Ein Bier mit Angus Young

FRÜMSEN ⋅ Für Ernst Suhner sind die Buchstaben AC/DC weit mehr als nur vier Buchstaben. AC/DC sind sein Leben.
30. November 2017, 06:00
Andrea Müntener
redaktion@wundo.ch

Nach wenigen Sätzen steht fest: Ernst Suhner ist ein lebendes AC/DC-Lexikon. Es gibt kein Konzert, keine Plattenveröffentlichung oder sonstigen Anlass mit der Band, zu dem ihm nicht unverzüglich die passende Story einfällt. Der 50-Jährige ist ein eingefleischter Fan, wie wohl kein anderer hier zu Lande.

«Angefangen hat es zu Beginn der Achtzigerjahre in der Oberstufe. Mein damaliger Lehrer war ein Musikfreak und stets im Besitz der neusten LPs, so auch die von AC/DC», erinnert sich der Logistiker an die Anfangszeit zurück. Sobald der Lehrer in die Pause verschwand, hörten sie seine LPs. Das AC/DC-Album «Back in Black» wurde rauf und runter gespielt. Songs wie «Hells Bells» oder «Rock and Roll ain’t Noise Pollution» gingen Suhner nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder summte er die Melodien vor sich hin. So widmete er nicht nur die Pausen in der Schule, sondern auch immer mehr Freizeit der internetlosen Recherche über die damals noch ziemlich unbekannte Hard-Rock-Band aus Australien.

An sein erstes Konzert auf der Schützenwiese in Winterthur erinnert sich Ernst Suhner gerne zurück: «Meine Eltern erlaubten mir erst 1984, mit 17 Jahren, ein Konzert zu besuchen, davor liessen sie sich nicht erweichen. Ich war wochenlang enorm kribbelig vor lauter Vorfreude. Meine Erwartungen an das Konzert waren riesig – und wurden vollumfänglich erfüllt, wenn nicht übertroffen. Es war wie ein Lotto-Sechser, Geburtstag und Weihnachten zusammen. Ein für mich unbeschreibliches Konzert!»
 

149 Konzertbesuche

Auf sein erstes Konzert in Winterthur folgten 148 weitere, verteilt in ganz Europa und Australien. Ernst Suhner und ein paar Freunde reisten wann immer möglich an jedes Konzert innerhalb Europas. Im Anschluss an die Konzerte standen sie sich für Stunden die Beine in den Bauch, um sich ein Autogramm zu erbetteln oder gar ein Blick auf eines der verehrten  Bandmitglieder zu erhaschen! Die Krönung war natürlich, wenn ein gemeinsames Foto mit den Angebeteten gelang, 
Ernst Suhner hat eine grosse Fanartikel-Sammlung. Zoom

Ernst Suhner hat eine grosse Fanartikel-Sammlung.

was anfangs nicht sehr oft vorkam. Seine Hartnäckigkeit wurde belohnt. «Ich liess keine Gelegenheit aus, um an Autogramme oder Fotos zu kommen, ich war ihnen in der Tat wohl ziemlich lästig mit der ewigen Fragerei», erinnert sich Ernst Suhner. Durch seine stete Präsenz während und im Anschluss an die Konzerte fiel der Fan dem Security Manager von AC/DC auf. Just dieser entschied, dass der Frümsner seit 1996 immer wieder im Besitz eines AAA-Passes für die AC/DC-Konzerte erhielt. Eine befriedigende Lösung für alle Beteiligten! AAA steht für All Area Access und ermöglicht dem Besitzer unbeschränkter Zugang zu allen Bereichen des Konzertes. «So kam es vor, dass ich mich plötzlich auf der Bühne zwischen all den Gitarren, Mikrofonen und Kabeln wieder fand. Himmel auf Erden, sage ich dir», schwärmt er. Er selbst spielt zwar kein Instrument, kann aber alle Songtexte – nicht nur den von seinem Favorit «Night Powler» – auswendig mitsingen. 
Im Jahr 1996 nahm sich Suhner eine Auszeit von einem halben Jahr und reiste der Band mit seinem AAA-Pass auf ihrer «Ballbreaker World Tour» nach, Konzert für Konzert. «Die Stimmungsunterschiede im Publikum waren enorm. Der kalte Finne sass emotionslos auf seinem Campingstuhl und wippte maximal mit dem Fuss im Takt mit. Während die heissblütigen Spanier schon bei der Vorgruppe musikalisch abgingen und tanzten, als ob es kein Morgen mehr gäbe», erzählt der Weltenbummler von seinen Konzerterfahrungen. Was er über das Schweizer Publikum erzählt, mag wohl einigen nicht gefallen: «Viele Schweizer Fans dröhnen sich an Hard-Rock-Konzerten zu – nicht nur mit Alkohol. Dass sie kaum mehr aufnahmefähig sind, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich besuche das Konzert schliesslich wegen der Musik, nicht wegen dem Rausch!» 

