Abonnemente. "Das Signal der Politik werte ich als positiv", sagt sie. "Die Kunden würden am liebsten darauf anstossen." Doch sie bleibt vorsichtig: Unterschrieben sei noch nichts. Im Gegenteil. Die Verträge seien nach wie vor gekündigt. "Neue müssten erst ausgehandelt werden", sagt Züger. Sie hofft nun, die Partnerschaft mit den SBB bis mindestens 2020 weiterführen zu können. 


Die SBB warten auf den Bundesrat

Neben Stationshaltern wie in Ermatingen und Islikon verkaufen auch Post, Migrolino und Valora heute Bahnbillette mit Computer und Drucker der SBB. Wie bewerten sie die neue Situation? Ein Migrolino-Sprecher sagt auf Anfrage, man warte darauf, "bis die SBB auf uns zukommen". Fakten lägen derzeit zwei auf dem Tisch: Die gekündigten Verträge und das von der Politik beschlossene Moratorium. Für die Post sagt Sprecherin Léa Wertheimer: "Wir führen die vertragliche Dienstleistung vorerst weiter." Was nach dem Jahreswechsel komme, sei derzeit noch ungewiss. Die Post sei offen für Verhandlungen. 

Für die Post dürfte eine Weiterführung der Partnerschaft interessant sein. Wegen der Digitalisierung fehlen ihr zunehmend Kunden an den Schaltern, was deren Existenz gefährdet. Kann die Post weiterhin Partnerdienstleistungen erbringen, könnte dies zur Sicherung der Standorte beitragen. Die Post kommentiert derlei Überlegungen nicht. Obwohl Bundesrätin Doris Leuthard am Mittwoch von "Verhältnisblödsinn" sprach, muss ihr Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) nun ein Gesetz ausarbeiten. Mediensprecherin Annette Bundi schreibt zur Frage, wie es nun weitergeht: "Das Uvek wird die Motion im Rahmen der regelmässig stattfindenden Gespräche mit den SBB thematisieren."

Die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher erachtet die von den SBB per Ende 2017 ausgesprochenen Kündigungen als hinfällig. Die bestehenden Drittverkaufsstellen müssten mit einem vergleichbaren Angebot offen bleiben können, laute nun der Auftrag an die SBB. "Diese müssen sich mit allen Akteuren an einen Tisch setzen." Es gelte, verschiedene Varianten zu prüfen. Auch die Frage nach der Aufteilung der Kosten könne gestellt werden. Günstigere Lösungen mit Privatbahnen seien denkbar, wie es im Thurgau bereits angedacht wurde. "Es braucht einfach auch im digitalen Zeitalter einen kundenfreundlichen öV mit einer persönlichen Beratung", sagt Graf-Litscher.

Die SBB warten nun darauf, wie der Bundesrat den Vorstoss umsetzen will. "Wir werden dann prüfen, was uns der Bundesrat vorschlägt und mit unseren Partnern die konkrete Umsetzung besprechen", sagt Alberto Bottini, Leiter Vertrieb und Services bei SBB Personenverkehr, in einem Interview auf dem SBB-Blog. An der eingeschlagenen Strategie will das grösste Bahnunternehmen im Land aber offenbar festhalten. Getrieben auch dadurch, dass immer mehr Billette online und immer weniger an Schaltern gekauft werden. "Allein im ersten Halbjahr 2017 beträgt das Wachstum auf den digitalen Kanälen bereits wieder über 32 Prozent, Tendenz nach wie vor deutlich steigend", sagt Bottini.  
 

Thurgauer Lösung verschwindet vorerst in der Schublade

Bei der Abteilung öffentlicher Verkehr des Kantons beruhigt der Moratoriums-Entscheid aus Bern. "Wir gehen nun davon aus, dass die Drittverkaufsstellen wie bis anhin beibehalten werden", sagt Abteilungsleiter Stefan Thalmann. Der Thurgau hat sich für diesen Service Public stark gemacht. Vor allem für die älteren Menschen sei die Beratung am Schalter unverzichtbar, ein Billettkauf per Internet für einige unzumutbar. 

