«Er sprang über seinen Schatten»

Der Diplomat Carl Lutz hat im Zweiten Weltkrieg Tausende Juden vor dem Holocaust gerettet. Seine Stieftochter Agnes Hirschi setzt sich seit langem für das geistige Erbe ihres Vaters ein. Eine Wanderausstellung in seinem Geburtsort Walzenhausen gibt Einblicke in sein bewegtes Leben.
20. August 2013, 02:35

Agnes Hirschi, was für ein Mensch war Ihr Vater?

Agnes Hirschi: Mein Vater war in den letzten Jahren sicherlich sehr frustriert, dass der Dank des Vaterlandes ausgeblieben war. Darunter hat er sehr gelitten. Sein grösster Wunsch war, dass ich seine Arbeit nach seinem Tod weiterführe, damit er nicht ganz in Vergessenheit gerät.

War er verbittert?

Hirschi: Ja, das kann ich sagen. Er hat auch seine Gesundheit ruiniert. Mit der Rettungsaktion sprang er über seinen eigenen Schatten, weil er eigentlich ein stiller und introvertierter Mensch war. Für eine solche Herausforderung war er nicht prädestiniert.

Woher nahm er trotzdem die Kraft dafür?

Hirschi: Ursprünglich wollte mein Vater Methodistenprediger werden und den Menschen Gutes tun. Er musste aber erkennen, dass er dafür zu schüchtern war. Als er in Budapest vor der grössten Aufgabe seines Lebens stand und die Not der Juden sah, hat er mit sich gerungen und kam zur Überzeugung, dass Gott ihm diese Aufgabe übertragen habe. Als gläubiger Methodist vertraute er darauf, dass Gott ihm die Kraft dafür geben würde.

Wie war Carl Lutz als Vater?

Hirschi: Ich war damals elf Jahre alt und in einem schwierigen Alter. Nicht immer war ich ein braves Kind. Er war sicherlich ein sehr lieber Vater und ein auf Harmonie bedachter Mensch. Vielleicht hat er sogar etwas zu wenig «durchgegriffen». Aber ich hatte ja auch noch meine Mutter. Später ermöglichte er mir eine sehr gute Ausbildung, ich durfte Sprachen studieren.

Wie sehen Sie sein Engagement aus heutiger Sicht?

Hirschi: Er war ein gewissenhafter Beamter, der sich innerlich einen Ruck gab. Über seine Tätigkeit als Vizekonsul pflegte er, detaillierte Berichte nach Bern zu schreiben. Später änderte sich das ein wenig. Wenn ihm etwas nicht in den Kram passte, hielt er die ungarischen Behörden hin. Insbesondere die Pfeilkreuzler, die ungarischen Faschisten, musste er vertrösten, weil sie die für die Juden wichtigen Schutzbriefe nicht mehr tolerieren wollten. Sie drängten auf eine offizielle Anerkennung ihrer Regierung. Mein Vater wusste aber, dass dies die Schweiz nie tun würde.

Wie sprach Ihr Vater über seine Rettungsaktionen in Budapest?

Hirschi: Es war der Höhepunkt seines Lebens. In dieser Zeit lebte er, machte er keine grossen Sprünge mehr. Eigentlich sprach er immer davon und versuchte auch Leute aus jener Zeit zu treffen, um sich mit ihnen auszutauschen. Manchmal machte er sich sogar Vorwürfe und fragte sich, ob er nicht noch mehr Juden hätte retten können.

Hat er sich zu sehr damit beschäftigt?

Hirschi: Er hat praktisch täglich davon erzählt. Die Budapester Zeit liess ihn bis zu seinem Lebensende nicht mehr los. Man kann vielleicht sagen, dass er mit dem Erlebnis nicht ganz fertig geworden ist.

Warum setzten Sie sich so stark für das geistige Erbe Ihres Vaters ein?

Hirschi: Er hat so viel für mich getan. Weil es sein grosser Wunsch war, dass ich sein Erbe bekannt mache, fühlte ich mich verpflichtet. Ich bin froh, dass es mittlerweile so gut läuft – mein Vater wäre darüber sehr glücklich.

Wann begann man sich in der Schweiz für Ihren Vater zu interessieren?

Hirschi: Ab 1998 engagierte ich mich verstärkt für die Erinnerung an meinen Vater. Ein Jahr später wurde er in die Ausstellung «Visas for live» aufgenommen, in der Diplomaten vorgestellt wurden, die Juden gerettet hatten. Das verschaffte ihm international Aufmerksamkeit. Zu jener Zeit brauchte die Schweiz wegen der Diskussion um die nachrichtenlosen Vermögen positive «Publicity» – sie hatte einen Retter nötig. Deshalb fanden viele, dass man für das Gedenken an Carl Lutz etwas mehr tun könnte.

Wie reagieren die Menschen auf die Geschichte von Carl Lutz?

Hirschi: Sie machte immer sehr Eindruck. Aber ich muss feststellen, dass in der Schweiz sein Bekanntheitsgrad sehr gering ist. Das Schweizer Publikum ist zwar immer beeindruckt, in Amerika sind die Menschen begeisterungsfähiger. Ich habe den Eindruck, dass dank der Ausstellungen das Interesse auch in der Schweiz gestiegen ist. Es ist aber noch lange nicht so gross wie in Budapest oder Israel. Das sind die Orte, wo die Lutz' Geschichte die Menschen stärker berührt.

Wann haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Hirschi: Seit 1997 haben wir einen grossen Schritt nach vorne gemacht. Es gibt mittlerweile eine Carl-Lutz-Stiftung in Budapest und eine Schweizer Vertretung in Genf. Eigentlich bin ich schon sehr zufrieden mit dem Erreichten. Ich hoffe aber, dass Car Lutz in der Schweiz noch bekannter wird.

Interview: Michael Genova


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