Gezielte Jagd im Banngebiet

ALPSTEIN ⋅ Die Hirschpopulation nimmt überhand. Vier Projektgruppen haben sich dieses Problems angenommen. Im Rahmen einer Informationsveranstaltung wurde ein 26 Massnahmen umfassendes Konzept vorgestellt.
21. April 2017, 08:08
Andy Lehmann
Der gemeinsam genutzte Lebensraum des Rothirsches und des Menschen bietet Konfliktpotenzial. Die Hirschpopulation ist gestiegen. Um der Lage Herr zu werden, soll unter anderem im Jagdbanngebiet Säntis das Jagdverbot gelockert werden.

«Wir müssen Brücken bauen statt Mauern zementieren», sagte Nicole Imesch zu Beginn der Informationsveranstaltung Konzept Wald & Hirsch in Schwende. Sie ist Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Wildtierbiologie. Rund 100 Interessierte folgten der Einladung der Arbeitsgruppe Wald & Hirsch und liessen sich von den Projektleitern über die erarbeiteten Massnahmen für das Eidgenössische Jagdbanngebiet Säntis und Umgebung informieren.
 

Er ist intelligent und passt sich an

Der Rothirsch wird als «König der Wälder» bezeichnet und ist von Pro Natura zum Tier des Jahres gewählt worden. Einst galt das stolze Tier als ausgestorben, doch seit einigen Jahren gehört er auch in unseren Breitengraden wieder zum festen Bestandteil der Wälder. Der Rothirsch gilt als intelligent und anpassungsfähig. So zieht er sich während der Jagdsaison in Gebiete zurück, welche den Jägern aufgrund von Schutzbestimmungen verwehrt bleiben. Der Hirsch oder generell das Wild hinterlässt aber auch seine Spuren im Wald. Insbesondere der Verbiss und das Schälen machen Waldbesitzern Sorgen. «Der Lebensraum des Hirsches ist wichtig. Dieser wird aber verschiedentlich genutzt, etwa von Jägern, Waldbesitzern, Landwirten, und auch der Tourismusfaktor spielt eine Rolle. Es ist eine Herausforderung, die Ansprüche des Menschen wie auch jene des Hirsches an den Lebensraum unter einen Hut zu bekommen», sagt Nicole Imesch.

Eine der wichtigsten Massnahmen soll in der Regulierung der Wildbestände umgesetzt werden. Dazu gehört auch eine gezielte Jagd im Schutzgebiet. «Man geht von einem Rothirschbestand nach der Setzzeit, also im Herbst, von etwa 240 Tieren aus. Diese sollen in einem ersten Schritt um einen Drittel auf 160 Rothirsche reduziert werden. Um dies zu erreichen, muss jedoch die Abschussquote stark erhöht werden, was nur schrittweise möglich sein wird», sagt Ueli Nef, Projektleiter Gruppe Jagd und Jagd- und Fischereiverwalter in Innerrhoden. Der Massnahmenkatalog geht auch auf die Nutzung des Waldes ein. Diese soll nachhaltig intensiviert werden, insbesondere in den einförmigen Fichtenbeständen, und so den Lebensraum des Wildes aufwerten. Aus Sicht der Waldbesitzer soll eine standortgerechte Verjüngung des Waldes grossflächig gewährleistet sein.
 

Kontrollzäune und Wildruhezonen schaffen

Für Landwirte und Älpler ist insbesondere der Frassverlust durch das Wild ein Problem. Daher soll dieser mittels Kontrollzaunsystem verifiziert werden. Hierfür wird eine eingezäunte Fläche von sieben mal sieben Metern und eine analoge Fläche daneben gemäht, getrocknet und die Schnittmengen verglichen. Das Erstellen der Flächen erfolgt im Herbst. Somit wird das Nachgrün ebenso wie das junge Grün im Frühling erfasst. Die Landwirte wünschen sich, dass Hirschschäden ernst genommen werden und die Jagdverwaltung durch Transparenz Vertrauen schafft.

Im Freizeitbereich wurde festgestellt, dass Wegegebote im Jagdbanngebiet oft nicht eingehalten werden, dies betrifft vor allem die Schneeschuhläufer. Störungen im Winter führen beim Hirsch zu unnötigem Verbrauch von Energiereserven. Der Hirsch zieht sich in Waldgebiete mit guter Deckung zurück, was zwangsläufig mehr Schäden im Wald zur Folge hat. Die Touristiker sind ihrerseits offen für eine neue Diskussion um Wildruhezonen. Wichtig ist ihnen, dass dies nach dem Motto «Geben und Nehmen» geschieht. So sollen dafür Bewilligungsverfahren für Veranstaltungen ausserhalb der Wildruhezonen nach Möglichkeit vereinfacht werden. Eine erneute Diskussion um allfällige Ruhezonen soll mit transparenter Kommunikation der Verwaltung und unter Einbezug der Bevölkerung geschehen. Diese soll über Wildruhezonen und deren positive Wirkung auf Wald und Wiesen informiert werden.
 

Nochmals überarbeiten und prüfen

Im Anschluss an die Vorstellung der wichtigsten Massnahmen durch die Projektleiter und Experten sagte Nicole Imesch: «Wir müssen gemeinsam Lösungen erarbeiten und diese zum Wohle aller umsetzen.» Nach einer kurzen Diskussionsrunde im Saal erläuterte Landeshauptmann Stefan Müller das weitere Vorgehen. Das Massnahmenpaket soll nochmals durch die Arbeitsgruppen Jagd, Wald, Landwirtschaft und Tourismus überarbeitet werden. Anschliessend geht das Konzept in die Vernehmlassung.

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