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Tagblatt Online, 21. April 2012, 01:06 Uhr

Von daheim in den Grossen Rat

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Kristiane Vietze hat die Wahl in den Grossen Rat dank ihres grossen Netzwerks geschafft. (Bild: Thomas Wunderlin)

Die neue Frauenfelder FDP-Kantonsrätin Kristiane Vietze hat mit ihrem Sprung in den Grossen Rat gestandene Lokalpolitiker überholt. Die Wirtschaftsprüferin und Mutter führte mit wenig Geld einen aktiven Wahlkampf, bei dem Paten und Freundinnen eine grosse Rolle spielten.

THOMAS WUNDERLIN

Thomas Wunderlin

FRAUENFELD. Der Ehemann von Kristiane Vietze war bisher bekannter als sie. Oliver Vietze führt als CEO das Familienunternehmen Baumer Group, das grösste Frauenfelder Unternehmen. Kristiane Vietze ist mit 2292 Stimmen in den Thurgauer Grossen Rat gewählt worden. Von Listenplatz 14 aus hat sie am viertmeisten Stimmen der FDP-Kandidaten des Bezirks erhalten.

Die anderen neu gewählten Kantonsräte des Bezirks Frauenfeld politisieren seit Jahren im Frauenfelder Gemeinderat: Stefan Geiges (CVP) und Christian Mader (EDU). Roland A. Huber (BDP) liess den Umweg über den Gemeinderat ebenfalls aus. Er wurde jedoch bereits letzten Herbst mit seiner Nationalratskampagne bekannt. Damals trat Kristiane Vietze erst in die Partei ein.

Auf ihrem Sprung in den Grossen Rat liess sie zudem zwei FDP-Gemeinderäte hinter sich, darunter Matthias Hotz, der seit 2003 im Gemeinderat sitzt und sich als dessen juristisches Gewissen profiliert hat. «Man muss immer damit rechnen, überholt zu werden», sagt FDP-Bezirkspräsident Michael Lerch, «auch wenn man gute Arbeit geleistet hat.»

Billiger Wahlkampf

Erstaunlicherweise hat Vietze wenig Geld für ihren Wahlkampf ausgegeben – nach ihren Angaben nur rund 5000 Franken. In den Strassen Frauenfelds war sie sehr präsent durch ihre Plakate. Sie habe nur zehn davon aufgestellt, dafür an gut sichtbaren Stellen, sagt Vietze. Sie musste keine Plakatstellen buchen. Die Plakate standen alle in privaten Gärten, deren Besitzer sie kennt. Dazu gehört etwa die ehemalige Frau Gemeindeammann von Herdern, Andrea Ferraro, die an der Ringstrasse wohnt. «Ich habe die Plakate relativ früh aufgestellt und hoffe, es habe niemanden gestört», sagt Kristiane Vietze, «aber wie will man sich sonst bekannt machen?»

Kristiane Vietze, Jahrgang 1968, ist in Matzingen als Tochter eines deutschen Swissair-Piloten aufgewachsen. Ihren Mann lernte sie an der Kantonsschule Frauenfeld kennen. Damals tanzte sie mit ihm Rock 'n' Roll-Akrobatik bei den Frauenfelder Hot Jumpers. Später studierte sie Betriebswirtschaft und wurde Revisorin bei PricewaterhouseCoopers.

Sie habe sich immer für Politik interessiert, doch keine Zeit dafür gehabt, sagt Kristiane Vietze. Als Wirtschaftsprüferin habe sie Einblick in verschiedene Branchen erhalten. Diese Erfahrungen möchte sie in die Politik einbringen, «auch die Erfahrungen als Familienfrau». Nach einem Aufenthalt in Dresden, wo ihr Mann eine Baumer-Filiale aufbaute, kehrte sie 2002 nach Frauenfeld zurück, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Diese sind jetzt elf und dreizehn Jahre alt und lassen ihr wieder Zeit für anderes. So arbeitet sie im Heimbüro zu 30 Prozent für die familieneigene Viebe Holding AG, wo sie für die Finanzen verantwortlich ist. In der Baumer Group hat sie nach eigenen Angaben keine Funktion.

Gut vernetzte Paten

Eine andere Partei als die FDP sei für sie nie in Frage gekommen; sie habe auch schon vor ihrem Eintritt viele Parteimitglieder persönlich gekannt. Das liberale Gedankengut sage ihr zu. Ihr politisches Ziel sei es, den Thurgau attraktiv und wettbewerbsfähig zu erhalten. Mehrere Paten und Patinnen, die alle gut vernetzt sind, haben für sie geworben. Dazu gehören ihre ehemalige Primarlehrerin Doris Riedener, die Leiterin des Frauenfelder Sozialdienstes Anneliese Zingg, der Müllheimer Architekt Konrad Häberlin und vor allem Richard Nägeli, der zurückgetretene FDP-Kantonsrat.

Keine Werbung bei Baumer

Dann hat sie Wahlzettel mit ihrem Foto auf den Umschlag von 2000 Schokoladetäfelchen geklebt. «Kristiane Vietze in den Grossrat» stand darauf – ihrem Wahlerfolg hat es nicht geschadet, dass das Gremium im Thurgau Grosser Rat heisst. Verteilt hat sie die Süssigkeiten am Sämannsbrunnen und an der Frühjahrsmesse. «Freundinnen haben die Schöggeli in der Handtasche mit sich getragen und verteilt.» Auch ihre Eltern und ihre Schwiegermutter haben geholfen.

Ihr Mann hatte einen Kleber mit ihrem Bild an seinem Auto. Bei der Baumer Group gab es sonst keine Werbung. «Wir haben bewusst darauf verzichtet.»



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