Immer mehr sind konfessionslos

ST.GALLEN ⋅ Seit 1970 hat sich die Religionslandschaft in der Schweiz stark verändert. Immer mehr wählen die Konfessionslosigkeit – auch im Kanton St. Gallen. Dies wird vorerst so bleiben, eine Trendwende ist nicht zu erwarten.

27. Februar 2016, 08:50
PERRINE WOODTLI

ST.GALLEN. Der Anteil an Kirchenmitgliedern sinkt, die Zahl der Konfessionslosen steigt. Dies zeigen die aktuellen Zahlen der Fachstelle für Statistik des Kantons St. Gallen. Seit 1970 haben sich die Konfessionszugehörigkeiten im Kanton St. Gallen und in der ganzen Schweiz markant verändert.

Gehörte der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Kirche damals noch fast die gesamte Schweizer Bevölkerung an (97,3 Prozent), waren es 2014 nur noch sieben von zehn Personen. Im Kanton St. Gallen machte 1970 der Anteil an Katholiken 62 Prozent aus. Auch 2014 gehörte der grösste Teil und damit fast die Hälfte der Bevölkerung im Kanton der römisch-katholischen Kirche an. Allerdings ist der Anteil an Katholiken mit 46 Prozent um 16 Prozent geschrumpft. Die evangelisch-reformierte Kirche zählte 2014 noch knapp ein Fünftel der St. Galler Bevölkerung. 1970 waren es 36 Prozent.

An Überzeugungskraft verloren

Im Gegensatz zu den beiden Landeskirchen ist die Zahl derjenigen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, stetig gestiegen. 1970 war der Anteil an Konfessionslosen noch verschwindend gering, er machte nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung im Kanton aus. 2014 waren es bereits 16 Prozent.

Laut Judith Albisser vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) hat die stetige Zunahme von konfessionslosen Personen die Religionslandschaft «stark mit verändert». Warum der Trend zur Konfessionslosigkeit erst in den Siebzigerjahren eingesetzt hat, begründet Albisser unter anderem damit, «dass das Individuum heute selber entscheiden will, an was es glaubt». «Die Kirchen haben an Überzeugungskraft verloren, viele Menschen werden heute weniger stark religiös sozialisiert als noch vor 50 Jahren», ergänzt sie.

Warum Menschen aus der Kirche austreten, habe verschiedene Gründe. «In der katholischen Kirche sind es unter anderem Skandale wie die Kindsmissbräuche, welche die Zahl an Austritten steigen liess. Ein weiterer Grund ist der Entfremdungsprozess gegenüber der Kirche, egal ob reformiert oder katholisch.» Hinzu kämen Gründe wie die Kirchensteuer, ein individueller Glaube oder ein Übertritt in eine andere Konfession.

Albisser betont, dass die Zahl der Konfessionslosen nicht bloss auf die Austritte zurückgeführt werden könne. «Sie lässt sich auch damit begründen, dass immer weniger Kinder getauft werden.» Zudem sei der Anteil an Menschen ohne Religionszugehörigkeit bei Migranten aus den EU-und Efta-Staaten stark gestiegen.

Trend setzt sich fort

Albisser geht denn auch davon aus, dass der Anteil Konfessionsloser weiter steigen wird. «Wenn wir die Entwicklung betrachten, sieht man, dass die Kurve bereits in den Achtzigerjahren angestiegen ist – ab 2000 gar markant.» Der Trend setze sich also fort. Sie kann sich durchaus vorstellen, dass es in Zukunft mehr Konfessionslose als Katholiken und Reformierte geben wird. «Gesamtschweizerisch gesehen kommt der Anteil Konfessionsloser dem Anteil an Reformierten mit 23 zu 25,5 Prozent ja jetzt schon ziemlich nahe.»

Besonders die reformierte Kirche hat zu kämpfen. «Sie ist überaltert, es fehlt ihr an Nachwuchs. Die katholische Kirche hat da einen Vorteil», sagt Albisser. «Mit der Migration von Menschen aus katholisch geprägten Ländern wie Italien oder Kroatien kann sie die vielen Austritte und die sinkende Zahl der Taufen etwas kompensieren.»

Zahlen sind gestiegen

Doch nicht nur der Anteil an Konfessionslosen hat zugenommen. 1970 machte jener von islamischen Glaubensgemeinschaften im Kanton null Prozent aus. Heute sind es sechs Prozent, in der Schweiz fünf. Eine starke Zunahme ist laut Albisser allerdings nicht unbedingt zu erwarten. «Durch die Migration wird ihr Anteil leicht zunehmen.»

Im Kanton St. Gallen gibt es zudem immer mehr Menschen, die einer anderen Religion angehören. Dazu gehören andere christliche und jüdische Glaubensgemeinschaften sowie der Buddhismus und Hinduismus. Diese Glaubensgemeinschaften sind zwar nur in kleiner Zahl vertreten (sieben Prozent), doch verzeichnen auch sie eine Zunahme um fünf Prozent.

Monopolstellung verlieren

Welches sind die Folgen dieser Veränderungen? «Die Grosskirchen müssen sich damit abfinden, eine Minderheitenkirche zu sein», hält Judith Albisser fest. «Sie werden ihre Monopolstellung langsam verlieren. Kirchengemeinden werden immer öfters zusammengelegt oder ganz aufgelöst werden.» Denn die Kirchen würden immer weniger Geld haben.


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