Tagblatt Online, 19. Februar 2011 10:11:00
Aufklärung verhindert Übergriffe
Dorji Tsering
WALZENHAUSEN. Die Ausserrhoder Heimaufsicht fordert nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle klare Leitbilder und Strategien zum Thema Sexualität und Gewalt in Heimen. Die Stiftung Waldheim hat solche Konzepte bereits eingeführt.
Martina Brassel
Die Stiftung Waldheim mit sechs Heimen in Ausserrhoden, 250 Mitarbeitern und über 180 Bewohnern gilt als grösste Institution für behinderte Menschen in der Ostschweiz. Sie steht seit 1943 im Dienste von Menschen mit mittlerer bis schwerer geistiger und teilweise zusätzlicher körperlicher Behinderung. «Unser Hauptziel ist, Menschen mit einer Behinderung eine Heimat zu geben», erklärt Geschäftsführer Dorji Tsering. Er ist seit fünf Jahren in der Stiftung Waldheim tätig – und sagt: «Es hat sich vieles verändert. Das System ist offener, lebendiger geworden. Heime schotten sich nicht mehr von der Aussenwelt ab, sondern integrieren sich verstärkt ins Dorfleben. Besuche sind willkommen und ohne Voranmeldung möglich. Auch die Einstellung der Gesellschaft gegenüber behinderten Menschen hat sich verändert.» Zudem, so Tsering, arbeiteten sie heute mit modernen Führungsinstrumenten und klaren Konzepten. Mit Konzepten, wie sie seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle vor zwei Wochen gefordert werden. Konzepte zu Themen wie Sexualität und Gewalt.
Schutz vor Missbrauch sichern
Im Konzept «Umgang mit Sexualität in der Stiftung Waldheim» kommen viele Bereiche zur Sprache. So beispielsweise Themen wie Nähe und Distanz, Intimpflege, sexuelle Kontakte, Selbstbefriedigung oder gar sexuelle Dienstleistungen, aber auch sexuelle Ausbeutung. «Der Schutz vor sexuellem Missbrauch geniesst bei uns höchste Priorität. Präventiv versuchen wir, mittels Aufklärung und Instruktion Übergriffe und Fehlverhalten von Mitarbeitenden und Bewohnern möglichst zu verhindern», heisst es darin. Die Aufklärung erfolgt mit modernen, für die Behinderten ausgearbeiteten Instrumenten. Liege ein Verdachtsfall vor, müssen laut Konzept genaue Regeln befolgt werden. «Ruhe bewahren, die Situation beurteilen, Beobachtungen schriftlich festhalten und anschliessend umgehend dem Geschäftsleiter melden.» Ein ähnliches Konzept gibt es auch für das Thema Gewalt.
Dass Konzepte, die nur auf Papier existieren, nicht viel nützen, ist sich Tsering bewusst. «Wichtig ist, dass die Mitarbeiter den Umgang untereinander im Alltag vorleben, offen darüber sprechen. Die Nähe zu den Bewohnern ist wichtig, eine gewisse Distanz aber trotzdem notwendig.»
Klare Instrumente unabdingbar
Für Tsering gehört nebst klaren Richtlinien zum Umgang mit Themen wie Sexualität oder Gewalt aber noch mehr dazu, um ein offenes, vertrauensvolles System zu leben – und damit das Risiko von Missbräuchen zu minimieren. «Wir fördern unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bieten regelmässig Weiterbildungen an. Wir bestärken sie auch darin, unangenehme Dinge anzusprechen.»
Laut dem Geschäftsführer gibt es auch bei Anstellungsgesprächen klare Instrumente. «Bei Kadermitgliedern wird ein Straf- und Betreibungsregisterauszug verlangt. Zudem müssen die Bewerber Referenzanfragen von ihren ehemaligen Arbeitgebern ausfüllen lassen und sich unangenehmen Fragen stellen.» Anschliessend habe ein Mitarbeiter eine dreimonatige Probezeit zu absolvieren. «Sind wir uns innerhalb dieser drei Monate unsicher, kommt es zur Trennung», so Tsering. Im Personalreglement ist zudem festgehalten, dass es beispielsweise bei Vergehen zu Verweisen und fristlosen Entlassungen kommt. «In den letzten Jahren mussten wir wegen eines sexuellen Übergriffs an einer Mitarbeiterin eine fristlose Kündigung aussprechen.» Gefälligkeits-Arbeitszeugnisse würden keine ausgestellt, ergänzt der Geschäftsführer. «In zwei Fällen haben wir dies sogar vor dem Ausserrhoder Obergericht durchgesetzt.»
Sicherheiten eingebaut
Bei Beschwerden reagiert die Heimleitung umgehend. «Wir gehen jedem Hinweis, jeder Reklamation rasch nach», versichert Tsering. Zudem verfüge das Heim mit intakten Teams, dem eigenen Heimarzt und dem Heimpsychiater über weitere Kontrollinstrumente.
«Im Heimalltag sind genügend Sicherheiten eingebaut, um Missbräuche weitmöglichst auszuschliessen. Trotzdem: Ein Restrisiko bleibt. Es ist wie beim Feuer, die Rauchentwicklung ist das Alarmierende. Das heisst für uns: Kommt es zu Gewalt- oder Sexualübergriffen, ist es wichtig, diese im Frühstadium zu erkennen und umgehend zu handeln.»
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