Ein herrlich groteskes Varieté

WIL ⋅ Das Gastspiel des Theaters Zürich brachte mit «Häuptling Abendwind» einen Einakter von Jacques Offenbach auf die Tonhallen-Bühne. Die Inszenierung hätte schräger kaum sein können.
04. Dezember 2017, 07:34
Carola Nadler

Carola Nadler

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Jacques Offenbach gilt als der Erfinder der Operette. Er selbst hat diesen Begriff allerdings nur ein einziges Mal verwendet und auch musikalisch ähneln seine Stücke den heute unter diesem Begriff zusammengefassten Werken der Wiener Operette kaum. Vielmehr hatte Offenbach in seinem «Théatre des Bouffes-Parisiennes», das er als Pendant zur Burleske- und Travestie-Operette gegründet hatte, satirisch-hintergründige Handlungen mit seiner unverkennbaren Musik kombiniert. Die eher im Varietébereich anzusiedelnde Musik gibt diesen Werken einen speziellen Charme, die Welt des Pariser Fin de Siècle zwischen Toulouse-Lautrec und Montmartre knistert zwischen den Notenlinien.

«Sex, Action, Skandale - wer bin ich denn?»

Dem Varieté-Charakter wurde das kleine «Pinguin-Orchester» unter Thomas Barthel gerecht, dessen kleine Besetzung mit einem fussbetriebenen Harmonium ergänzt wurde, als Ersatz für den breiten Streicherklang. Ein modernes Vibraphon sorgte für szenisch relevante Impulse, so beispielsweise für den Klingelton des Terra-Incognita-Reporters Jim McLair.

Dieser soll für den Sender Spektakuläres aufdecken. «Sex, Action, Skandale – wer bin ich denn?», rebelliert er kurzzeitig, sieht er doch sein Renommee als seriöser Forscher davonschwimmen. Doch bald schon erliegt er der Faszination der kleinen Südsee-Insel und nimmt mit der arroganten Überheblichkeit des Forschers das polyrituale Matriarchat auseinander.

Die Bewohnerinnen der Insel tanzen um einen Altar aus Ölfässern, dekoriert mit den Resten ihres letzten Festmahls – sie hatten ihre Gatten verspeist. Gerade recht kommt da ein Schiffbrüchiger, der allzu appetitlich aussieht: Schon sind Kochbuch und Hackbeil zur Hand, die H&M-Tüte mit Senf und Ketchup wird ausgepackt, das lebende Mittagessen bereits mit Aromat eingepudert. Dumm nur, dass sich Atala, Tochter von Häuptlingin Abendwind, in diesen Fremdling namens Artur verliebt. Doch Köchin Ho-Gu – die Ähnlichkeit zum französische «Haut Goût» ist natürlich beabsichtigt – ist schneller und gemeinsam mit der Häuptlingin-Rivalin Biberhuhn – die sich als Arturs Mutter entpuppt – gibt es ein Festmahl. Natürlich resultiert alles in einem Happy End, im Topf war ein Eisbär gelandet und Jim McNair nimmt die letzte Anweisung aus dem Regieraum entgegen: «Bitte noch ein Finale für die Zuschauer». Offenbachs «Galop infernal» (Cancan) auf «Orpheus in der Unterwelt» gibt dem herrlich schrägen, grotesken Treiben auf der Bühne einen fulminanten Schlusspunkt. Die Inszenierung konnte schräger kaum sein, herrlich makaber und angereichert mit Zeitgenössischem. Die Insel schützen? Mauer bauen. Auch visuell zogen die Ausstatter sämtliche Register: An den «richtigen» Stellen gepolsterte Overalls machten die Darstellerinnen zur Karikatur weiblicher Sinnlichkeit, irgendwo zwischen Venus von Willendorf und Niki de Saint-Phalle. Gesanglich hatte man mit dem Mix aus Schauspielern und Sängern dem historischen Vorbild Rechnung getragen – rundum also ein vergnügliches, unbekümmertes Varieté-Spektakel.


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