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Tagblatt Online, 29. Juni 2012, 08:55 Uhr

Wyborada wird 25

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Zwei der Gründungsfrauen: Sabine Schreiber und Marina Widmer (von links) vor der Wyborada, aufgenommen 1987. (Bild: Regina Kühne)

ST.GALLEN. Die Frauenbibliothek Wyborada feiert ihr 25jähriges Bestehen. Sie dokumentiert die Geschichte der Frauen und der Frauenbewegung in der Schweiz und speziell in der Ostschweiz.

REGULA WEIK

Tut eine eigene Bibliothek für Frauen tatsächlich not? Es gibt doch genügend öffentliche Bibliotheken. Die Initiantinnen der St. Galler Frauenbibliothek Wyborada hörten diese Frage zuhauf. Und auch heute – 25 Jahre später – sind die kritischen Stimmen nicht allenorts verklungen. Die Gründerinnen der Wyborada liessen sich nicht beirren – sie hielten beharrlich an der Idee fest, weibelten hier, erlitten Rückschläge dort, ihr Anliegen verloren sie deswegen nie aus den Augen. Sie hielten vielmehr fest: «Bekanntlich werden Frauen und ihre Interessen im öffentlichen Bereich (Bildung, Wissenschaft, Kultur, Politik) nach wie vor benachteiligt. Davon sind auch Bibliotheken betroffen.»

Dem wollen die Initiantinnen etwas entgegensetzen. Im damaligen Projektbeschrieb heisst es: «Die Wyborada ist eine öffentliche Bibliothek, eine Informations- und Dokumentationsstelle und ein Archiv. Ihr Ziel ist, den Zugang zu feministischer Literatur und Theorie zu fördern, Frauengeschichte und Frauenaktivitäten regional und allgemein zu dokumentieren.»

Bücher auftreiben

Am 28. Mai 1986 gründen acht Frauen den Verein Wyborada. Im September wollen sie in der ehemaligen Bäckerei Stiefel an der Harfenbergstrasse in St. Gallen starten; ein Lokal, das sie ohne bauliche Veränderungen sofort nutzen können. Doch als erstes gilt es, Bücher aufzutreiben. Die ersten sind geschenkt – von der Frauenbibliothek Zürich, die ihr zehnjähriges Bestehen feiert. «Wir waren froh um jede Migros-Tasche mit Büchern. Und manchmal stellten wir auch unsere eigenen zur Ausleihe zur Verfügung», heisst es in der Jubiläumsschrift. So startet Wyborada schliesslich mit einem Bestand von 1000 Büchern.

Die erste Frauenbibliothek der Schweiz war jene im Frauenzentrum Zürich; sie wurde 1976 gegründet. Es entstehen weitere in Bern, Basel, Riehen, Genf, Luzern, St. Gallen, Brig und Schaffhausen. Die damalige Aufbruchstimmung ist nicht überall von Dauer. 1992 löst sich die Frauenbibliothek in Bern wieder auf, 1996 folgt das Ende der Frauenbibliothek Schaffhausen.

Und die St. Galler Frauen? Auch ihnen weht ein rauher Wind entgegen. Neben sexistischen Anfeindungen – «sie waren unangenehm» – gibt es auch Widerstand aus der Bevölkerung. Es gebe doch schon die Vadiana, die Freihand- und die Stiftsbibliothek.

Schwieriger Start

Auch der Kanton sperrt sich; der damalige Leiter des kantonalen Amtes für Kultur lässt die Frauen wissen, dass auf dem Platz St. Gallen «kein Bedürfnis nach einer zusätzlichen Bibliothek besteht»; falls die Leistungen der bestehenden Bibliotheken ungenügend seien, müsse die Situation dort verbessert werden, aber nicht durch die Gründung einer neuen Bibliothek. Die Finanzkommission des Kantonsrats lehnt eine Starthilfe von 15 000 Franken ab – so macht das Projekt national Schlagzeilen.

Doch die Frauen lassen nicht locker. Sie lancieren im Sommer 1986 die Kampagne «150 x 100 Franken sind auch 15 000 Franken». Unternehmen, Privatpersonen, Schulen und Frauengruppen unterstützen sie – innert sechs Monaten kommen so über 20 000 Franken zusammen. 200 Frauen werden zudem Mitglied des Vereins. Der Eröffnung im Februar 1987 steht nichts mehr im Wege.

Die Stadt St. Gallen kann es besser mit der Wyborada als der Kanton. 1989 und 1990 erhält die Bibliothek Starthilfen von je 40 000 Franken. Seit 1996 gibt es jährlich wiederkehrend einen solchen Beitrag – die Frauenbibliothek sei ein kleiner, aber wichtiger Mosaikstein im kulturellen Angebot der Stadt, begründet der Stadtrat.

Über 10 000 Bücher

Anfangs wächst die Bibliothek rasch. Nach vier Jahren sind es bereits 2500 Bücher. Der Platz wird eng, ein Umzug drängt sich auf – und erfolgt ins Lagerhaus. Dort ist die Wyborada heute noch untergebracht. 300 bis 400 Bücher kommen jährlich neu dazu; die Hälfte wird gekauft, die andere Hälfte stammt aus Nachlässen oder Schenkungen von Frauen. Heute zählen Bibliothek und Phonothek über 10 000 Bücher, 50 Hörbücher und 650 Musik-CDs. Acht Frauen sind heute – ehrenamtlich – für den Bibliotheksbetrieb zuständig. Und eine ausgebildete Bibliothekarin im Teilpensum.

Das Interesse an der Frauenbewegung und der Frauengeschichte scheint heute merklich geringer zu sein als zur Gründungszeit der Wyborada. Die Bibliotheksfrauen stimmen zu; sie spüren es auch bei den Ausleihen. Ihre Erklärung: «Das hat wohl damit zu tun, dass die Ziele der Frauenbewegung mehrheitlich Allgemeingut geworden sind, beziehungsweise bereits umgesetzt zu sein scheinen.» Ans Aufgeben denken sie deswegen nicht. Sie schauen vielmehr Richtung Hauptpost St. Gallen und hoffen auf die Initiative «für zeitgemässe Bibliotheken im Kanton». Das Volksbegehren – es wurde Anfang Jahr mit über 10 000 Unterschriften eingereicht – sieht eine moderne Public Library unter dem Dach des Postgebäudes vor. Inklusive Wyborada.

Jubiläumsschrift zum 25. Geburtstag der Wyborada: «Ort für das Wort. Gedächtnis der Geschichte und Literatur der Frauen». Autorin Gabriele C. Leist. Jubiläumsfest und Buchvernissage: Samstag, 30. Juni, 20 Uhr in der Hauptpost St. Gallen.


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