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Tagblatt Online, 25. Januar 2012 08:44:00

Überraschung vor der Türe

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Sonja Lichtenstern weiss, wer in Steinach wann Geburtstag hat. (Bild: Lea Müller)

STEINACH. Die Steinacherin Sonja Lichtenstern ist die «Geburtstagsfee» des Dorfes. 30 Jahre lang gratulierte sie Pensionärinnen und Pensionären persönlich. Jetzt hat sie ihre Arbeit beendet.

LEA MÜLLER

Im Geburtstagskalender von Sonja Lichtenstern ist kaum eine Zeile frei. Nicht nur, weil die Steinacherin eine grosse Familie und viele Freunde hat. Sondern auch, weil sie die Geburtstage von Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern über 80 Jahre nicht vergessen will. Im vergangenen Jahr stand Sonja Lichtenstern über 80 Mal mit Blumenstrauss oder Weinflasche vor fremden Haustüren. Im Auftrag der Pro Senectute Region Rorschach und Unterrheintal überbrachte sie den Steinacher Jubilarinnen und Jubilaren Glückwünsche zum Geburtstag. 30 Jahre lang arbeitete sie für die Sozialorganisation. Viele Mitmenschen besuchte sie mehrere Male: jeweils zum 80. und 85. und ab dem 90. Geburtstag jedes Jahr.

Haushilfedienst gegründet

Ein Engagement, das von Jahr zu Jahr mehr Zeit in Anspruch nahm: Standen vor 30 Jahren noch etwa ein Dutzend Jubilare auf Lichtensterns Liste, waren es im vergangenen Jahr bereits über 80. Doch der wachsende Aufwand für die Gratulationsbesuche wurde ihr bis zum Schluss nicht zu gross: «Ich habe das sehr gern gemacht», erzählt die heute 76-Jährige. Der persönliche Kontakt zu den älteren Mitmenschen im Dorf ist mir sehr wichtig.»

Sonja Lichtenstern wollte als Mädchen Krankenschwester werden. Den Einstieg ins Berufsleben fand die junge Zürcherin aber mit einer Ausbildung zur Schneiderin. 1967 zog sie mit ihrer Familie nach Steinach. Bald engagierte sie sich als Freiwillige im Samariterverein. «Meine Kinder sagen, dass ich ein Helfersyndrom hätte», erzählt sie schmunzelnd. Als sie 1981 die Ortsvertretung der Pro Senectute in Steinach übernahm, gründete sie eine Turngruppe für Senioren, die sie etwa 20 Jahre lang führte.

Sonja Lichtenstern hat in Steinach viel bewegt. Der wichtigste Meilenstein ist für sie die Gründung des Haushilfedienstes und des Mahlzeitendienstes. Mit Unterstützung von zwei weiteren Frauen der Pro Senectute nahm sie die Arbeit in Angriff. Später betreuten etwa 20 Helferinnen bis zu 40 Haushalte in der Gemeinde. 2008 übergab sie die Leitung des Haushilfedienstes in neue Hände. Die Gratulationsbesuche führte sie aber weiter. «Mit den Jahren sind mir viele Bekannte ans Herz gewachsen», erzählt sie.

Obwohl Sonja Lichtensterns Besuche für die Jubilare überraschend waren, haben alle mit Freude reagiert. «Ablehnung habe ich nie erlebt», sagt sie. Viele Leute hätten gar die Gelegenheit genutzt, bei Kaffee und Kuchen ein Schwätzchen zu halten. Manchmal blieb es nicht bei einem kurzen Besuch, erinnert sich die Gratulantin lächelnd: «Durch die persönlichen Gespräche konnte ich viel lernen, auch über die Vergangenheit des Dorfes.»

Zum letzten Mal gratuliert

Am 7. Dezember 2011 war Sonja Lichtenstern im Auftrag der Pro Senectute zum letzten Mal Überraschungsgast bei einem Jubilar. Nach drei Jahrzehnten hat sie ihre Arbeit bei der Organisation beendet. «Ich wusste, dass es keine Nachfolge für mich geben wird», erzählt die Gratulantin. «Deshalb habe ich so lange wie möglich weitergemacht.» Mit 76 Jahren sei die Zeit aber reif, etwas kürzerzutreten. Sie blicke auf eine gute Zeit bei der Pro Senectute zurück. In ihrer Freizeit wolle sie sich vor allem ihrer Familie, ihren elf Enkelkindern und ihrer Urenkelin sowie ihrem Hobby, dem Schneidern, widmen. «Langweilig wird mir bestimmt nicht», sagt Sonja Lichtenstern augenzwinkernd.

Dass in Steinach seit diesem Jahr keine Gratulantin der Pro Senectute mehr unterwegs ist, bedauert Sonja Lichtenstern. «Im Dorf geht etwas Persönliches verloren.» Am 22. Februar feiert sie ihren eigenen Geburtstag. Zwar keinen runden, aber im Hause Lichtenstern ist jeder Geburtstag etwas Besonderes.





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