Er hat den Bauernhof neu erfunden

WUPPENAU ⋅ Statt den Hof in Gabris zu verkaufen, entschieden sich Karl Heuberger und seine Geschwister für einen anderen Weg. Heute wird der Gemeinschaftshof von Freiwilligen bewirtschaftet, weil sie mit dem Boden verbunden sein wollen.
05. Dezember 2017, 05:19
Ruth Bossert

Ruth Bossert

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Zum Zvieri gibt es Himbeersorbet und Marronikuchen. Mit dem Kernteam sitzen zwei Freiwillige am Gartentisch, die mit der Umzäunung der neu angelegten, 230 Meter langen Hecke beschäftigt sind. Einer davon ist Kurt Seifert aus Winterthur, Präsident des Vereins Förderband. Mit dabei ist auch Conni, ein Freund, der handwerklich mehr zu bieten habe, sagt Seifert, während er sich von der Kaffeerunde verabschiedet. «Wir umzäunen heute noch fertig, damit sich die Rehe nicht über die frisch gepflanzten Stauden hermachen können.»

Perspektiven aufzeigen

Gabris liegt knapp 700 Meter über Meer und gehört zur Thurgauer Gemeinde Wuppenau. Hochstammbäume, Wiesen und Wald prägen das Bild rund um den Hof. An schönen Tagen sieht man bis zum Bodensee und auf der anderen Seite zum Alpstein. In diesem Weiler mit den paar Bauernhöfen und einem Restaurant ist Karl Heuberger aufgewachsen. Er lernte Landwirt – das war einfach so – seine Eltern dachten, dass er den Hof später übernehmen werde. Anfang der 1990er-Jahre stieg der gelernte Landwirt und studierte Agronom beim Hilfswerk Heks ein und leitete 25 Jahre Projekte in Zentralamerika und Mexiko. Heute ist er Programmverantwortlicher für das Heks-Landesprogramm Äthiopien mit einem 70-Prozent-Pensum und kümmert sich in seiner Freizeit um das eigene Projekt, den Gemeinschaftshof, den er auch als eine Art Entwicklungsarbeit sieht. Seine Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit mit Kleinbauernfamilien und der überall präsenten Landflucht haben ihn für ein anderes Bewusstsein sensibilisiert. Die Entwicklungshilfe zielt auch darauf hin, den Menschen auf dem Land Perspektiven zu bieten und trotz grosser Schwierigkeiten aufzuzeigen, wie Land und Boden geschützt und nachhaltig bewirtschaftet werden können. «Der Mensch muss mit dem Boden verbunden bleiben.»

Karl Heubergers Eltern haben das Land später verpachtet, blieben aber bis zu ihrem Tod auf dem Hof wohnen. Die Suche nach einer für alle Geschwister guten Lösung war ein anspruchsvoller und spannender Prozess. «Den Hof auflösen, kam für mich ebenso wenig in Frage wie als Vollzeitbauer einzusteigen», erklärt Karl Heuberger. Seine gute Vernetzung mit Menschen, denen Solidarität und das Bewusstsein für eine gesunde Landwirtschaft wichtig sind und die auch selber gerne mit den Händen arbeiten, half ihm, die Idee eines gemeinschaftlich geführten Betriebs zu realisieren. Drei Viertel des benötigten Kapitals wurde von Mitgliedern des neu gegründeten Fördervereins zu zinsgünstigen Bedingungen zur Verfügung gestellt. 2015 wurde der Hof Gabris ein anerkannter landwirtschaftlicher Betrieb. Seit 2017 ist er von Biosuisse als Knospe-Betrieb zertifiziert. Geführt wird er von einem Kernteam, dem neben Karl Heuberger auch Katharina Hugentobler, Schulische Heilpädagogin in Zürich, und Maggie Appenzeller, Shiatsu-Trainerin aus Hörhausen, angehören. «Wir sind auf eine ständige Präsenz auf dem Hof angewiesen. Der Zufall will es, dass Maggi Appenzeller mit ihren zwei Island-Pferden auf den Hof zieht», sagt Heuberger. Hier leben aktuell neun Schottische Hochlandrinder, ein gutes Dutzend Appenzeller Barthühner und der Hahn Odysseus. Auf 20 Aren wachsen Sommerhimbeeren, die in der Region und in ausgesuchten Bioläden verkauft werden. Rund um den Hof wachsen um die 80 Apfel- und Birnbäume, alles Hochstamm. Dazu 50 junge Fellenberg-Zwetschgenbäume. Rund ein Drittel der Bäume wurde neu gepflanzt. Auf den Feldern gedeihen Kulturen, die standortgerecht sind und guten Absatz finden. Heuer wurde zum ersten Mal Hirse geerntet. Für nächstes Jahr sind 2,5 Hektaren Winterweizen angesät. Im Ackerbau arbeitet der Gemeinschaftshof im Rahmen einer Fruchtfolgegemeinschaft mit Roland und Mariette Heuberger zusammen, die in nächster Nähe ebenfalls einen Biohof bewirtschaften. «Neben der Vielfalt müssen die Kulturen auch wirtschaftlich sein», sagt Karl Heuberger. Das Experiment gehe weiter. Er liebäugelt mit Bienenvölkern, Kräutern und einer Ergänzung der Tierhaltung mit Wollschweinen. «Wir sind offen, experimentieren und sammeln Erfahrungen.» Wichtig ist der Gemeinschaft auch der ökologische Aspekt. Hecken, Steinhaufen, Ruderalflächen, Teiche, Wasserläufe sind wichtige Rückzugsorte für Wildtiere und Pflanzen. Solche Massnahmen zur Stärkung der Artenvielfalt werden nach Möglichkeit umgesetzt.

Begegnung zwischen Stadt und Land

«Es ist uns wichtig, dass der Hof funktioniert und landwirtschaftsferne Leute die Möglichkeit haben, mitzuarbeiten», sagt Heuberger. Die Produkte sollen möglichst in der Region bleiben und nicht quer durch die Schweiz transportiert werden. Zudem ist der Gemeinschaft wichtig, dass der Hof ein Ort der Begegnung von Stadt und Land wird, aber auch ein Ort der Auseinandersetzung rund um Ernährung und Agrarkultur in einer Welt begrenzter Ressourcen. Viel Unterstützung erhält das Kernteam vom gut 120 Mitglieder zählenden Förderverein Förderband. 20 bis 30 Mitglieder helfen regelmässig oder punktuell als Freiwillige mit. «Besonders bei der Ernte von Himbeeren, Äpfeln und Zwetschgen sind wir um jede Hand froh.»

 

Hinweis

Der Beitrag wurde vom Landwirtschaftlichen Informationsdienst LID zur Verfügung gestellt.


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