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Tagblatt Online, 23. Juli 2009 01:01:08

Im Rausch alter Tage

Zoom

Ficht Tanner in seinem Atelier in Trogen, wo er singt, Bass spielt und stickt. (Bild: Bild: Philippe Reichen)

Ficht Tanner orientiert sich nicht an Grenzen. Schon als Kind, sagt er, habe er die Welt mit anderen Augen gesehen. Das mit Töbi Tobler gegründete Duo «Appenzeller Space Schöttl» ist sein Lebensprojekt, das ihn noch heute – wieder – glücklich macht.

Philippe Reichen

Trogen. Der kleine Urs möchte seiner Kindergärtnerin schon lange etwas vorsingen. Denn im Kindergarten wird viel gesungen, eigentlich immer gesungen. Aber nicht so, wie Urs sich das vorstellt. Eines Tages fragt er die Kindergärtnerin: «Darf ich Dir etwas vorsingen, aber so wie ich das will?» – «Ja», antwortet sie.

Urs singt, als sänge er ganz für sich allein. So wie er auch im Kindergarten singen will: von tief unten, aus dem Bauch heraus. Schon nach drei Tönen unterbricht ihn die Kindergärtnerin mit der Bemerkung, er soll jetzt aufhören.

So singe man nicht, sagt sie.

Urs ist enttäuscht, wie jedes Kind, das etwas Eigenes geben will, das nicht entgegengenommen wird. In diesem Moment realisierte er – vielleicht zum ersten Mal –, dass er die Welt mit anderen Augen sieht. Die Gesellschaft setzt Grenzen, wo er weder Grenzen sieht, noch solche empfindet. Seine Welt ist eine andere.

Urs' Vater ist Landwirt. Später wechselt er das Metier und wird Briefträger, hält Schafe und züchtet Bienen. Ihm gehört ein Stück Wald. Es ist eine feine, geschützte Welt, in der Urs aufwächst, als jüngstes von vier Kindern wird er von allen geschützt.

Tanner, Tanne, Fichte, Ficht

Er kämpft sich durch die Schuljahre, die ihn nicht wirklich glücklich machen. Er bleibt ein eigenwilliges Kind, bereit, Grenzen auszuloten und zu überwinden.

Einmal ist seine Klasse unterwegs zum Schwimmen. Urs schert ständig aus der Velokolonne aus. Der Lehrer ist nervös. Er ruft: «Tanner, bleib endlich in der Reihe!» Sein Schüler hört nicht hin. Der Lehrer schreit jetzt lauter: «Fichte, fahr anständig!» Die Episode ist aktuell geblieben. Aus Tanner wurde damals Fichte, Urs ist heute Ficht: Ficht Tanner.

Grenzen überwunden

Ficht Tanner, Musiker, Künstler, Freigeist, legt die Geschichte seiner Entwicklung im Rückblick so aus: «Geburten gehen durch die Enge. Im Geburtskanal wird's eng, dann aber weit.» Die Grenzen, die er als mentale und geistige Hindernisse wohl spürte, hat er überwunden. Vielleicht ist er gerade darum nicht an Grenzen gescheitert, weil ihm nichts und niemand die Lebensfreude dauerhaft zu trüben vermochte. Er fühlte sich nicht gezwungen, gegen bürgerliche Fassaden anzurennen und sie niederzureissen.

Er liess sich durch nichts und niemanden provozieren.

Ein Beispiel: Als junger Mann ging Ficht Tanner ins Militär. Der Betrieb gefiel ihm nicht, aber er blieb sich selbst, bis man ihm im ersten Wiederholungskurs nahelegte, das Militär sei vielleicht nicht die Welt, in die er passte. Er quittierte den Dienst – gegen den er sich nie aktiv aufgelehnt hatte – mit guten Gefühlen.

Experimente in «Kellerbands»

Das Jahr 1968, mit dem ein ganzes Zeitalter verknüpft ist, prägte Ficht Tanner. Nach der Lehre als Schriftsetzer zog es ihn 1972 nach Bern. Seine Freundin und spätere Frau arbeitete als Töpferin. Ficht Tanner wurde Gehilfe des Kunstmalers Rudolf Mumprecht. Seine Horizonte weiteten sich.

Er lernte, wie Künstler und der Kunstbetrieb funktionierten, er versorgte sich in Mumprechts Bibliothek mit kunsthistorischem Wissen, und er experimentierte wie früher mit seinen «Kellerbands» im Rheintal mit E-Gitarre und E-Bass.

«Es war ein Rausch der Freiheit», sagt Ficht Tanner.

Formen zertrümmern

In dieser Zeit riefen Ficht Tanner und Töbi Tobler das Projekt «Appenzeller Space Schöttl» ins Leben. Er habe bis dahin nie Appenzeller Folklore gespielt und mit ihr auch nichts zu tun gehabt, erinnert sich Tanner.

Die eng gesteckten Grenzen des Brauchtums überwanden der Bass- und der Hackbrettspieler ohne Zögern.

Ficht Tanner sagt, es sei darum gegangen, die Form dieser Musik zu zertrümmern, um so eine neue Kunstform zu schaffen. Diese Entwicklung verfolgten die Journalisten, die den Werdegang der «Space Schöttls» mit Interesse verfolgten, genauso (siehe rechts). Der neue Stil zwang sie, Klischees zu überdenken.

Für Ficht Tanner erfüllten sich Träume. Jetzt konnte er singen, wie er schon als Kind immer singen wollte: aus dem Bauch heraus. Das Duo musste nicht proben, die Musik floss automatisch.

Die Intimität kleiner Bühnen war wichtiger, als Konzerte in grossen Sälen. Fernsehauftritte passten nicht in dieses Konzept. Ihr Manager wagte den Versuch, Grösseres zu erreichen und verschaffte dem Duo unter anderem einen Auftritt als Vorgruppe von Hubert von Goisern. Damit hatte er für das Duo, das ständig Grenzen überschritt, ein Tabu gebrochen. Es fielen böse Worte.

Die Enge hinter sich

Heute, mehr als dreissig Jahre später, ist das Projekt «Appenzeller Space Schöttl» eine Art Lebenswerk. Ficht Tanner und Töbi Tobler, die in Trogen lange unter demselben Dach, aber separaten Wohnungen lebten, haben nach siebenjähriger räumlicher und musikalischer Trennung wieder zusammengefunden: von aussen betrachtet eine Wiedergeburt.

Die Vertrautheit war nie weg. Töbi Tobler nennt die Trennung dennoch «eine Befreiung». Jetzt, wo sie gemeinsam durch den engen Geburtskanal hindurchgerutscht sind, geniessen sie die Weite mit jedem Ton.





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