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Tagblatt Online, 11. Januar 2012 07:17:00

Der Höchste im St. Galler Wald

Porträt des Försters August Ammann Zoom

«Der Wald ist für alle da»: Regionalförster August Ammann wird Leiter des kantonalen Forstamts. (Bild: Stefan Beusch)

WALDKIRCH. August Ammann aus Waldkirch wird am 1. März neuer Kantonsoberförster. Bisher hat er als Regionalförster die «Waldregion 1» zwischen Rorschach und Wil betreut. Sein «Heimatwald» – ein ziemlich grosser – steht am Tannenberg.

ADRIAN VÖGELE

Ein garstiger Januartag am Tannenberg. Sturmböen und Regenschauer peitschen über das Gelände, die Baumwipfel wogen im Wind. Kein Wetter für einen Waldspaziergang – auch nicht mit einem Förster. «Gefährlich wird es im Wald zwar erst bei Windgeschwindigkeiten über achtzig Stundenkilometern», sagt August Ammann beim Treffen auf dem Hohfirst. Dennoch: Wenn ein Sturmtief übers Land zieht, geht man zum Wald instinktiv auf Distanz – selbst wenn es nicht «Lothar», sondern «Andrea» heisst und sich um einiges weniger wild gebärdet. Ein Rückzug in die trockene Gaststube ist angezeigt.

Feuerprobe im Amt

An «Lothar», den Jahrhundert-Sturm von 1999, erinnert sich August Ammann nur zu gut – wie wohl jeder Förster hierzulande. Doch hatte es Ammann damals nicht nur mit einem Waldrevier zu tun, sondern mit der ganzen Waldregion zwischen Rorschach und Wil: «Ich war als Regionalförster gerade erst zwei Monate im Amt, als <Lothar> massive Schäden in unserem Gebiet anrichtete.» Eine Feuerprobe für den Forstingenieur: «Anfangs war es schwer, den Überblick über alle Ereignisse zu gewinnen.» Später standen Förster und Waldeigentümer vor der Frage: Wohin mit all dem Holz? Die Logistik stiess an Grenzen, es fehlte an Transportmitteln, vor allem an Bahnwagen für den Abtransport der Stämme. «Schliesslich mieteten die SBB sogar Wagen aus Tschechien», erinnert sich Ammann.

Trotzdem: Dass ein Sturm ganze Waldflächen umknickt, das sei aus Sicht des Försters nur das Zweitschlimmste, was im Wald passieren könne, meint Ammann. «Schlimmer ist es, wenn Menschen zu Schaden kommen.»

Computer statt Motorsäge

Dass August Ammann Forstingenieur und Förster im Dienste des Kantons wurde, ist vielleicht kein Zufall: Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof in Engelburg, sein «Heimatwald» ist der Tannenbergwald. Ein Wald wie aus dem Bilderbuch, ein Mischwald zwar, aber – der Name sagt's – es dominieren Nadelbäume, besonders Tannen. «Dies ist das grösste zusammenhängende Waldstück im Fürstenland», sagt Ammann.

Der Tannenbergwald sei ein klassischer Wirtschaftswald, auch dank seiner guten Böden. Doch nicht nur die Holzindustrie, sondern auch die Bevölkerung nutzt den Wald rege: Als stadtnahes Erholungsgebiet ist er gerade an sonnigen Tagen sehr gefragt. Zudem leben nach wie vor Wildtiere in beachtlicher Zahl am Tannenberg. Hierin ist der Tannenbergwald kein Einzelfall: Die verschiedenen Interessen am Wald unter einen Hut zu bringen, gehört zu Ammanns Hauptaufgaben – zurzeit noch in der Waldregion 1, ab März dann im ganzen Kanton mit seinen 58 000 Hektaren Wald. Momentan verbringt der 54-Jährige etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit im Büro, die andere Hälfte draussen in der Waldregion. Mit Motorsägen hat er wenig zu tun, dafür ist ihm der Computer ein sehr vertrautes Arbeitsinstrument, hat er doch beim Kantonsforstamt seinerzeit die Informatik eingeführt. «Der Anteil der Büroarbeit wird in meiner neuen Funktion eher grösser», weiss Ammann. Doch den Kontakt zur «Basis», zu den Regional- und Revierförstern sowie den über 15 000 Waldeigentümern, will er auch als Kantonsoberförster weiter pflegen. Nicht nur im Büro, sondern auch draussen, «bim Baum zue». Er sei kein Formalist, und auch kein Paragraphenreiter.

Schutzwald fördern

Die Brennpunkte seiner künftigen Arbeit als Leiter des Kantonsforstamtes hat Ammann bereits ins Auge gefasst: «Unter anderem will ich die Schutzfunktion des Waldes weiter stärken und die Wirtschaftsfunktion wieder mehr ins Zentrum rücken.» In seiner bisherigen Waldregion ging es vor allem um Schutz vor Hochwasser und Erdrutschen, neu kommt – etwa im Oberland – der Schutz vor Lawinen, Steinschlag und Erosion hinzu. Zudem, so Ammann, gelte es, die Biodiversität weiter zu erhalten und zu fördern. Er nennt als Beispiel ein Sonderwaldreservat im Linthgebiet und dem Toggenburg, das speziell auf die Bedürfnisse von Auerwild zugeschnitten ist.

Jäger und Förster im Clinch

Ammann ist sich zudem bewusst, dass in verschiedenen Bereichen Herausforderungen auf ihn warten: «Die Holzwirtschaft etwa steckt wegen des tiefen Eurokurses in einer schwierigen Phase.» Hier sei auch auf Seite der Waldeigentümer wirtschaftliches Denken gefragt. Ein heisses Eisen ist auch das gespannte Verhältnis zwischen Förstern und Jägern: «Über die Frage, ob wir zu viel oder zu wenig Wild in den St. Galler Wäldern haben, herrscht nicht immer Einigkeit», sagt Ammann. Zudem wird er sich als Amtsleiter mit den Sparmassnahmen des Kantons beschäftigen müssen. Als Personalchef schliesslich will er das gute Klima in seiner Abteilung erhalten und fördern.

Stichwort Klima: Das Wetter am Tannenberg bessert. Das Tief «Andrea» ist weitergezogen, der Wald am Tag danach völlig verändert: Kein Sturmgeheul mehr, sondern vollkommene Stille – alles ist tief verschneit. Nahe einem Weiher – «Fischweiher haben wir ihm früher als Kinder gesagt», erinnert sich Ammann – liegt ein Polter frisch geschlagener Tannen zum Abtransport bereit. Sonst deutet kaum etwas darauf hin, dass sich hier oft Menschen aufhalten. Doch im Wissen darum, dass sich das bald wieder ändern wird, meint August Ammann: «Leben und leben lassen.»





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