Kalifornische Schotten

POPKONZERT ⋅ Teenage Fanclub aus Glasgow legen seit 1990 eine hohe Messlatte für alle Indie-Gitarrenbands. Übermorgen spielen die Lieblinge von Nirvana und Oasis in St. Gallen ihr einziges Schweizer Konzert.
16. Februar 2017, 05:43
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener

@tagblatt.ch

Teenage Fanclub auf der St. Galler Palace-Bühne, das ist ein klingender Name und eine oft gehörte popmusikalische Referenz wie im Dezember 2015 gleichenorts Robert Forster: Vor dem Australier drängten sich Fans aus der halben Schweiz und dem benachbarten Ausland, um noch einmal oder zum ersten Mal zu erleben, warum ein älterer Herr im Gitarrenpop noch immer den Ton angibt. Und warum man sich Legionen schaler Nacheiferer schenken kann. Mit Forsters früherer Band The Go-Betweens haben Teenage Fanclub mehr gemeinsam als den Legendenstatus einer massgeblichen Indie-Band: Die befreundeten Gruppen mit zwei respektive drei gleich befähigten Songwritern stimmen in ihrem Streben nach ebenso raffinierter wie kitschfreier Pop-Perfektion überein. Und beide haben eine Vorliebe für den Gitarrenpop der Sixties und den befreienden Geist von Punk, jeweils beflügelt von Glasgows stilbildender 80er-Band Orange Juice.

Wo die Go-Betweens aus der australischen Küstenmetropole Brisbane in ihren Songs oft den (schottischen) Regen herbeisehnten, so schielten Teenage Fanclub aus der schottischen Industriestadt Glasgow auf die sonnendurchflutete Leichtigkeit der amerikanischen Westküste: Die kalifornischen Beach Boys und Byrds prägen ihren Sound bis heute ebenso unverkennbar wie zwei andere grosse B-Bands, sprich: die Beatles und Alex Chiltons Big Star. Und so gerät ihnen sogar ein Song namens «Winter» zum beschwingten Sommerhit. Mit ihrem mehrstimmigen Gesang und dem feinen Gespür für Melodien unter verzerrten Gitarrenwänden trafen Teenage Fanclub 1990 auf ihrem Début «A Catholic Education» den Nerv der Zeit: Als «Grunge-Beatles» oder «Noise-Beach-Boys» surften sie als ideale Ergänzung auf der Welle aus Seattle und begeisterten auf einer Tournée mit Nirvana die College-Jugend.

Lieber Tee und Waffeln als Drogen und Skandale

Die Eröffnungssequenz des 90er-Retrofilms «Young Adult» belegt den damaligen Stellenwert der Schotten in den USA exem­plarisch: Wenn Charlize Theron im Autokassettengerät den wuchtigen Fanclub-Song «The Concept» anwirft und mitsingt, kehrt mit ihr eine ganze Generation in ihre Studentenzeit zurück. Von ihren lärmigen Verehrern wie Nirvana, Sonic Youth oder später Oasis unterschieden sich die Fannies, wie sie genannt werden, vor allem in einem Punkt: Sie waren nie skandalträchtig und weder auf Exzesse noch auf Coolness erpicht. Was ihren langjährigen Labelchef Alan McGee (Crea­tion) verzweifeln liess. Nachdem seine Frischlinge Oasis wegen Vandalismus auf einer Fähre ­verhaftet wurden, soll er gesagt haben: «Jahrelang bemühte ich mich, dass Teenage Fanclub ­solche Sachen tun.» Dabei verschwieg er, dass die bodenständigen Schotten, die lieber lokalen Tee und Waffeln (Tunnocks) als Drogen haben, einst McGees Plattensammlung von Schund befreiten: Sie schmissen Hunderte Alben aus seiner Londoner Wohnung auf die Themse. «Der Fluss war voller Vinyl, herrlich.»

Melancholischer Wohlklang im endlosen Fluss

Ein wilder Rebellionsakt für Typen, die sonst das augenzwinkernde Understatement pflegen – die Rückwärtsbotschaft auf ihrem Song «Satan» gilt «gottgesegneten Baumwollsocken» und einem Hemd. Auf diese Art kann man anständig altern, wie das Ur-Trio Gerard Love, Norman Blake, Raymond McGinley, verstärkt durch Francis McDonald und Dave McGowan, auf seinem zehnten Album «Here» und den laufenden Europa-Konzerten beweist. «Ihre im Schritttempo federnden Nummern mit Harmoniegesang, Gitarrenflächen und Hammondorgelgewabern wirken auf eine Art beruhigend, wie man es in so apokalyptischen Zeiten wirklich vertragen kann», schwärmt die «Berliner Zeitung». Dabei wirkten sie wie eine «Gruppe Englischlehrer auf Klassenfahrt», die «ohne jedes Gepose einen fast ungebrochenen, melancholischen Wohlklang» biete. «Heraklits Lieblingsband» nannte sie mal ein Schlaumeier, weil bei Teenage Fanclub alles im Fluss sei. Wenn sie im Palace zum Ende ihren Markenzeichen-Hit «Everything flows» von 1990 ­anstimmen, schliesst sich ein St. Galler Bogen: In jenem Jahr gastierten sie anlässlich ihrer Europa-Premiere auch in der Grabenhalle. Wohl erweisen sie, ein zweiter Bogen, auch den Go-Betweens ihre Reverenz: Mit dem Cover von «Easy Come, Easy Go» von Forsters verstorbenem Bandpartner Grant McLennan. Im Publikum könnte man sich dann, beschwingt verzückt, an die Losung von Tocotronic am geheimen Fluss denken: «Harmonie ist eine Strategie.»

Sa, 18.2., 20 Uhr (Einlass), Palace St. Gallen; Support George Guitar Borowski


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