Viele Schichten, noch mehr Viecher

FRAUENFELD ⋅ Zwei Künstlerinnen und ihre kontrastierenden Werke: Das gibt es in der neuen Baliere-Ausstellung «Schwiizer Viecher und Farbe – with a touch of Africa» zu sehen. Heute ist Eröffnung.
01. Dezember 2017, 07:33
Mathias Frei

Mathias Frei

mathias.frei

@thurgauerzeitung.ch

Die eine weiss, was sie machen will, die andere macht einfach. Annemarie Graf und Ira van der Merwe kennen sich von der Gruppe Kunstausleih und haben schon einige Gruppenausstellungen ­gemeinsam bestritten. Weniger gemeinsam haben sie in ihren Arbeitsweisen. Und noch grössere Kontraste bestehen in den beiden Werken: auf der einen Seite abstrakte Acrylarbeiten als Collagen, auf der anderen Seite fotorealistische Kohlezeichnungen. Genau dieses kontrastierende Moment lässt die Ausstellung «Schwiizer Viecher und Farbe – with a touch of Africa» stimmig wirken. Heute ist Eröffnung.

Die Frauenfelderin Anne­marie Graf besuchte die Hochschule für Gestaltung in Zürich und die Kunstakademie Bad Reichenhall. Seit 1990 stellt sie aus. Ira van der Merwe dagegen lebt erst seit fünf Jahren in der Schweiz. Die Kunsthistorikerin ist in Südafrika geboren, hat auch Wurzeln in den Niederlanden. Heute lebt sie in Baden.

Sechs bis acht Wochen für eine Zeichnung

Die beiden Künstlerinnen schätzen sich. «Du mit dine Viecher», sagt Annemarie Graf jeweils zu Ira van der Merwe. So ist der Titel der Zweierschau entstanden. Van der Merwe zeichnet Viecher – auf Afrikaans «Kreatuur» – und das auf eine faszinierende Weise. Sie bannt Tiere Jagdtrophäen gleich fotorealistisch auf Papier. Hochpräzis und detailgetreu setzt sie Linien und Schattierungen. Van der Merwe arbeitet dabei immer mit Fotografien oder Fotocol­lagen als Vorlagen. Der Papier­bogen hängt an der Wand, die Künstlerin arbeitet von links oben nach rechts unten. 20 Minuten, dann eine Pause. Das konzentrierte Zeichnen fordert. Für ein Bild, das einen auf anderthalb Meter misst, braucht sie bei einem 70-Prozent-Pensum sechs bis acht Wochen. Als sie in die Schweiz kam, vermisste sie ihre Heimat. Sie begann, sich an die Tiere Südafrikas zu erinnern und sie zu malen. Sie malt, was sie ­ästhetisch anspricht. Und dann kamen die Schweizer Viecher, Kühe, Steinböcke, Igel, bald gibt es ein Murmeli. «Ich habe entschieden, mich in die Schweiz zu verlieben», sagt sie. Denn Wohlbefinden, das sei ein Entscheid.

Annemarie Graf hat letztmals vor 16 Jahren in der Baliere ausgestellt. Malen tut sie fast im ­Spagat, die Leinwand liegt am Boden. Sie malt abstrakt und übermalt, mit Pinsel, Schwämmen, Stofflappen, mit Acryl, aber auch mit Bitumen. Die grossen, dynamischen Bewegungen auf der Leinwand gefallen ihr. Ein Bild hat oft bis zu 20 Schichten. Und sie collagiert. Nebst Farbe gibt Papier Struktur. Das erzeugt Tiefe. Sie sammelt Papiere aller Art, oft auch mit Text, wobei der Inhalt irrelevant ist. Denn Graf nimmt vielfach Farben als Ausgangspunkt. «Grün und Blau, das sind meine Farben», sagt sie. ­Naturfarben, selten mal mattes Gelb. Mit Rot und Schwarz dagegen arbeitet sie nie.

Bisweilen wisse sie am ­Anfang nicht, wie sich das Bild entwickle. Dann stellt sie die Leinwand weg, sie arbeitet immer an mehreren Bildern gleichzeitig. «Manchmal dauert es länger, bis ich weiss, dass ein Bild fertig ist.» Passt es gar nicht, übermalt sie, ohne vorher zu weisseln. Dann werden es noch mehr Schichten, und die Leinwand erzählt Geschichten.

«Schwiizer Viecher und Farbe – with a touch of Africa»: Vernissage heute um 18 Uhr. Ausstellung bis 17. Dezember. Fr 17 bis 20 Uhr, Sa/So 12 bis 16 Uhr. Stadtgalerie Baliere.


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