«Lasst uns so etwas wie ein iPhone bauen»

Pikante Details aus Apples Prozess gegen Samsung: Die Südkoreaner sollen sich das iPhone bewusst als Vorbild genommen haben. Eigene Windows Phones kamen intern nicht gut weg. Und die Unternehmen sollen Beweismaterial vernichtet haben.
08. August 2012, 10:10
NZZ Online

Henning Steier

Seit Ende Juli läuft Apples Patentprozess gegen Samsung , in dem der iPhone-Hersteller von den Südkoreanern 2,5 Milliarden Dollar fordert, vor einem Gericht im kalifornischen San Jose. Auch Samsung wirft Apple Patentverletzungen vor. Nun ist ein im Februar 2010 versandtes internes Memo von JK Shin an die Öffentlichkeit gelangt . Der Chef von Samsungs Mobilfunksparte schrieb unter anderem: «'Wir haben das iPhone verschlafen', sagen uns wichtige Personen.» Man habe zu lange darauf geschaut, wie Nokia reagiert. «Ich höre immer wieder, wir sollten so etwas wie ein iPhone bauen.»

Denn das Apple-Smartphone sei zum Standard geworden, liess Shin verlauten, der von einer «Designkrise» sprach und übrigens kein gutes Haar an einem der ersten Windows Phones von Samsung liess: «Wenn man das erste iPhone von 2007 mit unserem aktuellen Omnia-Modell vergleicht – kann man dann allen Ernstes behaupten, unser Gerät sei besser? Der Unterschied zwischen den Benutzeroberflächen ist wie jener zwischen Himmel und Erde.» Microsoft wagte mit Windows Phone 7 im Herbst 2010 den Neustart, ist aber mit seinem Smartphone-Betriebssystem seitdem nicht über niedrige einstellige Markanteile hinausgekommen. Wichtigster Partner der Redmonder ist seit Februar 2011 Nokia.

Auch ein anderes internes Samsung-Dokument zeigt , dass man das iPhone als Massstab sah. Denn dessen Kernaussage lässt sich auf folgende eindampfen: Um die Geräte der Galaxy-Serie zum Erfolg zu führen, müssten sie mehr wie Apples Mobiltelefon sein.

Ein interner Samsung-Vergleich des ersten Galaxy-Smartphones mit dem iPhone. Zoom

Ein interner Samsung-Vergleich des ersten Galaxy-Smartphones mit dem iPhone.

Samsung hat stets argumentiert, die Verfügbarkeit vergleichsweise günstiger und grosser Touchscreens für mobile Geräte habe den allgemeinen Branchentrendtrend zum Smartphone gesetzt. Und vieles, was Apple patentiert habe, sei nicht patentwürdig. Um Erfolg zu haben, muss Apple Samsung konkrete Patenverletzungen nachweisen. Unter anderem wurde in dieser Woche die Grafikdesignerin Susan Kare in den Zeugenstand gerufen. Sie sollte die Geschworenen davon überzeugen, dass die Ähnlichkeit der Icons für Apps wie Kurznachrichten, Telefon und Kamera und deren Anordnung auf Apple- und Samsung-Geräten kein Zufall ist.

Designerin Susan Kare wies vor Gericht auf Ähnlichkeiten der Apple- und Samsung-Icons (rechts) hin. Zoom

Designerin Susan Kare wies vor Gericht auf Ähnlichkeiten der Apple- und Samsung-Icons (rechts) hin.

Auch der selbstständige Designer Peter Bressler sagte vor Gericht aus, dass Samsung sich bei Apple bedient haben soll. Dies gelte auch für die Gestaltung des Tablet-PC Galaxy Tab 10.1. Von Samsung-Anwalt Charles Verhoeven nach Unterschieden zwischen dem Samsung Gerät Infuse 4G und der iPhone-Designvorlage gefragt, sagte Bressler, das südkoreanische Gerät sei etwas breiter: «Der Unterschied fällt einem normalen Anwender aber nicht auf.» Bressler will in seiner Tätigkeit für Apple 400 Dollar pro Stunde und insgesamt 75'000 Dollar kassiert haben.

Der von Apple bestellte Marketingexperte Russell Winer sagte vor Gericht, Samsung habe gezielt ähnliche Geräte auf den Markt gebracht, um eigentlich an Apple-Produkten interessierte Kunden zu verwirren. Der mit 625 Dollar und insgesamt 80'000 Dollar von Apple entlohnte Professor an der New York University wurde vom iPhone-Hersteller im Saal aufgeboten, weil Richterin Lucy Koh ein Apple-Marketingdokument, in dem mit den Aussagen Winers Vergleichbares zu lesen ist, nicht zugelassen hatte.

Samsung wegen Kinderarbeit am Pranger

Neben Design- scheint es auch noch andere Produktionsparallelen zwischen Apple und Samsung zu geben. Denn stand der Apfel-Hersteller immer wieder wegen der Arbeitsbedingungen beim Zulieferer Foxconn am Pranger, wird nun vor allem Samsung wegen der Umstände in Werken von HEG Electronics im chinesischen Huizhou kritisiert. Dort sollen Minderjährige zu ausbeuterischen Löhnen beschäftigt worden sein, schreibt China Labor Watch in einem Bericht. Samsung wies die Vorwürfe zurück. Man habe bei Betriebsinspektionen keine entsprechenden Verstösse gegen das Gesetz feststellen können. Eine andere Parallele zum Fall Foxconn: Samsung ist wie Apple nicht der einzige Hersteller, der in den Produktionsstätten kritisierter Zulieferer fertigen lässt. So zählt HEG auch Motorola zur Kundschaft.

Der Prozess, in dem sich die Unternehmen kürzlich auch vorwarfen, Beweismaterial vernichtet zu haben, wird von der gesamten Technologiebranche gespannt beobachtet. Denn die Auseinandersetzungen laufen seit Monaten auch in anderen Ländern; es geht um Schadensersatz und ein Verkaufsverbot auf dem US-Markt, doch im Kern geht es um eine Auseinandersetzung mit Google , dessen Betriebssystem Android Apples iOS auf Smartphones bereits abgehängt hat und dies auch Tablets mittelfristig tun dürfte. Denn in Cupertino ist man zutiefst davon überzeugt, dass die Software aus Mountain View nichts weiter als eine iOS-Kopie ist.

Der Prozess wird am 10. August fortgesetzt.


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