Kopf des Tages

Der Ruhestand kann warten

TABAK ⋅ Heinrich Villiger hat wieder die Geschicke seiner Zigarrenfabrik übernommen. Mit 87 Jahren fühlt er sich noch fit genug.
06. Dezember 2017, 05:22

Der Mann ist für Gesundheitsapostel ein unerklärliches Phänomen: Heinrich Villiger, im Mai 87 Jahre alt geworden, raucht seit Jahrzehnten Zigarren und ist noch immer topfit. Selbst ein Sturz mit dem Mountainbike vor einem Jahr konnte ihn nicht bremsen. Nun ist er zurück am Ruder. Er hat im September still und leise erneut die Leitung seiner Zigarrenfabrik mit Sitz in Pfeffikon LU übernommen, wie die «Aargauer Zeitung» gestern berichtete. Die Villiger-Gruppe produziert mit 1700 Angestellten jährlich rund 1,5 Milliarden Zigarren und Zigarillos.

Eigentlich wollte der gebürtige Aargauer kürzertreten, sich um seinen Demeterhof in Deutschland kümmern und mit seinem Villiger-Bike die Schönheiten der Natur erkunden. Die Geschicke seiner Firma legte er deshalb Anfang 2016 in die Hände von CEO Robert Suter. Der Nichtraucher war zuvor Konzernchef der Conzzeta AG gewesen, zu der auch die Sportartikelmarke Mammut gehört. «Es ist nicht seine Schuld, dass es nicht geklappt hat. Suter war nicht die richtige Person für diese überregulierte Branche», sagte Villiger gestern auf Anfrage. Letztlich dürfte der Branchenfremde seine liebe Mühe gehabt haben mit einem Industriesektor, der in Marketingangelegenheiten praktisch keinen Spielraum zulässt.

Man kann es auch so formulieren: Während im Sportartikelgeschäft die Vermarktung essenziell ist, kümmert sich in der Tabakbranche sozusagen der Staat um das Marketing: Mit etwas Verzögerung sind neutrale Einheitsverpackungen mittlerweile auch bei den Zigarren durchgesetzt worden. Um die zahlreichen Vorschriften einzuhalten, müssen Tabakfirmen Millionen investieren. Der Aufwand für Familienbetriebe wie Villiger wird immer grösser, die Margen sind immer kleiner. Für Aussenstehende ist das kein einfaches Geschäft.

Nun hat der Patron die CEO-Funktion also wieder gestrichen. Zwischen dem Inhaber und den drei Spartenchefs gibt es wieder einen direkten Draht. Doch im Grunde genommen war Villiger gar nie weg. Er ist und bleibt Verwaltungsratspräsident der Villiger-Gruppe und fliegt mehrmals jährlich nach Kuba, um sich der Qualität der Tabakpflanzen zu vergewissern – per Linienflug, wohlverstanden.

Die Nachfolgeregelung hat Villiger bis auf weiteres aufgeschoben. Der ältere Bruder von alt Bundesrat Kaspar Villiger hat nun aber immerhin seine Tochter Corina zurück in den Verwaltungsrat geholt, nachdem sie sich mehrere Jahre lang vom Familienbetrieb entfernt hatte. Doch die Allgemeinmedizinerin will ihren angestammten Beruf als Ärztin in Pfeffikon nicht aufgeben. «Ich bin nach wie vor der einzige vollamtliche Verwaltungsrat», sagt Villiger.

Wie lange will er noch im Amt bleiben?«Jemand hat mir mal gesagt, der Seifenfabrikant Friedrich Steinfels habe bis 100 gearbeitet. Diese Absicht habe ich nicht», sagt Villiger, der mittlerweile gegen 70 Dienstjahre auf dem Buckel hat. Solange es ihm gut gehe, bleibe er aber an Bord. Er wolle nicht allzu weit in die Zukunft blicken. Über mehr als zwei, drei Jahre hinaus könne man ohnehin nicht planen, wenn man es mit «Tubak» zu tun habe, sagt der Patron. Der «Aargauer Zeitung » sagte Villiger, er freue sich jetzt auf seine alljährliche Schnapsbrennwoche zwischen Weihnachten und Neujahr.

 

Maurizio Minetti


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