Tagblatt Online, 24. August 2010 08:58:00
Die Wurst war mal ein Tier
Der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer ist der Frage nachgegangen, woher das Fleisch kommt, das wir essen. Die Antworten in seinem Buch «Tiere essen» sind für uns alle schwerverdaulich. Foer prangert aber nicht das Töten der Tiere an, sondern die qualvolle Massentierhaltung. Aber gilt das auch für die Schweiz?
Tin Fischer
Es gab eine Zeit, da hatten Metzgereien lachende Sauen als Logo, manche sogar mit einem Messer im Rücken. Nichts schien der Sau so viel Spass zu machen als sich schlachten zu lassen. Die Logos sind verschwunden und die Phantasie des Konsumenten wurde stattdessen auf den Teller gelenkt. Die Frage, woher das Fleisch kommt, ist uns unangenehm geworden.
Frankenstein-Hühner
Das neue Buch «Tiere essen» des New Yorker Autors Jonathan Safran Foer stellt genau diese Frage. Eine Antwort wollte ihm keiner der amerikanischen Schlachtbetriebe, die 99 Prozent des Fleisches auf dem US-Markt produzieren, geben. Schon gar nicht durfte Foer einen Schlachthof besichtigen. Also hat er sich selbst Zutritt verschafft und nimmt den Leser mit in die Welt der amerikanischen Tierfabriken, die von der Öffentlichkeit systematisch abgeschirmt werden, weil sie zum Himmel stinken. Ihr Mist bildet Seen, die auf der Landkarte eingezeichnet werden könnten.
Millionen von Hühnern werden in diesen Fabriken gleichzeitig grossgezogen, wobei von «Huhn» nur noch bedingt die Rede sein kann. Muskeln und Fettgewebe wachsen schneller als das Skelett. Entsprechend deformiert sind die Tiere. Sie können kaum gehen und haben Krankheiten, die ausserhalb der Massentierhaltung fast nicht vorkommen. Medikamente halten sie am Leben, deren Geschmack durch eingepumpte Bouillon-Lösungen kompensiert werden muss.
30 Prozent der Hühner, die im Schlachthof ankommen, haben aufgrund ihrer «Frankenstein-Genetik» und der ruppigen Behandlung Knochenbrüche.
Tierparadies Schweiz?
Der Umstand, dass in den USA 99 Prozent des Fleisches aus solchen Fabriken kommt, veranlasste Foer dazu, Vegetarier zu werden. Und mit ihm mancher Leser. In diesen Tagen ist das Buch auf Deutsch erschienen und wird auch hier manchen den Appetit am Fleisch verderben. Die deutsche Ausgabe wurde mit Fussnoten über die Situation in Deutschland ergänzt.
Sie ist vergleichbar mit jener in Amerika. Nur: Trifft sie auch auf die Schweiz zu?
«Von der Grösse her gibt es in der Schweiz praktisch keine Massentierhaltung», sagt Hansuli Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes STS. Als einziges Land weltweit lege die Schweiz – neben spezifischen Vorschriften für jedes Tier – auch ein Höchstmass an Tieren pro Hof fest. So dürfen maximal 1500 Schweine in einem Betrieb gehalten werden. Der Durchschnitt liegt sogar bei nur 150.
Solche Familienbetriebe können einen Grossteil des Futters selbst generieren und den Mist selbst entsorgen, das unterscheidet sie von den Massenbetrieben in den USA und der EU. Huber sagt es so: «Die USA sind ein wunderbares Land, für Nutztiere aber die Hölle. Die EU ist Vorhölle. In der Schweiz geschieht zwar noch immer zu wenig, aber wesentlich mehr als in den USA.»
Seuchenherd Massenbetrieb
Können wir «Tiere essen» also zurückgelehnt wie einen Schauder-Roman aus der amerikanischen Unterwelt lesen? Nein. Rund die Hälfte des Geflügels, das in der Schweiz konsumiert wird, kommt aus dem Ausland, sprich: aus Massentierhaltung wie sie Foer beschreibt (Schwein und Rind sind zu 90 bzw. 80 Prozent aus der Schweiz). Dass diese Massenbetriebe Seuchenherde für Viren wie die Vogelgrippe sind, ist ein Problem, das vor der Schweiz nicht haltmacht.