 

Massen an Fanartikeln

Dank seines begehrten AAA-Passes ergab sich auch die Möglichkeit, nach dem Konzert Backstage mit Teilen der Band wie Angus Young oder dem kürzlich verstorbenen Malcolm Young ein Bierchen zu trinken oder einen Happen zu essen. Und selbstverständlich zu plaudern. «Man kannte sich halt mit der Zeit, es war wie eine grosse Familie, mit unglaublich viel Spass», erinnert sich der bescheidene Fan. Nebst Konzertbesuchen sammelte Suhner Merchandise-Artikel. Alles, was das Logo der Band zierte, zog ihn magisch an. «Heute sind es vor allem LPs. Nebst über 600 CDs und rund 150 altertümlichen Kassetten besitze ich knapp 1700 LPs. Allesamt von AC/DC. Manchmal liegen die Unterschiede lediglich in der Farbe der gepressten Scheibe oder in der Sprache des Booklets. «Ich weiss mit Sicherheit, dass ich nichts im Doppel besitze.»  Immer wieder stöbert er auf Flohmärkten und Plattenbörsen, um noch an weitere Schätze zu kommen.

Auch sein Schlafzimmer im Eigenheim in Frümsen trägt die unverkennbare Handschrift der Kultband. An den Wänden prangen Fotos mit einem noch jungen, aber sichtlich stolzen Ernst Suhner und Brian Johnson, dem Sänger. 

Wie es zukünftig mit seiner Fantätigkeit aussieht, kann Suhner noch nicht mit Sicherheit sagen. Einmal Fan – immer Fan? «Ja natürlich! Ich bin ein Fan der ersten Stunde, als AC/DC noch wirklich AC/DC war! Mittlerweile sind die meisten Bandmitglieder ausgewechselt. Einzig Angus Young an der Leadgitarre ist seit  Anfang mit dabei.»

Auch das Publikum, die Fans an und für sich, haben sich verändert, wie Suhner weiss: «Es hat sich unglaubwürdig verändert. Früher waren wir Fans die Rocker, in Turnschuhen, verwaschenen  AC/DC-Shirts, Lederjacken oder eben den Jeanswesten mit den bunten Stoffbuttons. Und heute? Heute findet man feine Herren in Krawatten mit ihren Businessfräuleins in hochhackigen, eleganten Schühchen im Publikum. Am Arm baumelt ihre noch elegantere Markenhandtasche. Ihr einziges Ziel besteht darin, ein gelungenes Selfie im AC/DC Publikum hinzubekommen!» Das ist nicht Suhners Welt. Er mag es einfach und bodenständig, hat nichts mit «Etepetete» am Hut. Am nächsten Tag bei der Arbeit muss er nicht damit prahlen, dass er am AC/DC-Konzert war. Ernst Suhner ist AC/DC!
«Jetzt bin ich 50. Fast zwei Drittel meines Lebens habe ich eng mit AC/DC verbracht. Für meinen zweiten Lebensabschnitt werde ich mir vielleicht ein anderes, ebenso intensives Hobby zulegen», erzählt er verschmitzt. Die ersten Schritte dazu hat er bereits eingeleitet. Überall auf der Welt besucht er Hard-Rock-Cafés und nimmt sich aus dem Fanshop ein Schnapsgläschen mit nach Frümsen. Und diese Sammlung ist noch lange nicht komplett.

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