Vom Fässliträger zum Therapeuten

THERAPIEHUNDE ⋅ Dass der Bernhardiner mehr ist als nur ein sabbernder Faulpelz, beweist Peter Glaus: Mit seinen zwei Hunden vom St. Bernhard setzt sich der Steinacher für andere Menschen ein.
21. November 2017, 06:47
Jil Lohse

Jil Lohse

jil.lohse@tagblatt.ch

Angefangen hatte alles 2007 mit dem Labradorrüden Picasso. Damals stand es sehr schlecht um Peter und Eva Glaus’ Tochter. Die 14-Jährige war magersüchtig. Nachdem etliche Therapieversuche gescheitert waren, schlug der Kinderarzt den ratlosen Eltern vor, es mit einem Hund zu probieren. Damals wog das Mädchen nur noch knapp über 30 Kilo und obwohl Peter Glaus strikt gegen einen Hund war, liess der besorgte Vater sich schliesslich von Frau und Tochter dazu überreden. Zum Glück, wie er heute sagen kann, denn der Kinderarzt sollte mit seiner Vermutung recht behalten. Mit dem Einzug Picassos erholte sich das Mädchen wieder und für Peter Glaus war klar: Diese Freude möchte er auch anderen Menschen weitergeben. Zusammen mit seinen zwei Bernhardinern Aveline und Jasper besucht der Steinacher heute Pflegeheime, Kindergärten und betreut autistische Menschen.

Ein Ehrenamt, das glücklich macht

Die Ausbildung zum Therapiehund dauert sechs Monate. Es eignet sich jedoch längst nicht ­jeder Hund als therapeutischer Vierbeiner, wie Peter Glaus sagt: «Die Hunde müssen mit allem verträglich sein können, was man sich im Alltag irgendwie vorstellen kann. Rollstühle, Gehgestelle oder plötzliche Schreie von Menschen, die ungewöhnliche Bewegungen machen, dürfen dabei kein Problem für den Hund darstellen.» Zusammen mit seiner Bernhardinerhündin Aveline unterstützt Peter Glaus mehrere gemeinnützige Projekte. Ein Job, der viel Zeit in Anspruch nimmt, dem Hundefreund jedoch keinen Profit einbringt. Als Botschafter der Fondation Barry (siehe Zweittext) ist die Unentgeltlichkeit bei der Arbeit mit Therapiehunden ein wichtiger Grundsatz für den Steinacher: «Es macht mich einfach glücklich, wenn ich sehe, wie viel Freude die Hunde bei anderen Menschen auslösen. Das ist der grösste Verdienst, den man dabei haben kann», sagt Peter Glaus. Und die Leute danken es ihm allemal.

Seit sechs Jahren besuchen Aveline und er zweimal in der Woche das Alters- und Pflegeheim Sonnhalden in Arbon. Für jeweils zwei Stunden statten die beiden dann einzelnen Bewohnern einen Besuch ab. Eine von ihnen ist die 90-jährige Lydia Monod. Die gebürtige Freiburgerin lebt seit 2011 im Pflegeheim Sonnhalden. Der allwöchentliche Besuch von Aveline und ihrem Herrchen zählt für sie zu den Highlights der Woche. Sichtlich erfreut fällt auch die Begrüssung aus, wenn die 47 Kilogramm schwere Bernhardinerhündin den Raum der alten Dame betritt. «Dass wir uns schon lange kennen, das spürt man. Und dass Aveline so eine gute Seele ist, kommt sicher nicht von ungefähr. Wie der Herr, so’s Gescherr», sagt sie und schaut dabei sichtlich dankbar zu Peter Glaus herüber. Eine ganze Weile lang wird Aveline von Lydia Monod liebkost und betätschelt. Die Hündin scheint dies offensichtlich sehr zu geniessen. «Irgendwann muss man dann aber schon mal einen Schlussstrich ziehen und schauen, wann der Hund genug hat. Das merkt man dann schon», sagt Peter Glaus und bereitet allmählich den Nachhauseweg vor. Zum Abschluss bekommt Ave­line noch eine Handvoll Guetzli und dann geht es für den 65-Jährigen und seine flauschige Begleitung wieder in Richtung Heimat.

Im Durchschnitt wird ein Bernhardiner neun Jahre alt. Obwohl Aveline mit ihren sieben Jahren somit schon eine Grossmutter ist, ist sie noch immer topfit. Im vergangenen Jahr erst unternahm Peter Glaus mit seinen beiden Hunden eine Wanderung von St. Moritz nach Steinach, die er in nur elf Tagen bewältigte. Im Jahre 2013 spazierte der Steinacher sogar vom Bodensee bis zum Grossen St. Bernhard, wo seine Hunde einst das Tageslicht erblickten. «Damit wollte ich zeigen, dass der Bernhardiner mehr ist als nur ein sabbernder Faulpelz, der ein Fässli um den Hals trägt und ansonsten den ganzen Tag schläft», sagt ­Peter Glaus. Und obwohl eine ­erneute Wanderung bisher noch nicht geplant sei, hat der Stein­acher bereits viele Ideen für die nahe Zukunft: «Derzeit erarbeite ich gemeinsam mit der Stadt Konstanz einige neue Projekte für Familien mit Kindern», sagt ­Peter Glaus.


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