Tagblatt Online, 03. Februar 2012 06:00:00
«Mehr ist fast nicht möglich»
Von ganz unten nach weit oben: Basels Fabian Frei (links, im Cup gegen den Wiler Abdoul Diakité) zählt zu den Aufsteigern der Saison. (Bild: ky/Ennio Leanza)
Nach dem Abstieg mit St. Gallen und seit der Rückkehr nach Basel verblüfft Fabian Frei mit starken Leistungen. Der Thurgauer vor dem Rückrundenstart gegen Sion über Tiefpunkte, Meistertitel, Alex Frei und die Champions League.
Herr Frei, Sie haben im vergangenen halben Jahr innerhalb weniger Wochen die besten Momente Ihrer Karriere erlebt. EM-Finalteilnahme mit der U21, Spiele mit Basel in der Champions League – wie sehr konnten Sie all das geniessen?
Fabian Frei: So richtig erst in der Winterpause. Meine Saison ist bis anhin in der Tat optimal verlaufen. Dabei dachte ich noch nach der U21-EM im Sommer, dass es wohl kaum mehr besser werden könnte. Mein Bruder hat mir eine DVD mit einer Sammlung meiner besten Momente geschenkt. Er sagte, es sei nicht schwierig gewesen, diese Bilder zusammenzustellen. Nach der ersten Hälfte des vergangenen Jahres wäre seine Aufgabe wohl weniger leicht gewesen.
Unterschiedlicher hätten das erste und das zweite halbe Jahr nicht verlaufen können: Nach dem Abstieg mit St.Gallen setzten Sie in Basel zum Höhenflug an. Weiss man den Erfolg eher zu schätzen, wenn man schon einmal so einen Tiefpunkt erlebt hat?
Frei: Ich wusste, dass es nach dem Abstieg mit St.Gallen nicht mehr schlimmer kommen kann. Und ich weiss, dass ich so etwas nicht noch einmal mitmachen möchte. Wenn es einem dann gut läuft, erinnert man sich daran zurück, dass es auch anders sein kann. Ich kam von ganz unten nach weit oben, mehr ist fast nicht möglich.
In einem Interview haben Sie gesagt: In schlechten Zeiten muss man wissen, was man kann. In guten Zeiten, wie es auch laufen kann.
Frei: Das hilft mir, ausgeglichen zu bleiben. Früher hatte ich nach einem Spiel Angst vor den Videoanalysen. Ich überlegte mir immer: Was habe ich wohl wieder falsch gemacht? Auch heute unterlaufen mir Fehler, und sie ärgern mich noch immer. Ich bin aber lockerer geworden. Ich will aus meinen Fehlern lernen. Aber ich steigere mich nicht mehr hinein. Negative Gedanken kosten nur Kraft, die man anderswo besser investieren könnte.
In St.Gallen waren Sie ein Leader, der mit grossen Erwartungen umgehen musste. In Basel gibt es Alex Frei oder Xherdan Shaqiri. Die Verantwortung ist eher verteilt. War das für Sie eine Umstellung?
Frei: Ich hatte in St.Gallen nie das Gefühl, der ganze Druck laste nur auf mir. Wäre der Club nicht abgestiegen, hätte ich mir vorstellen können, zu bleiben. Mein Ziel war es aber, wieder einmal Champions League zu spielen. In Basel bin ich Teil eines gut funktionierenden Teams. Ich bereue aber nichts. Die zwei Jahre in St.Gallen möchte ich nicht missen. Marco Streller sagt jeweils mit einem Augenzwinkern, jeder grosse Spieler sei schon einmal abgestiegen. (Streller stieg 2006 mit Köln ab, Red.)
Wie wichtig war, dass Sie gleich nach dem Abstieg mit dem U21-Nationalteam nach Dänemark reisen konnten?
Frei: Es war wohl hilfreich. Hätte ich drei Wochen Ferien gehabt, hätte ich mir wohl die ganze Zeit den Kopf zerbrochen. In der U21 war ich der einzige St.Galler. Die meisten anderen kamen mit positiven Erlebnissen. Die Stimmung war gleich sehr gut.
In Basel mussten Sie sich Ihr Glück auch als EM-Zweiter erkämpfen. Der damalige Trainer Thorsten Fink äusserte sich über Sie eher zurückhaltend. Stachelte das Ihren Ehrgeiz zusätzlich an?
Frei: Ich wusste, dass ich Geduld brauchen würde. Basel war ohne mich Meister geworden. Ich kam vom Absteiger, und es war klar, dass der Trainer wegen mir nicht seine ganze Mannschaft auf den Kopf stellen würde. Für mich verlief es dann aber optimal. Granit Xhaka und Gilles Yapi verletzten sich, dadurch entstand im zentralen Mittelfeld ein Engpass. Natürlich gehört ein bisschen Glück dazu. Aber man muss die Chance dann auch nutzen.
Alle schwärmen auch von Trainer Heiko Vogel…
Frei: Als feststand, dass Heiko Vogel Thorsten Finks Nachfolger wird, war klar, dass wir Spieler uns für ihn einsetzen. Auch für ihn haben wir diese gute Vorrunde gemacht. Er ist sehr beliebt bei allen. Er schafft es, alle Spieler bei Laune zu halten. Natürlich hat Basel auch genug Partien zu bestreiten, so dass jeder seine Einsatzchancen erhält.
Das Ziel des FC Basel ist der Meistertitel. Wie schwierig ist es in Anbetracht der Aussicht, in der Champions League gegen Bayern München spielen zu können, die Meisterschaft nicht aus den Augen zu verlieren?
Frei: Diese Gefahr besteht kaum. Und wenn Tendenzen erkennbar würden, griffen Spieler wie Alex Frei oder Marco Streller sicher ein. Vor dem Champions-League-Spiel gegen Bayern München bestreiten wir drei Partien in der Meisterschaft. Wir wissen: Wenn diese nicht gut verlaufen, gehen wir auch mit einem weniger guten Gefühl ins Spiel gegen Bayern München. Wir müssen alles dafür tun, um in Bestform und mit Selbstvertrauen gegen die Bayern spielen zu können. Wir wollen auch diese Runde überstehen – so sind wir eben.
Interview: Patricia Loher, Basel
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