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Tagblatt Online, 6. August 2012, 06:59 Uhr

Die Diebe kommen tagsüber

Einbrecher an einem Fenster Zoom

Früher ein Schraubenzieher, heute ein Brecheisen: Die Einbrecher gehen mit brachialer Gewalt vor. (Bild: fotolia/Gina Sanders)

In der Ostschweiz haben sich die Einbrüche in den vergangenen beiden Monaten massiv gehäuft. Die Diebe kommen vermehrt tagsüber und wenden brachiale Gewalt an. Teils stecken auch ausländische Banden dahinter.

JANINA GEHRIG

Die Warnung der Kantonspolizei St. Gallen ging kürzlich an die Bauern. Mehrmals hatten Diebe auf Landwirtschaftsbetrieben zugeschlagen und Werkzeuge gestohlen. Auch andernorts häufen sich seit Wochen Einbruchs- und Einschleichdiebstähle, wie die «NZZ am Sonntag» schrieb. So warne die Stadtpolizei Zürich derzeit vor Trickdieben, die sich als Handwerker tarnen, um an Schmuck und Bargeld von nichtsahnenden Mietern zu kommen. Die Kantonspolizei Bern hat mit Einschleichdiebstählen zu kämpfen, und im Kanton Basel hat sich die Zahl der Einbrüche im ersten Halbjahr 2012 fast verdoppelt.

30 Prozent mehr Einbrüche

Ferienzeit gilt als Hochsaison für Einbrecher – insbesondere in diesem Jahr. 410 Einbrüche hat die Kantonspolizei St. Gallen allein in den Monaten Juni und Juli verzeichnet, sagt Mediensprecher Hanspeter Krüsi. «Das sind 30 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2011.» Die Hälfte der Einbrüche betreffe Geschäftsliegenschaften, die andere Ein- oder Mehrfamilienhäuser. «In Wohnungen von Mehrfamilienhäusern wird heutzutage sogar häufiger eingebrochen.» Die soziale Kontrolle funktioniere in den anonymen Hausgemeinschaften immer weniger.

Auch in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und Thurgau sind derzeit mehr Einbrecher unterwegs. «Im Vergleich zum Winterhalbjahr beobachten wir diesen Sommer unüblich viele Einbrüche», sagt Willi Moesch, Mediensprecher der Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden. Im Jahr 2011 ist 66mal eingebrochen worden. Im laufenden Jahr sind allein bis Ende Juli genau so viele Einbrüche gemeldet worden. «Die Diebe kommen vermehrt tagsüber, vor allem wenn die Mieter ferienhalber abwesend sind.» Christoph Greminger von der Kantonspolizei Thurgau bestätigt die Tendenz. In den Monaten Juni und Juli seien etwa 20 Prozent mehr Einbrüche verübt worden als im vergangenen Jahr während dieser Zeit.

Mit Steinen und Brecheisen

«In St. Gallen stellen wir zudem eine deutliche Zunahme von Taschentrickdiebstählen fest. Das hängt aber auch damit zusammen, dass sich im Sommer mehr Leute draussen aufhalten», sagt Krüsi. Noch etwas falle auf: Die brachiale Gewalt, mit welcher die Täter vorgehen. «Früher haben sie mit Schraubenziehern gearbeitet, heute schlagen sie die Fenster mit Steinen ein und brechen die Türen mit Brecheisen auf.» Werde in Geschäftsräume eingebrochen, sei der Betrag des hinterlassenen Sachschadens oft grösser als jener der erbeuteten Ware. Krüsi erzählt von einem Fall, wo Einbrecher ganze Wände aufschnitten, um in ein Gebäude zu gelangen.

Bargeld, Schmuck und elektronische Geräte werde am häufigsten gestohlen. Oder andere Dinge, «die man gut abtransportieren und weiterverkaufen kann», sagt Krüsi. Dafür «lesen» die Diebe die Quartiere ab, schlagen dann blitzschnell zu und sind oft schon über alle Berge, wenn der Einbruch entdeckt wird.

«Es sind Profis am Werk»

Wie in Zürich, Basel und Bern geht auch in St. Gallen ein grosser Teil der Einbrüche auf das Konto ausländischer Banden. Vor allem, wenn es sich um Grosseinbrüche handelt. «Die Leute reisen in Cars aus Ungarn, Rumänien, Litauen oder Tschechien an und logieren in Unterkünften oder bei Freunden. Darunter befinden sich laut Krüsi «absolute Spezialisten», die sich etwa auf Baumaschinen, Werkzeuge für Autoreparaturen oder das Aufschweissen von Tresoren festgelegt haben. Bei einem Einbruch in ein Sportgeschäft etwa hätten die Diebe nur die Ware der nächsten Saison abgestaubt, die reduzierte Ware blieb liegen. «Das zeigt, dass Profis am Werk waren. Man staunt nicht schlecht», sagt Krüsi. Auch komme es vor, dass von Motorsägen oder Zigaretten nur bestimmte Marken wegkommen. Organisierte Banden vermutet Moesch in Appenzell Ausserrhoden hingegen nur in Einzelfällen. Auch Greminger spricht von einzelnen Kriminaltouristen.

Briefkasten leeren lassen

Da die Banden schnell wieder ins Ausland verreisen, beträgt die Aufklärungsquote der Einbruchsdiebstähle gerade mal 16 Prozent.

Krüsi rät, das Haus oder die Wohnung während der Ferien so bewohnt wie möglich erscheinen zu lassen: Briefkasten leeren, Rasen mähen, die Rollläden nicht herunterlassen, keine Abwesenheitsnotiz auf dem Telefonbeantworter hinterlassen. «Am wichtigsten ist es, den Nachbarn zu informieren, damit dieser wachsam ist und Verdächtiges melden kann.»



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
Leserlingen (06. August 2012, 19:58)
Polizei überfordert

Als ich vor einigen Tagen den Diebstahl meines Fahrrades bei der Polizei gemeldet habe, hatte ich den Eindruck, als ob sich die Polizei auf diese neue Situation überhaupt nicht einstellen könnte. Ich habe vorher in Italien gelebt und dort war es um einiges sicherer. Die Polizei scheint dort 24 Stunden tagtäglich auf der Jagd zu sein. Hierzulande scheint sich die Polizeitätigkeit auf die Aufnahme von Diebstahlprotokollen zu beschränken. Aber: es ist nicht mehr wie früher, als die Grenze zu war. Da gäbe es schon die eine oder andere Möglichkeit um die Aufklärungsrate weit über die Hälfte zu bringen.

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