«Frauen hatten nichts zu sagen»

GOSSAU ⋅ Helena Mauchle-Ledergerber war Gossaus allererste Gemeinderätin. Die 85-Jährige über die Zeit, in der Frauen kein Stimmrecht hatten, und über eine mögliche Frauenmehrheit im heutigen Stadtrat.
24. November 2017, 06:21
Angelina Donati

Angelina Donati

angelina.donati//@tagblatt.ch

Ein verwinkelter und stufenreicher Weg führt zur Wohnung von Helena Mauchle-Ledergerber. Steinig war auch der Weg, den Frauen bestreiten mussten. Der Kampf um das Stimm- und Wahlrecht war langwierig. Als eines der letzten europäischen Länder zog die Schweiz schliesslich nach und führte im Jahr 1971 das Frauenstimmrecht ein. Bis die Gleichbehandlung auch in den einzelnen Kantonen, etwa Appenzell Innerrhoden, akzeptiert wurde, sollte weiter eine geraume Zeit vergehen.

Aus heutiger Sicht muss die Zeit, als den Frauen kein Gehör verschafft wurde, unvorstellbar gewesen sein: «Wir wurden diskriminiert», sagt Helena Mauchle-Ledergerber, Gossaus aller­erste Gemeinderätin. Die Kommentare, die sich Frauen von Männern anhören mussten, waren erniedrigend: «Von Politik hast du sowieso keine Ahnung» oder «Schau du zu den Kindern» gehörten dabei noch zu den harmloseren Wortmeldungen. «Wenn man sich daraufhin auf eine Diskussion einliess, verschlimmerte sich die Situation nur noch», erinnert sich die heutige 85-Jährige. «Dann wurde man als rässes Weib beschimpft!» Obwohl das Umdenken in der Gesellschaft schon länger da war, brauchte es dennoch Jahre, bis das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Damit kam der erhoffte Lichtblick. Endlich durfte Helena Mauchle der Wahlversammlung der CVP beiwohnen, an der ihr Mann teilnahm. Als es Ende 1971 darum ging, einen Kandidaten oder eine Kandidatin für das Amt des Stadtrates aufzustellen, wurde die damals knapp 40-Jährige nicht gefragt. Erst als jemand auf das Versäumnis hinwies, erhielt sie Gelegenheit, ihr Interesse zu bekunden. Nach einer Probeabstimmung stand Helena Mauchle als Kandidatin fest. «Bevor ich aber definitiv zusagte, wollte ich mir darüber genau Gedanken machen und mich mit meinem Mann besprechen. Am nächsten Tag sagte ich schliesslich zu.» Gemeinsam mit ihrem Mann führte sie das gemeinsame Treuhandbüro und war Mutter einer schulpflichtigen Tochter.

Mit ihrem Entscheid, Gemeinderätin von Gossau werden zu wollen, hatte Helena Mauchle die Zustimmung ihres Mannes und ihrer Familie hinter sich. Positiv gestimmt waren auch die meisten Mitglieder der CVP an der Nominationsversammlung, und so stellen sie sie offiziell für das Amt auf. Als Helena Mauchle schliesslich 1972 zur ersten Gemeinderätin von Gossau gewählt wurde, war ein erster grosser Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung getan. Auch sei sie von ihren männlichen Ratskollegen stets als ihresgleichen angesehen und respektiert worden. Nur dass nach ihrem Rücktritt nach zwölf Jahren im Amt keine anderen Anwärterinnen folgten, hat Helena Mauchle enttäuscht, wie sie sagt. «Das Interesse der Frauen war da. Wahrscheinlich aber wurde keine von ihnen für eine Kandidatur angefragt.» Erst 1989 war wieder eine Frau vertreten.
 

Keinen Unterschied machen zwischen Geschlechtern

Angesprochen auf die heutige Zeit und den Stellenwert, haben es die Frauen in den Augen Helena Mauchles zwar besser, «eine absolute Gleichberechtigung besteht trotzdem noch immer nicht», sagt sie. Frauen würden oft als eine Art Gegenstand gesehen. Das zeige sich auch an den sexuellen Übergriffen. Was aber lässt sich gegen dieses Unrecht tun? «Um dagegenzuwirken, braucht es Zeit. Die Sensibilisierung sollte bereits in der Erziehung stattfinden», sagt die Goss­auerin und betont: «Zwischen den Geschlechtern darf kein Unterschied gemacht werden.» Genau darum ist für Helena Mauchle eine mögliche Frauenmehrheit im heutigen Stadtrat zweitrangig. «Das Einzige, was zählt, ist doch, dass sich fähige und qualifizierte Leute finden lassen.» Solche, die bereit seien, sich fürs Gemeinwohl einzusetzen, und die gemeinsam etwas bewirken wollen.


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