Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 2. Juli 2012, 10:29 Uhr

Illegal am OpenAir: Kraxelnd über die «grüne Grenze»

30.06.2012; St. Gallen: Sebastian Schneider hat sich ohne Ticket auf das Openair Gelände  geschlichen. Zoom

Die «grüne Grenze». (Bild: Luca Linder)

ST.GALLEN. Dieses Jahr war das OpenAir bereits Ende Mai ausverkauft. Das verleitete einige dazu, illegal ins Gelände einzudringen. Dafür musste aber die «grüne Grenze» überwunden werden. Das ist möglich, wie der Selbstversuch zeigt.


Die Wertsachen sind im Rucksack. Denn ich muss behende sein, um die steile Schlucht hinunterzu- steigen. Feste Hosen, die schon manches Geländespiel in der Jungwacht überlebt haben, geben Selbstvertrauen. Trotzdem werden die Knie weicher. Über mein rechtes Handgelenk streife ich ein Schweissband. Dass ich bereits einen Eintrittsbändel trage, soll verdeckt bleiben.

*

Bis jetzt hat mich niemand verfolgt. Auch von Wachleuten ist nichts zu hören. Die Veranstalter liessen im Vorfeld verlauten, dass sie aufgestockt haben: Insgesamt 1000 Sicherheitsleute sollen in diesem Jahr patrouillieren. Das sind 300 mehr als sonst. Äusserste Vorsicht ist geboten.

Bilderstrecke: OpenAir St.Gallen: Die Besucher

Am Donnerstag öffnete das OpenAir St.Gallen seine Gittertore für 20'000 Nachtschwärmer, ab Freitag werden täglich 30'000 Besucherinnen und Besucher auf dem Gelände an der Sitter zelten, Musik hören - und natürlich feiern.

Ein dumpfer Bass dröhnt von der Sitterschlucht hinauf zur Strasse neben der Autobahn. Es ist an der Zeit, in den Wald einzutauchen. Eine PET-Flasche liegt auf dem Waldboden. Möglicherweise ein Zeichen, dass auch schon andere diesen Einstieg gewählt haben. Gewiss brauchten sie noch einen Schluck Mineralwasser, ehe sie sich in die steile Schlucht begaben. Das starke Gefälle bringt mich ins Stolpern. Doch glücklicherweise fängt mich ein Baum auf. Er gibt mir Deckung. Verschnaufpause.

*

Kein Mensch ist zu sehen. Der Bass aus der Schlucht ist etwas lauter geworden. Spuren im Laub bestätigen, dass ich nicht der einzige bin, der es auf dieser Route probiert. Ich rutsche rücklings auf allen vieren ins Tal hinunter.

Noch immer habe ich niemanden gesehen. Doch da schleicht etwas herum. Ein Luchs? Nein, eine Hauskatze. Sie hat es gut. Ihr Schleichen ist bedeutend leiser als meines. Der dumpfe Bass wird nun mit Gesang begleitet. So weit bin ich nicht mehr entfernt.

*

Der Wald wird dichter. Morsches Holz versperrt den Weg und Stacheln pieken mich. Von unten dringt Abendlicht in den Wald. Dort muss eine Wiese sein. Ich höre Schafe. Vorsichtig und immer wieder um mich schauend gelange ich zum Waldrand. Doch siehe da: Moor statt Wiese und Frösche statt Schafe. Da komme ich nicht durch. Etwa 300 Meter zu meiner Rechten ist das Gelände.

Bilderstrecke: OpenAir St.Gallen: Die Bands

Die besten Konzerte, die schrägsten Posen und die wildesten Musiker und Musikerinnen am OpenAir St.Gallen. (Bilder: Benjamin Manser)


Eine Strafanzeige soll es geben, wenn man illegal eindringt. Eine Nachrichtenagentur meldete am Freitag, dass sich beim Polizeiposten eine Schlange gebildet habe. Eine Schlange von denjenigen, die ohne Bändel erwischt wurden. Bis jetzt hab ich immer noch keine Patrouille gesehen.

*

Zurück in den Wald. An meinen Unterarmen juckt's. Zu den Kratzern der Stachelpflanzen sind Brennnessel-Stiche gekommen. Egal. Ich bin schon ganz nahe beim Gelände. Weiter vorne ein Schuppen, zum Glück niemand da. Das Haus gibt mir Deckung. Ich beobachte einige Gäste, die in gut 50 Metern Entfernung lachen, trinken und singen. Wachleute sind keine zu sehen. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und sprinte zum Gitter.

*

Bilderstrecke: Das OpenAir aus der Luft

Erst aus der Luft wird deutlich, wie gross das OpenAir St.Gallen wirklich ist. Bilder aus der Vogelperspektive von Tagblatt-Fotograf Hanspeter Schiess. (Bilder: Hanspeter Schiess)


Ein Holzzaun hilft mir, über die drei Meter hohe Absperrung zu klettern. Lautes Rütteln am Metallgitter – und schon lande ich bäuchlings auf der OpenAir-Wiese. Direkt in der Runde dreier perplexer Besucherinnen. Die sind aus Bern. Sogleich verraten sie mir Tricks, wo ich mich ohne Bändel am besten aufhalte und wie man Bier ins Gelände schmuggelt.

Nach einer Diskussion über Musik und den Ostschweizer Dialekt begebe ich mich ins Gelände. Ich schaue auf die Uhr. 19 Uhr, Freitagabend. Eine halbe Stunde hat die Einschleichaktion gedauert. So schnell bin ich in all den Jahren noch nie ins Gelände gelangt. Schön – aber natürlich nicht nachahmenswert, gell.

Sebastian Schneider



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Leser-Kommentare:
keine

Anzeige:

Gewinnspiel Tippen Sie mit

Tippen & Gewinnen

Ostschweizer Trauerportal

teaser-ROS-trauer

tagblatt.ch / leserbilder

leserbilder.jpg