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Tagblatt Online, 5. Juli 2012, 08:24 Uhr

Motivation macht schlechte Noten wett

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Rolf Deubelbeiss (Bild: rtl)

REGION AM SEE. Über 97 Prozent der Schulabgänger aus der Region haben einen Lehrvertrag in der Tasche. Der pensionierte Lehrer Rolf Deubelbeiss betreut einige der wenigen, die noch eine Stelle suchen. Er sagt, worauf es bei der Bewerbung ankommt.

CORINA TOBLER

Wer wie Rolf Deubelbeiss 40 Jahre als Reallehrer tätig war, kennt sich mit dem Thema Lehrstellensuche bestens aus. Der Rorschacher Stadtrat hat unzählige Jugendliche bei ihrer Suche nach einem Arbeitsort begleitet. Seit seiner Pensionierung arbeitet er in einem kleinen Pensum als Berufswahlbegleiter in der Oberstufe Goldach. «Ich helfe denen, die bei der Stellensuche besonders viel Mühe haben.»

Zu wenig Selbstkompetenz

Zurzeit arbeitet er mit drei Jugendlichen, die noch keine Lösung fürs kommende Schuljahr gefunden haben. Schuld an solchen Situationen sei nicht die Lehrstellensituation, sagt Deubelbeiss. «Der Markt in der Ostschweiz ist gut, viele gute Lehrstellen können jeweils gar nicht besetzt werden.» Auch schlechte Noten seien nicht das Hauptproblem. «Der grösste Hinderungsgrund liegt in fehlender Sozial- und Selbstkompetenz. Das hat nichts mit Noten zu tun, sondern zum Beispiel mit Pünktlichkeit, Anstand oder Interesse für den Beruf. Wer sich nicht richtig für eine Stelle einsetzt, hat schlechte Aussichten», sagt Deubelbeiss.

Das bestätigt Moritz Meichtry, Präsident des Rorschacher Gewerbevereins, der seit Jahren Lernende ausbildet. «Wer trotz schulischer Schwächen Freude am Beruf hat, hat eine Chance. Problematisch wird es bei schlechten Noten fürs Betragen.»

Sich keine Illusionen machen

Hindernd wirken kann laut Rolf Deubelbeiss auch ein Elternhaus, in dem zu wenig Gewicht auf die Lehrstellensuche gelegt wird. «Wer sich nicht bewirbt, findet keine Stelle. Die Schule investiert dahingehend sehr viel und fordert die Jugendlichen frühzeitig auf, sich zu bewerben. Aber eine Lehrperson kann nicht alle Abgänger ständig begleiten. Dafür braucht es die Eltern.» Wo die Unterstützung fehlt, versucht Deubelbeiss zu helfen, indem er permanent etwas Druck macht und den Jugendlichen Möglichkeiten verschafft. «Ich frage Betriebe direkt an, damit eine Bewerbung auch eine Chance hat.» Die Erfolgsaussichten schmälern könnten bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund die Sprachkenntnisse und gelegentlich die Berufswahl. «Einige wenige machen sich Illusionen, wollen etwa einen Bürojob, bringen die Voraussetzungen dafür aber nicht mit.»

Deubelbeiss betont aber, dass nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Schulabgänger mit lang andauernden Problemen zu kämpfen habe. Und: Immer liege es nicht am fehlenden Einsatz oder illusorischen Ambitionen der angehenden Lernenden. «Manche sind ständig in der engeren Auswahl, bekommen die Stelle aber jeweils um Haaresbreite nicht.»

Über dem kantonalen Schnitt

Dies auch, weil die Arbeitgeber kritischer geworden seien. «Vor 20 Jahren erhielt ich jeweils im Frühling Anrufe von Betrieben, die Lernende suchten. Heute werden Stellen eher nicht besetzt, anstatt sie an halbwegs motivierte Bewerber zu vergeben.» Das kann Bauunternehmer Moritz Meichtry zumindest teilweise bestätigen. «Ja, die Messlatte liegt höher als früher – weil unsere Kunden anspruchsvoller sind. Sie wollen Leistung zu einem guten Preis. Oft fehlt das Verständnis für den Zeit- und Geldaufwand, den es mit sich bringt, wenn ein Lernender an einem Auftrag mitarbeitet.» Grundsätzlich, ergänzt Meichtry, sei man im Baugewerbe aber mit der Situation zufrieden.

Auch gesamthaft gesehen präsentiert sich die Lage der Schulabgänger in der Region vielversprechend. Mittlerweile haben fast alle die Weichen für ihre Zukunft gestellt. Jan Vosse, Leiter der kantonalen Zentralstelle für Berufsberatung, kennt die Zahlen dazu: «In der Region Rorschach hatten per Ende Mai bereits über 97 Prozent der Jugendlichen eine Anschlusslösung gefunden. Der kantonale Durchschnitt lag bei 93,6 Prozent.» ostschweiz 28



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