Phänomen Glühwein

FRAUENFELD ⋅ Hanspeter Maiers Glühwein-Dörfli am Schlossberg ist seit kurzem wieder offen. Und die Leute kommen in Scharen. Weil sie eine Auszeit von der unberechenbaren Welt suchen, sagt Maier.
30. November 2017, 07:09
Mathias Frei

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

Das Tor zu dieser anderen Welt: Es öffnet sich für nicht einmal zwei Monate im Jahr. Reicht nicht ganz für eine eigene Jahreszeit. Und Feiertage gibt es in der Glühwein-Welt auch keine. «Weihnachten? Silvester? Wir arbeiten durch, bis und mit Bechtelistag», sagt Glühwein-König HP Maier. Hier, wo HP für Hanspeter steht, duftet der nasskalte Frauenfelder Nebel nach süssem Alkohol und Stumpen. Für die temporären Bürger der Glühwein-Welt ist ein riesiger roter Teppich ausgerollt. Auf dem Stoff wiederholen sich die Buchstaben «HP». Spezialanfertigung aus Italien. «Ich rolle meinen Gästen den roten Teppich aus. Bei mir ist jeder ein Star», sagt der 62-Jährige.

Die Leute rufen nach HP, und HP ruft zurück. Sali, hoi du, und zum Abschied «En Schöne und bis morn, gell». Vor knapp zwei Wochen ging sein Glühwein-Stand am Schlossberg auf. An einem Sonntag war es. Und da waren sie wieder, die Menschentrauben am Schlossberg. Am Tag darauf, am Montag, fiel der erste Rekord. «Mein bisher bester Montag!» Und Maier macht das doch schon im vierten Jahr. «Nächstes Jahr feiern wir Jubiläum», sagt HP. Seine Augen glänzen. Fünf Jahre: Das macht ihn stolz – obwohl er weiss, dass sie eigentlich nicht scheitern konnte, seine Glühwein-Welt. Weil er ehrlich arbeitet und investiert, sowohl Geld als auch Herzblut.

Heisse Schoggi, Raclette und Hot Dogs

Der rote Teppich ist neu, das Kinderkarussell auch. Er hat es für den Frauenfelder Glühwein-Stand gekauft. «Das lohnt sich eigentlich nicht», sagt HP. Denn es braucht zusätzliches Personal. «Aber für die Familien mit kleinen Kindern ist es schön.» Und deshalb rentiert es sich eben doch. Denn die Familien essen und trinken. Für sie gibt es natürlich auch Alkoholfreies, von der heissen Schoggi bis zum Orangenpunsch. Dazu ein Crêpe, eine Portion Raclette oder einen Hot Dog? Keine schlechte Welt, hier liesse es sich knapp zwei ­Monate leben. Als Glühwein-Geniesser mit Akkorddurst und auch als Papi und Mami mit den Kleinen. HP will alle ansprechen.

Und dann kommt er ins Sinnieren. «In einer Zeit, wo man nicht weiss, was morgen Schlimmes passiert auf der Welt, brauchen die Leute etwas, wo man zusammenkommen kann.» Maiers Glühwein-Welt als heiler Rückzugsort, als Auszeit vom fordernden Alltag. «Einfach etwas Schönes fürs Gemüt.»

In Polen bekäme er den Glühwein zu einem Drittel des Schweizer Einkaufspreises. Aber das will er nicht. Er will Qualität bieten, und vor allem will er seine Gäste mit dem Glühwein nicht über den Tisch ziehen. Dabei trinkt HP eigentlich lieber ein kühles Bier. Dazu raucht er einen Stumpen, Pardon, eine Zigarre und lacht rund. Die Glocke bimmelt. Jemand hat Trinkgeld gegeben. Dann nimmt Maier sein Smartphone, zeigt ein eben eingetroffenes Bild vom Basler Weihnachtsmarkt. Menschenmassen, und Maiers Geschäft brummt – dort wie auch in Frauenfeld.

Ein Dutzend Personen braucht Maier für den Betrieb am Schlossberg. Tochter Gina Maier mit HPs zukünftigem Schwiegersohn arbeiten ebenso mit wie die zweite Tochter, Germaine Huber-Maier. «Schön, dass die Frauenfelder kommen und hinter HP Maier stehen», sagt er. Und er erzählt von einer Idee: eine künstliche Eisbahn im Glühwein-Land. «Aber das könnte ich nicht alleine stemmen. Das brauchte Sponsoren oder Geld von der Stadt.»

Glühwein, Raclette, Crêpes und Kinderkarussell bis und mit Bechtelistag am Montag, 15. Januar, täglich und bei jeder Witterung ab 11 Uhr geöffnet.


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