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Tagblatt Online, 9. August 2012, 01:34 Uhr

«Meine Beerdigung war vorbereitet»

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Edgar Oehler: Zum Ausruhen bleibt keine Zeit. Er arbeitet heute noch gleich viel wie früher. (Bild: Bilder: Susi Miara)

Edgar Oehler, ein Mann mit Ecken und Kanten, aber offen für ein privates Gespräch. Auf seiner «Heimstrecke» trifft er sich mit mir am Samstagmorgen um neun Uhr. Für den 70-jährigen Unternehmer fast schon zu spät. Normalerweise ist er bereits um sechs Uhr unterwegs.

SUSI MIARA

BALGACH. Die Lieblingsstrecke von Edgar Oehler führt von der Diepoldsauer Rheinbrücke Richtung Wasserwerk, dann zum Hauptzollamt Diepoldsau, weiter bis zum Zollamt Schmitter und bis zur «Habsburg» in Widnau. Je nach Lust und Laune einmal kürzer, das andere Mal länger, maximal aber etwa viereinhalb Stunden. «Ich mache es mir relativ einfach. Wenn ich laufe, muss ich den gleichen Weg wieder zurücklegen. Wenn ich nur zwei Stunden Zeit habe, gehe ich nur bis Hauptzollamt Diepoldsau, und dann kehre ich wieder um.»

 

Wieso diese Strecke?

Edgar Oehler: Ich kann hier die Natur beobachten. Ich starte jeweils morgens um fünf oder halb sechs, auch wenn es dunkel ist. Morgens früh trifft man nicht so viele Leute. Ein wenig Angst habe ich, wenn es dunkel ist wegen der Hunde, die man frei laufen lässt, obwohl es nicht gestattet ist.

 

Sie arbeiten mit 70 immer noch, obwohl Sie nicht müssten?

Oehler: Man muss nur sterben. Ich nehme nur die Verantwortung wahr. Wenn man noch etwas für die Wirtschaft und für die Region tun kann, dann kann man das nicht einfach liegen lassen. Das sind wir unseren Nachkommen schuldig.

 

Wir verlieren in der Schweiz den Mittelstand. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung?

Oehler: Ich finde das eine sehr schlechte Entwicklung, weil die Beziehung zwischen den Bevölkerungsgruppen immer kälter und distanzierter wird. Man geht nicht mehr auf die Probleme ein. Der Mittelstand wird ein wenig an die Wand gedrückt.

 

Früher gab es einen Patron, dem die Mitarbeiter bis zur Pensionierung treu geblieben sind. Heute werden langjährige Mitarbeiter mit 55 entlassen.

Oehler: Das beschäftigt mich am meisten. Das passiert sogar in meiner engsten Umgebung. Die Arbeiter sind oft nur noch eine Nummer. Die Beziehung fehlt. Je mehr Manager von auswärts kommen, umso mehr Distanz und Kälte gibt es.

 

Manager? Für die zählen doch nur noch Erfolg und Zahlen?

Oehler: Die sind auch unter Druck. Das heisst aber nicht, dass man unter Druck einen Panzer anziehen muss. Schlecht finde ich, wenn die Manager keine Beziehung zu den Arbeitern haben. Zwar zählt am Schluss immer das Ergebnis. Dieses kann man aber auf verschiedene Arten erarbeiten. Wir brauchen uns gegenseitig.

 

Viele Firmen, die unter Druck stehen, drohen sofort, die Produktion ins Ausland auszulagern.

Oehler: Drohen ist schlecht. Wenn ein Chef droht, ist er am falschen Platz. Von so einem müsste man sich sofort trennen. Wir stehen alle unter Druck. Man muss die Probleme menschlich, mitfühlend und motivierend lösen, ohne zu drohen. Gegenüber sitzt immer ein Mensch. Dieser Mensch hat eine Familie, eine Frau, Kinder oder Grosskinder.

 

Sie waren 24 Jahre lang Nationalrat. Wird heute mehr lobbyiert als früher? Regiert heute die Wirtschaft?

