Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 27. Juni 2012, 07:15 Uhr

Starten als Unternehmerin

Kathrin Hilber Zoom

Kathrin Hilber in der Lokremise. (Bild: Urs Bucher)

ST.GALLEN. Politik war ihr Leben. 32 Jahre lang. Die Hälfte davon war Kathrin Hilber St.Galler Regierungsrätin. Nun startet die 61-Jährige ein eigenes Projekt – und wird Unternehmerin.


Sie lässt den Blick durch den Raum schweifen, deutet auf Details. «Ein Traum, dass das möglich war – hier in St. Gallen, nicht in Zürich.» Kathrin Hilber fühlt sich wohl in der Lokremise. Eines ihrer Projekte als Regierungsrätin. Anfang Monat hat sie den Schlüssel zur Pfalz ihrem Nachfolger übergeben. Neuer St. Galler Innenminister ist Martin Klöti.

«Ich höre nicht mit 65 auf»

«Das neue Leben ist noch jung», sagt die 61-Jährige. Und fügt rasch an: «Ich habe kein Rentner-innen-Gefühl.» Im Mai hat sie eine Einzelfirma gegründet, Anfang September eröffnet sie in der Stadt St. Gallen zusammen mit Partnerin und Partnern ein Büro für Mediation – «ich will schwierige Prozesse im öffentlichen Bereich begleiten» – und Führungscoaching – «die Einsamkeit gewisser Führungsleute ist des Teufels». Fühlte sie sich auch allein als Departementsvorsteherin? Sie schüttelt den Kopf. «Ich hatte immer Verbündete.»

Kathrin Hilber wirkt entspannt, die Worte sprudeln aus ihr heraus: «Ich höre mit 65 nicht auf, ich will über 70 hinaus arbeiten.» Und sie kann sich vorstellen neben dem neuen Beruf ehrenamtlich tätig zu sein – «lebenslang».

Dauerhafte Strukturen

Wer Kathrin Hilber danach fragt, welches ihrer Projekte am längsten über ihre Regierungszeit hinaus – sie gehörte 16 Jahre der Exekutive an – nachwirken wird, erhält eine überraschende Antwort: «Die Strukturen und die Strukturveränderungen». Auf den fragenden Blick ergänzt sie: «Die Gemeindevereinigungen und die Regionalisierungen».

Die SP-Politikerin war die treibende Kraft hinter dem Gemeindegesetz und dem Gesetz zur Vereinigung von Gemeinden. So halbierte sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Schulgemeinden im Kanton von 128 auf 64, jene der Politischen Gemeinden sinkt auf Anfang 2013 von ehemals 90 auf 77. Zivilschutz und Zivilstandswesen – je 90 Einheiten – verschlankte sie auf 23 Zivilschutzverbände und elf Zivilstandskreise; aus 77 kommunalen Vormundschaftsbehörden werden neun Fachbehörden für Kindes- und Erwachsenenschutz.

Diese Veränderungen prägen den Kanton dauerhaft. Doch sie lassen sich schlecht verkaufen – «damit sind keine Schlagzeilen zu machen». Kathrin Hilber hat gut damit gelebt – besser als ihre Partei, die gerne mehr publikumswirksame Auftritte gesehen hätte. «Politik ist Gesellschaftsarbeit». Sie habe immer das Gemeinwohl ins Zentrum gestellt – und nicht die eigene Person. Kein Hang zum Narzissmus vieler Politikerinnen und Politiker? Sie sei gefeit davor.

Die negativen Seiten der Schlagzeilen bekam Kathrin Hilber einmal arg zu spüren – damals, als es um das neue Bürgerrechtsgesetz ging; es sollte das achtjährige Notrecht bei Einbürgerungen ablösen. Sie erhielt Drohungen, stand fünf Wochen unter Polizeischutz – «ein Leben mit Bodyguards – das ist nicht meine Sache.» Ein anderes schwieriges Kapitel war die «Affäre Dermont», in der sie sich «mit Intrigen und Vetternwirtschaft» auseinandersetzen musste.