Ebenso dass der Energieaufwand für die Fleischproduktion und die entstehende Treibhausgasemission beträchtlich sind; ob biologisch oder konventionell dürfte laut dem deutschen Foodwatch keinen Unterschied machen. Und nicht zuletzt ist Foers Buch für den Schweizer Leser ein Warnschuss. Die Zeichen stehen auf Anpassung an die EU-Gesetzgebung, und der Wettbewerbsdruck aus dem Ausland wächst – ein Druck, der auf das Tier weitergegeben werden könnte, wie der Tierschutz befürchtet.
Ethisch vertretbares Fleisch
Wir haben also Gründe genug, den Fleischkonsum zu überdenken. Foer liefert die dazugehörigen, schlagkräftigen Argumente. Pragmatische wie Energie und Seuche, aber auch die grundsätzliche Frage, ob wir Tiere zum blossen Genuss – dass wir Fleisch brauchen, hat die Ernährungswissenschaft mittlerweile widerlegt – essen dürfen. So weit, dies zu verneinen, geht Foer allerdings nicht.
Es war die Journalistin Iris Radisch, die in diesen Tagen diese ethische Frage auf den Tisch gebracht und verneint hat, als sie den «Respekt vor der fremden Intelligenz» des Tieres forderte, die unserer in vielem – ob dem Sehen oder dem Hören – überlegen ist. Wo Foer mit dem Verzicht auf Fleisch lediglich den «Muskel Mitgefühl» trainiert, ist Vegetarismus für Radisch Teil der Zivilisierung. Foer geht den pragmatischen Weg. Für ihr kann es so etwas wie ethisch vertretbares Fleisch geben.
Es sei nur praktisch unmöglich, dass wir uns alle davon ernähren können, deshalb sollten wir es ganz lassen. Oder zumindest gelegentlich darauf verzichten, so wie es jener Gastrokritiker tut, der tagsüber bis 17 Uhr vegan lebt. Der Frage, ob es Gesetze braucht, weicht Foer dabei aus und ruft stattdessen dazu auf, dass jeder individuell das Richtige tut.
Nur 1,9 Prozent ist Bio-Fleisch
Als Amerikaner beruft sich Foer auf die Bürgerrechtsbewegung, der es gelang, mit einem einfachen Bus-Streik die Gleichberechtigung der Schwarzen zu erkämpfen, einfach indem jeder mitgemacht hat. Doch deren Ziel waren konkrete Gesetzesänderungen. Vegetarismus mag die richtige Entscheidung sein, wenn man das Töten eines Lebewesens zum blossen Genuss für falsch hält. Vegan zu leben, wenn man eine würdige Tierzucht für nicht machbar hält.
Der Kauf von Bio-Fleisch, wenn man glaubt, dass sich dies mit entsprechendem Mehraufwand umsetzen lässt. Bloss: Dem Grossteil der Tiere hilft das alles nichts. Der Marktanteil von Bio-Suisse-Fleisch beträgt nur gerade 1,9 Prozent. Nicht wesentlich höher ist der Prozentsatz der Vegetarier, Veganer oder jener, die aus ethischen Gründen nur sporadisch Fleisch essen.
Die Zivilisierung der Tierhaltung funktioniert nicht über korrekten oder verweigerten Konsum, sondern über Gesetze. Die Folge dieser Gesetze liegt auf der Hand: In der Schweiz kostet Fleisch fast doppelt so viel wie im Ausland und ist damit das verhältnismässig teuerste Lebensmittel. Allerdings wird der Anteil der Lebensmittel am Gesamteinkommen immer kleiner.
Wir zahlen also selbst beim Kauf von Bio-Fleisch einen geringen Preis, um Zustände zu verhindern, wie sie Foer in einem Sachbuch beschreibt, von dem man sich wünscht, es wäre nur ein fiktiver Roman gewesen.
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Kommentare lesen
cse (01. September 2010, 14:34)
Und das wird noch massiv subentioniert.
Und das wird noch massiv subentioniert.
Beitrag kommentierenfuertiere (24. August 2010, 13:54)
In Deutschland verursacht
die Fleischproduktion jährlich das Leiden von mehr als 450 Millionen Tieren und bringt sowohl Menschen wie auch die Umwelt in Gefahr. Ohne Fleisch lebt man länger und gesünder ! Vegetarier erleiden seltener Herzinfarkte als Fleischesser und haben im Vergleich ein um 40% geringeres Darmkrebsrisiko. Der übermäßige Fett- und Proteingehalt des Fleisches steht auch mit anderen Krebsarten sowie mit Fettsucht und Schlaganfall in Zusammenhang.
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