Oehler: Nein. Regieren könnte das Volk. Wenn man die Stimmbeteiligung anschaut, dann lässt sich das Volk regieren. Parlamentarier werden heute mit einer Riesenmenge an Informationen überhäuft. In vielen Bereichen sind sie keine Experten. Darum braucht es die Interessenvertreter. Man darf sich aber nicht nur auf eine Meinung verlassen. Den Entscheid muss jeder für sich treffen und verantworten. Ich finde es auch richtig, dass man die Abstimmung mit Knopfdruck durchführt. So müssen die Politiker Farbe bekennen und können sich nicht mehr verstecken.

 

Wie sehen Sie heute Ihre Partei, die CVP?

Oehler: 1995 war Oberriet eine reine CVP-Gemeinde. 90 bis 95 % wählten die CVP. Heute holen unsere Exponenten das Volk mit seinen Problemen nicht mehr ab. Sie geben dem Volk nicht mehr die politische Wärme und Zuversicht. Viele Leute fühlen sich mehr zur SVP hingezogen. Das heisst nicht, dass ich die SVP-Propaganda gutheisse, die sehr oft sehr extrem, fast schon unverschämt ist. Der Bürger will aber klare Worte und keine Weichspüler-Politik.

 

Was würden Sie ändern?

Oehler: Klar reden und auf die Probleme der Bürger intensiver eingehen, aber auch Lösungen bringen, nicht nur Schlagworte.

 

Was machen Sie eigentlich heute?

Oehler: Ich stehe nach wie vor um fünf Uhr auf, am Samstag und am Sonntag etwas später. Ich führe aber kein Unternehmen mehr. Ich habe noch einige Aufgaben bei der AFG. Ich arbeite eigentlich gleich viel wie früher. In den letzten zwei Jahren habe ich eine Fabrik in China gebaut. Ich habe jetzt auch mehr Zeit für meine eigenen Geschäfte im Immobiliensektor.

 

Mehr Freizeit statt zu arbeiten?

Oehler: Das ist leider nicht mein Habitus. Ich wurde von meinen Eltern so erzogen. Bei uns gab es bis sechs Uhr Frühstück und danach nichts mehr. Ich bin gewohnt, früh aufzustehen. Das wissen auch alle, die bei mir gearbeitet haben. Viele vermissen heute das Vorbild des Chefs. Ein Chef, der immer zu spät kommt, ist eine Katastrophe. Eine Beziehung kann man nur aufbauen, wenn man vor Ort ist.

 

Vor kurzem sind Sie dem Tod von der Schippe gesprungen. Wird man dann nachdenklich?

Oehler: Ich war überrascht, als man mir nach einer Blutvergiftung sagte, dass innerhalb der nächsten 24 Stunden sich entscheiden werde, ob ich am Leben bleibe. Da fing ich an, meine Beerdigung zu organisieren, das Leichenmahl und den ganzen Ablauf der Beerdigung, welcher Marsch am Grab gespielt werden soll (ich war auch einmal Dorfmusikant), und das Menü habe ich auch bestimmt. Meine Beerdigung war vorbereitet.

 

Was hätte es zu essen gegeben?

Oehler: Kartoffelstock, Gehacktes oder gespickter Braten, Salat und Gemüse (am liebsten ohne Spinat – den mochte ich schon früher nicht).

 

Überlegt man sich nach einem solchen Erlebnis, ob man etwas anders machen würde?

Oehler: Ich habe in meinem Leben alles gemacht. Ich habe in Amerika und Japan studiert, in Hongkong gearbeitet, war in der Politik und und und … Ich habe 6000 Menschen weltweit beschäftigt und lag todkrank im Bett. Ich habe mich gefragt: «Habe ich alles gut vorbereitet?» Das musste ich mit «Nein» beantworten.

 

Der nächste Schlag war der Unfall ihrer Familie in Spanien.

