Erste Appenzellerin ausgezeichnet

PREMIERE ⋅ Salome Walz hat den Josef-Delz-Preis gewonnen, eine Auszeichnung für ausserordentliche Leistungen in der Sprache Latein. Die Gewinnerin kritisiert die immer stärker werdende Abwertung der alten Sprache.
01. Dezember 2016, 07:06
Lisa Wickart

Lisa Wickart

lisa.wickart@appenzellerzeitung.ch

«Ich wollte etwas machen, was es noch nicht gibt», sagt Salome Walz aus Gais. Die 18-Jährige hat für ihre Maturaarbeit als erste Appenzellerin überhaupt den Josef-Delz-Preis zur Förderung des Lateins an den Schulen der Universität Basel gewonnen. Denn: Salome Walz hat lateinische Briefe übersetzt, die noch nie zuvor vollständig übersetzt worden sind. «Kurze Teile der Briefe wurden schon einmal für eine Arbeit genutzt, eine komplette Übersetzung habe ich jedoch nie gefunden», sagt Walz, die dieses Jahr das Gymnasium an der Kantonsschule Trogen abgeschlossen hat. Ihre Maturaarbeit trägt den Titel «Scripsi festinanter Tubingae 1583 – Übersetzung lateinischer Briefe eines Sohnes an seinen Vater». Es geht dabei um Briefe, die der Sohn des Schaffhauser Reformators Johann Konrad Ulmer an seinen Vater schickte. Eingereicht hat Walz die Arbeit selbst: «Rebecca Graf, meine Betreuerin, hat mir geraten, die Arbeit einzuschicken. Als ich dann im Zug mit meinen Freunden war, habe ich erfahren, dass ich den 1. Platz belegt habe. Ich hatte richtiges Herzklopfen.» Die Verleihung des Josef-Delz-Preises fand am 18. Oktober in der Universität Basel statt. «Ein Diplom, eine Box mit Basler Läckerli und 3000 Franken habe ich gewonnen», so Walz.

«Viele können den Nutzen nicht sehen»

Obwohl sich Salome Walz durch den Preis geehrt fühlt, trübt etwas die Freude: «Für mich ist das eine persönliche Anerkennung, obwohl das etwas ist, was viele Leute unnötig finden. Latein ist leider auf dem absteigenden Ast.» Die Zahlen der Latein- und Altgriechischschüler sinken in der ganzen Schweiz. Walz findet den Trend bedenklich: «Mittlerweile ist Latein vielerorts keine Voraussetzung mehr, um Geisteswissenschaften studieren zu können. Das ist eine Katastrophe.» Heutzutage werde in allem der Nutzen hinterfragt. «Wir haben einen starken Nützlichkeitsdrang. Die Aussage, Latein sei nicht mehr wichtig, ist verbreitet, weil viele den Nutzen nicht direkt sehen können», erklärt die Gaiserin. «Früher war Latein die Sprache aller Wissenschaften. Heute ist das nicht anders. Für jegliche Wissenschaften, Medizin, Sprachen und Jura, wird jeder, der einmal Lateinunterricht genommen hat, früher oder später einen Nutzen aus dem Latein ziehen können.» Die Geschichte sei auf den alten Sprachen aufgebaut. «Wenn wir bis heute nicht an ihnen drangeblieben wären, wüssten wir vieles nicht», so Walz. Latein vermittle einem das Verständnis für Sprachen und fördere das Allgemeinwissen. «Die Abwertung des Lateins ist ein Sparprogramm. Durch Budgetkürzungen im Bereich Bildung wird Latein abgewertet», bedauert Salome Walz. Sie sieht eine Chance für die Sprache der alten Römer: «Latein muss stärker gefördert werden. Als anstrebenswertes Beispiel sehe ich das Gymnasium Spiritus Sanctus in Brig. Hier werden Latein und Englisch kombiniert. Latein hilft für Englisch. Alte und neue Sprachen sollten darum gemischt werden.» Sie sieht auch Reisen als Chance, um einen Bezug zum Latein zu erleben: «Schüler sollen hingehen und sich alte Schriften oder Bauten ansehen können.»

Die Philosophische Fakultät der Universität Zürich hat die Lateinpflicht für das Germanistik-Studium abgeschafft. Die neue Regelung gilt ab dem Frühjahrssemester 2017. «Das Latinum wäre ein Mittel für die Selektion. Es würde bessere Studenten für die Universitäten generieren», meint Salome Walz.

Ob Latein in ihrer Zukunft eine grosse Rolle spielen wird, ist sich Salome Walz nicht sicher: «Ich weiss nicht, ob ich Latein als Hauptfach studieren würde. Ich finde es als Nebenfach ideal. Ich überlege mir das auch gerade.» Im Schwerpunktfach habe sie Latein sehr interessiert. Das sei aber keine Voraussetzung: «Mich interessiert vieles. Französisch, Geschichte oder Italienisch wären mögliche Studienrichtungen für mich.» Momentan befindet sich die 18-Jährige im Zwischenjahr und arbeitet als Praktikantin im Stiftsarchiv St. Gallen. Besonders Französisch fasziniert Salome Walz: «Ich plane gerade einen Au-Pair-Aufenthalt in der Westschweiz. Danach würde ich gerne mit dem Studium beginnen.»


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