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Tagblatt Online, 30. Juni 2012, 11:33 Uhr

Gehupe zwischen Pizzeria und Gelateria

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Donnerstag, 23.57 Uhr: Italienische Fussballfans feiern am Wiler Ilgenkreisel den Sieg über Deutschland. (Bild: sme.)


Wil. Das Fussballspiel endet mit dem Schlusspfiff des Schiedsrichters. Die Spieler schütteln sich daraufhin sportlich die Hand und tauschen ihre verschwitzten Trikots untereinander aus. Wenige Sekunden danach, der Schiedsrichterpfiff hallt noch in den Ohren, fährt unten auf der Strasse das erste hupende Auto vorbei. Die Warnblinker geben den Takt vor, auf der Seite des Beifahrers lehnt ein junger Mann halsbrecherisch aus dem Fenster und schwenkt dabei eine dreifarbige Fahne, während er Parolen in den Nachthimmel schreit. Jetzt hat die Verlängerung erst richtig begonnen. Sie dauert rund 120 Minuten und zeichnet sich durch die ununterbrochene Huperei vorbeifahrender Fahrzeuge aus. Wer an einem Kreisel zwischen einer Pizzeria und einer Gelateria wohnt, hat alles andere als eine ruhige Nacht vor sich.

Am Wiler Kreisel feiern

Wenn Fussballfans aus der ganzen Umgebung mit ihrem Fahrzeug nach Wil fahren, um gemeinsam hupend ihrer Freude freien Lauf zu lassen, sind die Ordnungskräfte in erster Linie um die Sicherheit bemüht. So war es auch am Donnerstagabend, als im Halbfinal der Fussball-Europameisterschaft Italien gegen Deutschland gewonnen hatte. Man will nicht allein feiern und pilgert deshalb aus der ganzen Region nach Wil an den Kreisel. «Rund 600 Personen haben sich nach dem Spiel beim Schwanenkreisel aufgehalten», sagt Einsatzleiter Jürg Rütschi, Chef der Wiler Stadtpolizei. Eine Stunde später marschierten die feiernden Fans zum Ilgenkreisel und blockierten diesen.

Tragik am Schwanenkreisel

Vor mehreren Jahren wurde für solche Situationen von Polizei und Sicherheitsverbund ein Konzept ausgearbeitet, um die Sicherheit im öffentlichen Raum trotz überschwenglich autofahrenden Fussballfans zu gewährleisten. So ist man dank eines vorzeitigen Aufgebots Dutzender Personen in der Lage, kurzerhand mit Strassensperrungen den Schwanen- oder auch den Ilgenkreisel vom Verkehr abzuschneiden. In diesem Jahr liege der Vorteil darin, dass die Spiele erst nach 22 Uhr zu Ende und dadurch keine Pendler und kaum Berufsverkehr von der Situation betroffen seien, sagt Andreas Dobler, Chef des Sicherheitsverbundes. Nicht primär die hupenden Fans, sondern das verbotene Abfackeln von Pyros und Knallkörpern sind für die Polizei vermehrt die grössten Probleme bei den Fussballfeiern im öffentlichen Raum. Ansonsten stellt sie aber fest, dass von den feiernden Fans keine gröbere Unordnung hinterlassen werde. Auch sei es bisher während der EM zu keinen namhaften Sachbeschädigungen oder Schlägereien gekommen, sagt Stadtpolizeichef Rütschi. Eine tragische Szene überschattete aber in der Nacht auf Dienstag die Ereignisse am Schwanenkreisel. Eine Polizistin wurde dort durch einen Knallkörper am Ohr verletzt. Aufgrund einer Gehörschädigung ist die Beamtin weiterhin ausser Dienst.

Die lautesten Nächte bis 2014

Am späten Sonntagabend wird der Schiedsrichter den EM-Final zwischen Italien und Spanien abpfeifen. Bei einem Sieg Italiens erreicht dann die hupende Verlängerung ihren diesjährigen Höhepunkt. Danach sind für jene, die am Kreisel zwischen Pizzeria und Gelateria wohnen, bis zur Weltmeisterschaft 2014 die lautesten Nächte überstanden. Silvan Meile



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