Das war am 4. Mai 2010. Ich war gerade mitten in der Verwaltungsratssitzung, als mich meine Tochter anrief. An der Sitzung waren alle überrascht, dass ich plötzlich bleich wurde. Ich brauchte 30 Sekunden, um zu überlegen, was ich jetzt machen sollte. Nach 30 Sekunden habe ich gesagt: «Die Sitzung geht weiter.» Das konnten viele nicht verstehen. Ich habe also weitergemacht, meine Schwester angerufen, den Flug organisiert, und am nächsten Morgen sind wir nach Spanien geflogen. Dann bin ich jede Woche zweimal nach Spanien geflogen. Das ging vier Wochen so.

 

Zu dieser Zeit kamen auch die Probleme mit der AFG?

Oehler: Ja, da haben verschiedene Herren Angst vor sich selbst gehabt und haben ein Opfer gesucht.

 

Als einer der reichsten Eidgenossen (laut Bilanz) sind Sie dem Rheintal immer treu geblieben. Viele zügeln dorthin, wo sie Steuern sparen können. Warum blieben Sie?

Oehler: Das ist ganz einfach. Ich bin hier aufgewachsen. Meine Familie lebt seit 1374 in Balgach. Ich hatte keinen Grund wegzuziehen. Mir gefällt es hier. Ich wurde als Politiker von den Rheintalern getragen. Ich bin ausserdem überall auf der Welt. Normalerweise fliege ich im Jahr zwischen 400 000 und 500 000 Meilen.

 

Mit Ihrer Art ecken Sie oft an. Sie sind sehr direkt, ein typischer Rheintaler. Räumen auf, wenn es Ihnen nicht passt. Ist Ihre direkte Art problematisch?

Oehler: Ich weiss, dass ich direkt bin. Das war ich immer schon. Ich habe bereits in der sechsten Klasse einen Schulstreik organisiert, weil der Lehrer uns schlecht behandelt hat.

 

Haben Sie noch viele Pläne?

Oehler: Lange und gesund leben.

 

In Sachen Arbeit?

Oehler: Auch da habe ich einige Ideen, die verrate ich aber nicht, sonst erschrecken noch ein paar Leute.

 

Ihre Führungsmethode ist Zuckerbrot und Peitsche?

Oehler: Lieber Zuckerbrot. Die Peitsche habe ich eher bei den Chefs angewandt. Sie haben mehr Freiheiten. Da muss der Chef massiv mehr bringen. Ich bevorzuge Ackergäule und nicht Zirkuspferde. Ein Ackergaul ist für mich der Inbegriff von Wertvermehrung – säen, pflanzen, überleben. Zirkuspferde braucht es zwar auch. Auch sie bereiten Freude. Der Wert später ist nur ein gutes Gefühl. Damit kann eine Firma nicht leben.

 

Wie sind Sie in den Journalismus gerutscht?

Oehler: Durch Kurt Furgler. Eines Tages teilte er mir mit, dass man mich zum Chefredaktor der «Ostschweiz» gewählt habe. Ich sagte, ich habe mich gar nicht beworben, ich verstehe nichts vom Journalismus. Er sagte, man habe bereits alles organisiert. In der «Schwäbischen Zeitung» in Leutkirch sei ein Praktikum organisiert – ein halbes Jahr. Nach dem Praktikum habe ich als Chefredaktor bei der Ostschweiz angefangen. Das war 1973, ich war 31 Jahre alt. 1985 wurde ich Generaldirektor bei der AFG. Ich habe einen Mercedes bekommen und hatte 20 000 Franken Lohn.

 

Sie waren immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort?

Oehler: Ja, aber immer mit einem normalen Ziel.

 

Nach dem Spaziergang gehen wir in die «Rietmühle», wo Edgar Oehler früher öfter eingekehrt ist. Die Wirtin Theres Köppel freut sich über den seltenen Gast. Auch Adolph Kuster aus Diepoldsau kennt ihn. Persönlich getroffen hat er ihn heute zum ersten Mal. Seine Frau Emma habe aber mit ihm die Sekundarschule besucht. «Ja klar, die Emma kenne ich», sagt Edgar Oehler. Dann wird über die alten Zeiten diskutiert.



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