Tagblatt Online, 19. Januar 2012 01:03:00
Jede zweite ist eine Ferienwohnung
Als landwirtschaftlich geprägte Region sind Streusiedlungen typisch für das Toggenburg – hier Unterwasser und im Hintergrund Wildhaus. (Bild: pd)
WILDHAUS-ALT ST.JOHANN. Für touristisch geprägte Gemeinden käme die Annahme der Zweitwohnungs-Initiative einem sofortigen Baustop für Ferienwohnungen gleich. Rolf Züllig, Gemeindepräsident von Wildhaus-Alt St. Johann, findet zwar die Absichten hinter der Initiative gut, sieht aber bessere Lösungsansätze.
MATTHIAS GIGER
Am 11. März gelangt die Zweitwohnungs-Initiative zur Abstimmung. Sie verlangt, dass Gemeinden nicht mehr als 20 Prozent Zweitwohnungen aufweisen dürfen. In der Tourismusgemeinde Wildhaus-Alt St. Johann liegt gemäss Gemeindepräsident Rolf Züllig der Ferienhaus- und Wohnungsanteil beispielsweise in Wildhaus bei über 50 Prozent. «Für uns hätte die Annahme der Initiative einen sofortigen Baustop für Wohnungen und Häuser zur Folge, die als Feriendomizil genutzt werden», sagt er. Nicht nur die örtliche Bau- und Immobilienbranche wären betroffen. «Ein Viertel der Steuereinnahmen der Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann stammt von Leuten mit Zweitwohnsitz. Darin sind die Handänderungssteuern oder die Gebührenerträge, beispielsweise für Wasser oder Abwasser, noch nicht enthalten», betont der Gemeindepräsident. Diese Einnahmequelle würde mit Annahme der Initiative zwar nicht gleich versiegen, aber auch nicht weiter anwachsen. Denn auch ein grosser Teil der Neubauten werden im Ortsteil Wildhaus als Feriendomizil genutzt. «Als Tourismusgemeinde müssen wir den Spagat zwischen ständiger Wohnbevölkerung und Besitzern von Ferienwohnungen schaffen, denn für uns sind beide Gruppen wichtig», sagt Rolf Züllig.
Gut gemeint, falscher Weg
Den hehren Absichten, die hinter der Initiative stecken, könne er viel abgewinnen. Eine intakte Landschaft und Bergwelt gehöre zum Kapital von touristisch geprägten Gemeinden. Daher sei die Gemeinde von sich aus bestrebt, die Zersiedelung einzudämmen. «Ich bin aber überzeugt, dass der richtige Weg über die Zonenpläne führt und nicht über die Initiative», sagt Rolf Züllig. Das revidierte Raumplanungsgesetz verpflichtet die Kantone und Gemeinden, einer weiteren Zersiedelung entgegenzuwirken. Hierfür revidieren die Gemeinden ihren Zonenplan. Bauland, das ausserhalb des Dorfes liegt, wird ausgezont. Dafür werde beispielsweise eine in Dorfnähe gelegene Parzelle der Landwirtschaftszone zu Bauland. «Das birgt natürlich ein gewisses Konfliktpotenzial, denn wird Bauland ausgezont oder vorgesehenes Bauland (übriges Gemeindegebiet) nicht berücksichtigt, heisst das für den Besitzer, dass es weniger wert ist», sagt Rolf Züllig. Für den Einzelnen sei dies zwar negativ, für die Allgemeinheit aber gut. Ein Beispiel für dieses Konfliktpotenzial sei der überarbeitete Zonenplan im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Wildhaus. Gegen ihn wurden 17 Rekurse eingereicht, ein Teil davon wegen des Wertverlustes. In den nächsten Wochen könne man die letzten Korrekturen am Zonenplan Wildhaus erledigen.
Aktuell verfügt Wildhaus über eine Baulandreserve von 17 Prozent gegenüber mehr als 25 Prozent vor der Revision. «Die Gemeinde hat dieses dem Markt entzogen, um die Zersiedelung zu stoppen», erläutert der Gemeindepräsident. Die Unterscheidung zwischen Zersiedelung und Streusiedlung ist Rolf Züllig wichtig: «Die Streusiedlungen sind charakteristisch für das Toggenburg. Sie zählen zum kulturellem Wert unseres Tals. Sie werden und sollen bestehen bleiben.»
Lieber Komfort als Aussicht
Dasselbe Ziel wie die Initianten verfolge die Gemeinde auch, wenn es darum geht, die bestehenden Zweitwohnungen besser auszulasten. «Anders als die Initiative, die den Bau neuer Zweitwohnungen verbieten will, schaffen wir ein touristisches Angebot, über das Private ihre Ferienwohnung oder ihr Ferienhaus vermieten können», sagt Rolf Züllig.
Gegen den Baustop, den die Annahme der Initiative mit sich bringt, spreche auch der Zeitgeist. Vierzig Jahre alte Ferienhäuser und Ferienwohnungen seien nicht marktfähig. «Der neuen Generation ist der Komfort beim Buchen oder Kauf einer Ferienwohnung wichtiger als eine unverbaubare Aussicht. In fünf Minuten ist man in unserer Gemeinde ohnehin mitten in der Natur.» Daher bestehe auch eine grosse Nachfrage nach zentrumsnahen Ferienwohnungen.
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