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Tagblatt Online, 19. Januar 2012 01:03:00

Bürgistrasse war nicht für Jost Bürgi gedacht

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Die Bürgistrasse könnte genau genommen auch Carl-Bürgi-Strasse heissen. Zum Dank an den reichen Wohltäter Lichtensteigs wurde der Abschnitt der Wasserfluhstrasse 1923 umbenannt. (Bild: Hansruedi Kugler)

LICHTENSTEIG. 63 Strassen und Wege sind auf Lichtensteiger Gebiet bezeichnet. Nur einer scheint einem berühmten Sohn der Stadt gewidmet: Jost Bürgi. Genau genommen müsste die Bürgistrasse aber Carl-Bürgi-Strasse heissen, nach dem letzten aus dem Bürgi-Geschlecht und Textilunternehmer.

HANSRUEDI KUGLER

 Die Diskussion um die mögliche Umbenennung der Unteren Weierbodenstrasse ist nicht die erste ihrer Art. 1923 wurde der unterste Abschnitt der Wasserfluhstrasse in Bürgistrasse umbenannt. Schaut man sich die Liste der Lichtensteiger Strassen- und Wegnamen an, so fällt auf: Die Lichtensteiger Strassen sind mehrheitlich von Flurnamen abgeleitet – von der Aeulistrasse über den Floozweg bis zum Weierbodenweg. Die Ideen der Weierboden-Quartierbewohner («Sonnenboden», «Lindenstrasse») gehen in dieselbe Richtung. Nur ein einziger Lichtensteiger scheint mit einem Strassennamen verewigt: Jost Bürgi, der Mathematiker, Astronom und Uhrenbauer von Weltruf, der 1552 in Lichtensteig geboren, später am Hof Kaiser Rudolfs in Prag zu den führenden Gelehrten seiner Epoche gehörte.

Gründer der Bürgi-Stiftung

Zumindest glauben die heutigen Lichtensteiger, dass die Bürgistrasse an Jost Bürgi erinnern soll. Seine Büste ziert die Fassade des ehemaligen Lichtensteiger Oberstufenschulhauses. Wie Stadtarchivar Robert Forrer nun aber herausgefunden hat, war die Umbenennung der Wasserfluhstrasse vom Obertorplatz bis zur Kurve oberhalb der Badi in Bürgistrasse aber gar nicht als Andenken für Jost Bürgi gedacht, sondern als Dank an Carl Bürgi, den letzten des Bürgi-Geschlechts, der 1921 mit 88 Jahren in Basel als reicher Textilunternehmer gestorben ist. Carl Bürgi hatte der Ortsgemeinde und der Politischen Gemeinde, der Schule, dem katholischen Pfarramt und dem Cäcilienverein insgesamt 96 000 Franken vermacht. 50 000 Franken aus der Gesamtsumme machte die Schenkung für die Jost-Bürgi-Stiftung aus, die seither aus dem Zinsertrag kulturelle Bestrebungen in Lichtensteig fördert. Die 10 000 Franken für die Politische Gemeinde wurden folgendermassen verteilt: 5000 Franken für ein Brandreservoir, 2000 Franken für den Lehrlingsfonds der Politischen Gemeinde, 2000 für den Kirchenheizungsfonds und 1000 Franken für die öffentliche Gemeindekrankenkasse. So steht es im Protokoll des Gemeinderates vom 21. November 1923. Der Vorschlag für die Umbenennung in Bürgistrasse kam vom Ortsverwaltungsrat, also von der Ortsbürgergemeinde Lichtensteig: Es wurde darin die Anregung gemacht, «es möchte in Ehrung des altehrwürdigen Bürgi-Geschlechtes und des hochherzigen Gönners Carl Bürgi selig, der Strassenstrecke vom Obertor bis zur Ortsgenossenscheune der Name <Bürgistrasse> verliehen werden».

Reicher Textilunternehmer

Carl Bürgis Vater Karl Rudolf Bürgi war Bezirksrichter, Kantonsrat und Gastwirt im Lichtensteiger «Rössli», dem heutigen Postgebäude. Er starb 1869. Sein Sohn Carl Bürgi hatte Gemeinsamkeiten mit dem Mathematiker Jost Bürgi. Beide sind ausgewandert und kamen zu Reichtum und Ansehen. Carl Bürgi, der 1833 in Lichtensteig geboren wurde, begann seine berufliche Laufbahn bereits 1851 im Textilunternehmen Koechlin & Baumgartner in Lörrach bei Basel und arbeitete sich hoch bis zur «rechten Hand des Geschäfts», heisst es im Nachruf auf Carl Bürgi im Toggenburger Boten vom 2. Juli 1921. Heute würde man Carl Bürgi wohl als Geschäftsführer bezeichnen. Die Koechlin, Baumgartner & Cie existiert immer noch, in ihren besten Zeiten beschäftigte die Firma rund 2000 Angestellte und bezeichnet sich als «bedeutendstes Stoffdruck-Unternehmen Europas».

Jost Bürgi bekommt Denkmal

Eigentlich hätte so die Bürgistrasse auch Carl-Bürgi-Strasse heissen können. Auch wenn Stadtarchivar Robert Forrer nun die historischen Umstände der Umbenennung der Wasserfluhstrasse in Bürgistrasse aufgeklärt hat, bleibt wohl Jost Bürgi der bedeutendste Lichtensteiger. Ein Denkmal hat er schon 1906 bekommen: Einen Felsen mit einer eingelassenen Bronzetafel mit Büste des berühmten Mathematikers. Auch dieses Denkmal war ein Geschenk des reichen Textilunternehmers Carl Bürgi. Beim Bau des Oberstufenschulhauses musste das Denkmal weichen. Seither ist die Bronzetafel in die Fassade des Schulhauses eingebaut. Das Denkmal selbst wurde 1961 ersetzt durch eine moderne, abstrakte Kupferplastik des Bildhauers Arnold Zürcher.





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