Facebook soll Entwickler betrogen haben

Programmierer von Apps fürs soziale Netzwerk sollen Geld für ein Gütesiegel bezahlt haben, das wertlos war. Somit soll auch Mitgliedern Sicherheit vorgegaukelt worden sein.
15. August 2012, 15:41
NZZ Online

Henning Steier

Kürzlich hat die Federal Trade Commission (FTC) ihre seit 2009 laufenden Ermittlungen gegen Facebook eingestellt. Hintergrund war, dass das soziale Netzwerk damals Nutzerdaten per Standardeinstellung öffentlich zugänglich gemacht hatte, was vielen Anwendern nicht bewusst war. Im Rahmen der Einigung mit den US-Verbraucherschützern erklärte sich das Unternehmen bereit, seine Anstrengungen zum Schutz der Privatsphäre 20 Jahre lang von unabhängigen Gutachtern beurteilen zu lassen.

FTC-Kommissar J. Thomas Rosch kritisierte vergangene Woche, dass die Autorität der Kommission ausgehöhlt werde, wenn Facebook die Vorwürfe im Text des Einigungsdokuments weiterhin abstreiten darf. Rosch bemängelte überdies, dass die Verbesserungen beim Umgang mit Nutzerdaten nicht genauso für Apps umgesetzt wurden. Das Abkommen mit Facebook wurde mit drei Ja-Stimmen gebilligt. Es gab eine Enthaltung. Rosch lehnte es ab.

Grünes Häkchen soll bedeutungslos gewesen sein

Im Zuge der FTC-Untersuchung kam auch heraus , dass Facebooks Massnahmen, die Sicherheit von Applikationen zu verbessern, teilweise eine Farce gewesen sein sollen. Denn das im Dezember 2009 nach knapp sechs Monaten eingestellte Programm Verified Apps versprach zwar , eingereichte Anwendungen unter anderem detailliert auf unberechtigtes Auslesen von Userdaten zu überprüfen. Passiert soll dies laut FTC aber nicht sein – «jedenfalls nicht mit einem Aufwand, der über jenen für Standard-Apps hinausging». Daher soll die Formulierung, Anwendern werde zusätzliche Sicherheit bei der Nutzung jener mit dem grünen Häkchen gekennzeichneten Applikationen geboten, irreführend gewesen sein.

254 Applikationen erhielten das Gütesiegel. Entwickler zahlten dafür 175 oder 375 Dollar. Beispielsweise erhielten Bildungseinrichtungen den Rabatt. Wenn – vorsichtig kalkuliert – die Hälfte der eingereichten Apps in den Genuss der Ermässigung kam, erhielt Facebook von Entwicklern insgesamt rund 70'000 Dollar ohne Gegenleistung, sofern die Anschuldigungen der FTC stimmen. Auf derartige Einnahmenquellen angewiesen sein dürfte das mittlerweile börsennotierte Unternehmen auch damals schon nicht mehr. Schätzungsweise betrug sein Umsatz 2009 fast 780 Millionen Dollar.

Dass es seit Ende 2009 keine Verified Apps mehr gibt, liegt laut Facebook daran, dass man das Prüfkonzept seitdem auf alle für die Plattform geschriebenen Applikation anwendet. Den FTC-Vorwurf, nicht nur Entwickler über den Tisch gezogen, sondern auch Mitgliedern Sicherheit vorgegaukelt zu haben, kommentierte Facebook bisher nicht.


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