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Tagblatt Online, 11. November 2009 01:02:37

Das Geratter ist Teil der Oper

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Gepäckwagen als Opernbühne: Roman Rutishauser und sein Bahn-Orchester in einem Waggon des Rheintal-Express. (Bild: Bild: Patrik Riklin)

Unter Leitung von Roman Rutishauser wagen in diesen Tagen 15 Jugendliche des künstlerischen Weiterbildungsjahres des SBW Haus des Lernens ein musikalisches Experiment der besonderen Art: Eine Bahnoper im fahrenden Gepäckwagen.

Mark Riklin

Herisau. Querceto, ein kleines Weindorf in der Toscana. Mit einer halben Stunde Verspätung nähert sich die Dorfbevölkerung dem rustikalen Kornspeicher, wo an diesem Abend eine ganz besondere Uraufführung stattfindet: die Oper «Orpheus und das lächelnde Ei», komponiert vom Herisauer Roman Rutishauser, aufgeführt von 15 Jugendlichen des künstlerischen Weiterbildungsjahres des SBW Haus des Lernens Herisau.

Simulation eines Gepäckwagens

Das internationale Publikum – neben Einheimischen eine Hand- voll Franzosen und eine deutsche Reisegruppe auf Degustationstour – trifft auf eine ungewohnte Bühne: Mit Schnur sind auf dem Boden die Ausmasse eines SBB-Gepäckwagens ausgelegt, die Zuschauer sitzen in unmittelbarer Nähe der Akteure. Hier wird simuliert, was nur zwei Wochen später im Rheintal-Express zwischen St. Gallen und Chur Premiere feiern wird: eine Bahnoper durch eine fahrende Unterwelt.

Kein leichtes Unterfangen, schaukelt und lärmt es doch im Gepäckwagen. Trotzdem haben sich Roman Rutishauser und Felix Gemperle, SBB-Leiter Verkauf & Services der Region Säntis-Bodensee, nach einer Probefahrt entschieden, das Experiment zu wagen.

100 Seiten Partitur

Roman Rutishauser liebt sie, die unkonventionellen Bühnen: sei es – wie diesen Sommer – ein schwankendes Floss, ein Sandstrand am Meer oder die Gleise an einem Bahnhof, wo nachts um 2 Uhr ein Requiem aufgeführt wird und der erste Zug den Schlussakkord bildet.

Dieses Mal soll es ein verdunkelter Gepäckwagen sein, der mitten durch das Rheintal pfeift. In zwei Dutzend Nachtschichten hatte Rutishauser die Oper seinen Schützlingen auf den Leib geschrieben, jeder und jedem nach seinen Fähigkeiten. Fast 100 Seiten Partitur sind für die zehn Stimmen entstanden, von Piano und Schlagzeug bis zu Harfe oder Hackbrett.

Zwei Kunstwochen in der Toscana mussten reichen, Musik und Choreographie (Cordelia Alder) einzustudieren und aufeinander abzustimmen.

Experiment voller Störungen

Ende Oktober ist es so weit. Kurz vor zehn Uhr fährt der Rheintal-Express auf Gleis 2 des St. Galler Bahnhofs ein. Sieben Minuten verbleiben, die fahrende Bühne zu beziehen und den mobilen Stromgenerator in Gang zu setzen.

Aus der Zugführer-Kabine erklingt eine jugendliche Stimme: Eleonora Nägele macht Reisende via Lautsprecher-Durchsage darauf aufmerksam, dass heute ein gültiges Bahnticket freien Zugang zur Bahnoper ermöglicht, im hintersten Waggon bitte. Und schon beginnt der Rheintal-Express anzurollen. Roman Rutishauser spielt auf einer Klangschale, während die jugendlichen Akteure als Puppen ins Orchester klettern. Der Zug spielt mit. Er pfeift, quietscht, ächzt und krächzt. Lampen für Bauarbeiter heulen auf, das Tunnel rauscht, entgegenfahrende Züge lassen die Unterwelt tosend erzittern. Ein Experiment voller Herausforderungen und Störungen, die keine sind: umfallende Notenständer, ausfallende Mikrophone, beengende Raumverhältnisse. «All dies gehört zu Orpheus' Unterwelt», sagt Roman Rutishauser, «die Kunst besteht darin, mit den Bewegungen des Zuges mitzugehen, sich als Teil des Wagens zu verstehen und alles aufzunehmen, was der Zug und die Umgebung an Geräuschen liefern. » Nach 30 Minuten nähert sich die Oper dem Ende. Gäbe es nicht die listige Schlangthasie, würde das Stück so traurig enden, wie man es von Opern kennt. Von den Jugendlichen beraten, fand Rutishauser ein überraschendes Ende: Mit Phantasie lasse sich oft ein (Aus-)Weg finden, Kunst könne so ein Weg sein. Unter dem Applaus des Ad-hoc-Publikums kommt der Zug zum Stillstand. Fahrplanmässig verlassen die Reisenden den Gepäckwagen mit der Gewissheit, eine unvergessliche Fahrt erlebt zu haben.

Nächste Fahrt: Diesen Freitag

«Experiment Bahnoper gelungen», titelte eine Lokalzeitung später. Und auch für die jugendlichen Akteure waren die ersten vier Aufführungen im UV-Licht einer fahrenden Bühne ein einmaliges Erlebnis. Zwischendurch habe er jegliches Zeitgefühl verloren, sagt «Orpheus», der 16jährige Sylvain Schaeffer. Die grösste Herausforderung sei gewesen, bei so viel Ablenkung die Konzentration aufrecht zu halten und bei der Sache zu bleiben. Am kommenden Freitag bietet sich noch einmal die Möglichkeit, mit dem rollenden Orchester mitzufahren.

Bahnoper «Orpheus & das lächelnde Ei», Rheintal-Express, Freitag, 13. November. Abfahrtszeiten: St. Gallen 10.03 Uhr, Buchs 11.01 Uhr, Chur 12.22 Uhr, Altstätten 13.17 Uhr. Reservationen: Tel. 071 352 51 22.




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