St.Galler IT-Offensive vernachlässigt Lehrlinge

DIGITALISIERUNG ⋅ Viele St. Galler Lehrlinge sind nur mässig zufrieden mit ihren Informatikkenntnissen. Dies zeigt eine Umfrage. Gleichzeitig kritisieren Wirtschaftsverbände die IT-Offensive des Kantons: Ausgerechnet die Berufsbildung sei darin nicht enthalten.
14. November 2017, 22:06
Adrian Vögele

Adrian Vögele

adrian.voegele@tagblatt.ch

Das Zeugnis könnte besser sein: Über 1300 Lehrlinge haben in einer Befragung der Fachhochschule St. Gallen angegeben, wie zufrieden sie mit ihren eigenen Informatikkenntnissen sind – auf einer Skala von 1 bis 6. Am schlechtesten beurteilen sich die Auszubildenden aus der technischen Industrie (Durchschnittsnote 4,2), gefolgt von den Lehrlingen im Detailhandel (4,4), in der Informatik (4,5) und im kaufmännischen Bereich (4,8).Die Jugendlichen haben zudem ihre Lehrbetriebe und Berufsschulen bewertet. Hier zeigt sich beispielsweise: Die Informatiklehrlinge sind zwar insgesamt zufrieden mit den Lerninhalten an ihrem Arbeitsort (Note 5,25), aber nicht überzeugt vom Unterricht an der Berufsschule – Note 3,75. Noch schlechter schneiden die überbetrieblichen Kurse ab (3,4). Ein Grund dafür: Die vermittelten Inhalte sind zu wenig aktuell.

Die Umfrage hat im Auftrag der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell (IHK) stattgefunden – für eine allgemeine Studie zum Zustand der Berufsbildung in der Region, die demnächst präsentiert wird. Die Erkenntnisse in Sachen Informatik bergen aber besonderen politischen Zündstoff, weil genau jetzt die Diskussion über die IT-Bildungsoffensive des Kantons St. Gallen ins Rollen kommt.

Die 75-Millionen-Vorlage wird zwar nicht grundsätzlich angezweifelt. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte geben aber zu reden. Die Parteien befürchten, dass der effektive Nutzen für Lehrer und Jugendliche auf der Strecke bleibt, wenn ein Grossteil des Geldes in Hochschulprojekte und Forschung investiert wird (Ausgabe vom 1. November). Die Bürgerlichen sind sich zudem einig: Die Offensive vernachlässigt die Förderung von Informatikkenntnissen in der Berufsbildung – und dies, obwohl drei Viertel der Jugendlichen im Kanton eine Lehre machen.

Weniger Geld für die Pädagogische Hochschule

Auch Wirtschaftsverbände stimmen in diese Kritik ein. Die IHK fordert, dass die IT-Offensive Berufsbildung und Berufsfachschulen stärker berücksichtigt. Der Fokus sei gerade nicht auf Forschungsaktivitäten zu legen. «Angesichts der knappen finanziellen Mittel muss die Verbesserung der IT-Kompetenzen von Schülern, Studenten und Arbeitskräften prioritär sein.» Die Lehrabgänger und ihre Informatikkenntnisse seien für die Zukunft der hiesigen Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Die oben erwähnte Umfrage unter Lehrlingen macht aus Sicht der IHK deutlich, dass bei der Berufsbildung im Bereich IT dringend etwas geschehen muss.

Die Regierung führt in ihrem Entwurf für die 75-Millionen-Vorlage vier Schwerpunkte auf: Ein Kompetenzzentrum für Digitalisierung und Bildung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, ein gemeinsames Kompetenzzentrum der St. Galler Fachhochschulen für Angewandte Digitalisierung, einen Lehrgang Informatik und Management an der HSG und die stärkere Vernetzung von Bildung und Wirtschaft. Die IHK will nun als fünften Schwerpunkt die Verbesserung der Informatikausbildung an den Berufsfachschulen hinzufügen. Sie fordert dafür 15 Millionen Franken. Die kantonalen Mittel für die anderen Schwerpunkte sollen dafür gekürzt werden, hauptsächlich bei PHSG und Vernetzung. Am wenigsten betroffen von dieser Umverteilung wäre die HSG. Den dort geplanten Informatiklehrgang fordert die IHK schon seit langem.

Auch der Kantonale Gewerbeverband (KGV) äussert Vorbehalte. St. Gallen habe keine Institute der technologischen Spitzenforschung. Umso wichtiger sei es, dass der Kanton in der Bildungspolitik mit der Wirtschaft zusammenspanne, um den Standort zu stärken. «Die Wirtschaft muss aktiver in die IT-Bildungsoffensive einbezogen werden.» Es sei fraglich, «ob es wirklich sinnvoll ist, Forschungsinstitute aus dem Boden zu stampfen, die enorme Kosten verschlingen und Jahre brauchen, um sich zu etablieren». Da sich die Anforderungen im Zuge der Digitalisierung ständig ändern würden, müsse die IT-Offensive agil bleiben, flexible Lösungen seien gefragt. Und die Berufsfachschulen müssten mit einbezogen werden.

Derzeit wertet der Kanton die Antworten aus der Vernehmlassung zur IT-Offensive aus. Im Februar soll der Kantonsrat das Geschäft beraten.

Lehrer wollen mitreden

Der Kantonale Lehrerinnen- und Lehrerverband unterstützt die Pläne der Regierung für die IT-Bildungsoffensive. Die Digitalisierung im Erziehungswesen sei noch wenig fortgeschritten. «Die Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen ist vordringlich.» Diese Weiterbildungen müssten aber zwingend im Rahmen des Berufsauftrags erfolgen – «andernfalls müsste die Weiterbildung lohnwirksam sein». Denn auf die Lehrerinnen und Lehrer komme mit der IT-Offensive eine hohe Mehrbelastung zu. Was die Infrastruktur angeht, so fordert der Lehrerverband, dass der Kanton festlegt, welche Informatikmittel zur Verfügung stehen müssen, und dies auch kontrolliert. «Eine Zwei- oder Mehrklassengesellschaft unter den Schulen muss verhindert werden.» Die Berufsverbände müssten sich an der Ausarbeitung der Offensive beteiligen können.

Fundamentale Kritik an der IT-Offensive übt bislang nur eine Organisation: Der Verein «Starke Volksschule», der per Initiative den Austritt des Kantons aus dem Harmos-Konkordat gefordert hatte, ist gegen das Vorhaben. Die Kinder würden in der Vorlage lediglich als «Humankapital» betrachtet, das für die IT-Industrie akquiriert werden solle. Zwar müssten digitale Medien in der Schule behandelt werden, der Umgang mit dem Computer und «eventuell dem Internet» sei aber erst ab der Oberstufe sinnvoll. «Der Computer und dessen Handhabung allein machen noch keineswegs die Bildung zum mündigen Mitmenschen aus.» Hierfür brauche es einfühlsame Lehrerinnen und Lehrer. (av)


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