Tagblatt Online, 11. Mai 2010 01:03:46
Was kommt nach Öl und Gas
Ruedi Rechsteiner referiert an einer gut besuchten Veranstaltung der SP Appenzell Ausserrhoden. (Bild: Bild: pd)
Antworten auf solche Fragen gab der ausgewiesene Energie-Experte Ruedi Rechsteiner, Ökonom aus Basel. Als Nationalrat war er Initiant der kostendeckenden Einspeisevergütung.
Herisau. Ruedi Rechsteiner kam auf Einladung der SP Appenzell Ausserrhoden letzte Woche nach Herisau. Die gut besuchte Veranstaltung zeigte, wie gross das Interesse an erneuerbaren Energien auch hier ist.
In seinem Referat begann Rechsteiner im Jahr 1956; damals prognostizierte der Öl-Geologe Hubbert, dass der «Oil Peak» im Jahr 2000 erreicht werde. Damit habe er gar nicht so unrecht, so der eben erst aus dem Nationalrat zurückgetretene Ruedi Rechsteiner.
Der Anteil grosser Ölfelder, die neu gefunden werden, nehme ab; seit 2000 steige der Ölpreis kontinuierlich und die Welt-Ölproduktion stagniere seit 2004. Auch Erdgas, Kohle und Uran sind laut Rechsteiner ein x-Faches teurer als vor 10 Jahren. Dies alles zeigte Ruedi Rechsteiner mit Zahlen und Fakten eindrücklich auf.
«Unverantwortlich»
Dass die Erdöl-Vereinigung auch heute noch das Heizen mit Öl propagiere, sei angesichts der Kohlendioxid-Ziele unverantwortlich.
Dass man vor 30, 40 Jahren in der damaligen Atomeuphorie AKWs gebaut habe, so Rechsteiner, sei verständlich, denn damals waren Wind- und Sonnenenergie noch keine Alternativen. Wer jedoch mit dem heutigen Wissen um die Gefahren und den vorhandenen umweltfreundlichen Alternativen AKWs befürwortet, handelt nach Ruedi Rechsteiner in höchstem Masse unverantwortlich.
Bei dem rasanten Wachstum der Stromerzeugung durch Windturbinen wird es in wenigen Jahren genügend alternativen Strom auf dem Markt geben, lange bevor neue AKWs ans Netz gehen können. Der Einwand der längeren Übertragungswege, und damit der höheren Verluste, ist laut Rechsteiner nicht stichhaltig. Moderne Gleichstromkabel, eine Spezialität von ABB, arbeiten mit einem Verlust von lediglich 4 Prozent bei einer Distanz von 1000 km.
Erneuerbare Energien deckend
In seinem Referat «Erneuerbare Energien – die Null-Risiko-Strategie» zeigte Ruedi Rechsteiner detailliert auf, was alles gegen neue Atomkraftwerke spricht. Er wies nach, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien technisch möglich und wirtschaftlich vorteilhaft ist. Der Markt boome überall – sogar in China. Insbesondere Deutschland setze auf erneuerbare Energien, habe deren Anteil von 3 Prozent im Jahr 1990 auf 15 Prozent 2008 gesteigert. 2020 bezöge Deutschland 47 Prozent seines Stromverbrauchs aus Wind, Sonne und Biomasse.
Und damit, so Ruedi Rechsteiner, werden Arbeitsplätze des erneuerbaren Energien-Sektors die Autoindustrie überholen.
Die Potenziale sind «riesengross», ist der alt Nationalrat überzeugt. Die Technik werde immer günstiger, die Primärenergie (Wind, Sonne Erdwärme) sei gratis. Und: Die Entwicklung läuft schnell. Jährliche Wachstumsraten von 35 bis 50 Prozent bei Wind- und Sonnenenergie seien eine Tatsache. Seine Folgerung: Hier müsse sich die Schweiz richtig positionieren. Rechsteiner plädierte dafür, dass «jedes Dach ein Solardach sein kann, jedes Haus ein Kraftwerk». Er prognostiziert, dass in 10 Jahren die Photovoltaikanlage für den Strombedarf eines Haushaltes noch 10 000 Franken kosten wird. Nur ein wuchtiges Nein zu Atomkraftwerken sei gut fürs Gewerbe und sichere den Ausbau. Die Schweiz müsse auf moderne Technologien setzen, Arbeitsplätze im Wachstumssektor entwickeln und die Exportbranchen stärken.
Cleantech-Initiative lanciert
Die SP Appenzell Ausserrhoden nahm die Veranstaltung zum Anlass, die Unterschriftensammlung zur Cleantech-Initiative im Kanton zu lancieren, mit der die SP 100 000 Arbeitsplätze in einer nachhaltigen Wirtschaftsbranche schaffen will. (pd)
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