Auf ein Einlenken der Bundespolitik haben die Thurgauer Behörden ursprünglich nicht gewettet. Stattdessen haben sie einen Plan-B geschmiedet. Volkswirtschaftsdirektor Walter Schönholzer suchte das Gespräch mit den Appenzeller Bahnen und der Post. Mit ihnen wurde ein möglicher Thurgauer Sonderzug aufgegleist: Die Post könnte den Billettverkauf in den betroffenen Gemeinden mit Verkaufsgeräten der Appenzeller Bahnen übernehmen. Mit diesen Geräten kann zwar nicht das ganze Billettsortiment verkauft werden, sie sind aber günstiger als jene der SBB. Die dennoch anfallenden Kosten von einigen Tausend Franken pro Verkaufsgerät würden sich die Gemeinden und der Kanton teilen. Die Rückmeldungen aus den Gemeinden mit Drittverkaufsstellen seien positiv gewesen, sagt Thalmann: "Fast alle hätten mitgemacht." Mit dem Entscheid des eidgenössischen Parlaments wird die Thurgauer Lösung nun hinfällig. Zumindest vorläufig. "Nach Ablauf des Moratoriums werden wir die Situation wieder neu beurteilen", sagt Thalmann. Das ist in gut zwei Jahren. Es sei nicht auszuschliessen, dass dann der erwartete Umsatz aus den Billettverkäufen so klein ist, dass die Frage neu gestellt werden muss, die Drittverkaufsstellen künstlich am Leben zu erhalten.
 

Von der Schliessung bis zur Rettung

6. September 2016: Die SBB informieren, ihre Billette per 2018 nur noch selber verkaufen zu wollen. 20 der schweizweit 52 Drittverkaufsstellen (Stationshalter, Post, Migrolino, Avec-Shops) befinden sich in der Ostschweiz. Ihnen droht schlimmstenfalls das Aus.

12. September 2016: In der Bundespolitik werden erste Vorstösse gegen den Leistungsabbau der SBB eingereicht. Vor allem ältere Menschen seien auf die persönliche Bedienung an Billettschaltern angewiesen.

Oktober 2016: Der Thurgauer Volkswirtschaftsdirektor Walter Schönholzer setzt sich in einem Brief an SBB-Chef Andreas Meyer für den Erhalt der Drittverkaufsstellen ein. Auch Gemeinden und verschiedene Organisationen setzen sich zur Wehr. 

März 2017: Der Verkehrsclub der Schweiz (VCS ) reicht bei den SBB 32 000 Unterschriften gegen die Schliessung der Drittverkaufsstellen ein. Viele Unterzeichner wohnen in der Ostschweiz.

April 2017: Der Bundesrat lehnt die Idee der nationalrätlichen Verkehrskommission ab. Diese schlägt ein Moratorium bis 2020 vor. So lange sollen keine Drittverkaufsstellen schliessen müssen. 

13. Juni 2017: Der Nationalrat heisst trotz anders lautender Empfehlung des Bundesrates ein Moratorium gut. Der Entscheid fällt knapp aus: 93 Ja- stehen 79 Nein-Stimmen gegenüber, zwölf Parlamentarier enthalten sich. 

20. Juni 2017: Der Thurgau gleist eine eigene Lösung auf. Die Post soll in Zusammenarbeit mit den Appenzeller Bahnen weiterhin Billette verkaufen. Die Mietkosten für die Geräte würden sich der Kanton und die betroffenen Gemeinden teilen.

13. September 2017: Der Ständerat spricht sich als Zweitrat ebenfalls für das Moratorium aus. Der Entscheid fällt mit 28 zu 17 Stimmen. Der Bundesrat muss nun eine Gesetzesvorlage ausarbeiten. (seb./sme)


Leserkommentare

Anzeige: