Kinderspital Zürich führt wieder Beschneidungen durch

Das Kinderspital Zürich hat seine Praxis bei der Beschneidung von Knaben überprüft. Künftig soll in Fällen, bei denen keine medizinische Indikation besteht, eine «Einzelfallabwägung» vorgenommen werden.

10. August 2012, 11:54
NZZ Online

Anfang Juli hatte das Kinderspital Zürich ein Moratorium bei der medinizisch nicht notwendigen Beschneidung von Knaben verfügt. In der Zwischenzeit ist die Situation analysiert worden, wie die Klinik am Freitag mitteilt. Ziel sei die Erarbeitung eines Vorgehens gewesen, das dem Kindswohl maximal Rechnung trage.

Wille des Kindes nach Möglichkeit einbeziehen

Die Geschäftsleitung des Kinderspitals hat gemäss der Mitteilung in Übereinstimmung mit internen und externen Ethikfachleuten entschieden, künftig bei medizinisch nicht indizierten Beschneidungen eine «Einzelfallabwägung» vorzunehmen. Dabei soll das Kindswohl sorgfältig geprüft werden, wie es weiter heisst. Nach Möglichkeit werde der Wille des Kindes in den Entscheidungsprozess einbezogen. Nach einer positiven Bewertung müssten zudem beide Elternteile das Einverständnis für den Eingriff schriftlich bestätigen. Zudem müssen sie unterschreiben, dass sie durch die Klinik aufgeklärt wurden.

Juristische Abwägungen

Das Kinderspital sei sich bewusst, dass dass die Knabenbeschneidung auf alte Traditionen zurückgehe und je nachdem aus dem Glauben oder sozial begründet werde. Sie sei ausserdem weltweit verbreitet, schreibt die Klinik im Communiqué. Beim jetzigen Entscheid lehne man sich an einen Beitrag in der juristischen Fachzeitschrift «forumpoenale» vom Februar 2012 an. Zudem stütze man sich auf die Einschätzung des Leitenden Oberstaatsanwalts des Kantons Zürich.

Keine Anklagen erwartet

Auf dieser Grundlage könne davon ausgegangen werden, dass die medizinisch nicht notwendige Beschneidung bei noch nicht urteilsfähigen Knaben auch in der Schweiz den Straftatbestand der einfachen Körperverletzung erfülle. Gesellschaft, Kultur und Politik hätten gemäss dem Leitenden Oberstaatsanwalt diese Beschneidungspraxis jedoch akzeptiert. Dementsprechend sei es Sache des Bundesgesetzgebers, die medizinisch nicht notwendige Beschneidung von Knaben allenfalls unter Strafe zu stellen. Deshalb sei im heutigen Zeitpunkt nicht damit zu rechnen, dass gegen einen ausführenden Arzt Anklage erhoben würde.

Kinderspital ortet «Zielkonflikt»

Bei der Beurteilung des Kindeswohls ortet das Kinderspital einen Zielkonflikt: Einerseits verletze der irreversible Eingriff ohne Zustimmung des urteilsunfähigen Knaben dessen Anspruch auf körperliche Unversehrtheit. Anderseits stündem diesem die möglichen negativen sozialen, soziokulturellen und religiösen Konsequenzen einer Eingriffsverweigerung gegenüber.


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