Lokremise, Zeughaus Rapperswil, Schloss Werdenberg, Konzert und Theater St. Gallen: Die Kultur machte ihr Freude. «Auch hier ging es darum, Infrastruktur bereitzustellen und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Kultur leben kann.» Zwei Wermutstropfen gibt es: die neue Bibliothek – «das tut weh, doch mit der Initiative ist ein Boden gegeben» – und das Klanghaus. «Kultur kostet nur und bringt nichts.» Unzählige Male habe sie dies gehört – «eine unberechtigte Wertung».

Thematisch breit

Vieles bleibt unerwähnt – die Heimaufsicht, das Behindertengesetz, die Grabfelder für Moslems, der Finanzausgleich. Das Departement des Innern ist so vielfältig wie kaum ein anderes. Kathrin Hilber gefiel das. Anpacken und machen – so beurteilt sie ihre Arbeitsweise als Regierungsrätin. Und das würde sie auch künftig gerne tun. «Ich hoffe, dass meine neue Arbeit ab Herbst gefragt ist», sagt die Jung-Unternehmerin.

Regula Weik



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Leser-Kommentare:
2 Beiträge
holli (27. Juni 2012, 07:52)
Haargenau !!

Zudem dürfen wir ja davon ausgehen, dass die Dame das nicht für Geld machen muss da Sie ja bisher in ihrer Laufbahn ebenfalls fürstlich entlöhnt wurde für ihre erbrachten Leistungen.
Lasst uns hoffen das die angesprochene Energie und Umsetzung diesmal fürs Volk und gratis ist.

Beitrag kommentieren

ith.eduard (26. Juni 2012, 17:46)
Die Kultur machte ihr Freude, und Steuerzahler sorgen.

Lokremise, Zeughaus Rapperswil, Schloss Werdenberg, Konzert und Theater St. Gallen und Klanghotel; das alles kostete den Steuerzahler viel Geld, sehr viel Geld. Eben das Geld, das u.A. Gründen auch wegen der übergrosszügigen Kulturförderung von Kathrin Hilber nun in der Staatskasse fehlt.

Nein ich bin kein Kulturfeind, aber es wirft schon Fragen auf, wenn der Kanton St. Gallen von allen Kantonen in Sachen finanzieller Kulturförderung in der Rangliste im vorderen Drittel zu finden ist. Es ist einfach mit den Geldern anderer gross aufzutischen und sich selbst dann die Krone aufzusetzen, während wir jetzt die Suppe auslöffeln!

Da erwarte ich wenigstens, dass das Unternehmen von Frau Hilber nicht plötzlich im Konto 318 «Dienstleistungen und Honorare», Unterkonto 318800 «Aufträge an Dritte» zu Lasten des Steuerzahler erscheint?! Unternehmer zu sein heisst eigenständig am Markt bestehen zu können, ohne staatlichen Support!

Beitrag kommentieren

Morgen in der
150 Container und fünf Mann
Rheinschifffahrt Der junge St. Galler Richard Bodenmann steuert als patentierter Kapitän ein Containerschiff.
Gemeinden unter Spardruck
Finanzen Die Gemeinden können kaum noch entscheiden, wie sie ihr Geld ausgeben – weil die Kantone sparen.
Das Schwein im Teller
Fleischverzehr Die Metzgete ist so beliebt wie eh und je. Der Weg der Sau vom Stall in den menschlichen Magen ist blutig. Dafür verwerten die Köche fast jedes Körperteil.
Der Richter und sein Cello
Markus Metz Der Präsident des Bundesverwaltungsgerichts St. Gallen über komplexe Rechtsfälle und seine Freizeit.

Anzeige:

Gewinnspiel Tippen Sie mit

Tippen & Gewinnen

Ostschweizer Trauerportal

teaser-ROS-trauer

tagblatt.ch / leserbilder

leserbilder.jpg