Neue Wände, neue Sohlen

Einst kannten sie nur Berggänger, die Vibramsohle, diese profilierte Gummisohle mit dem gelben, länglichen und achteckigen Logo «vibram». Heute werden damit auch Schuhe ausgerüstet, die sich kaum fürs Gebirge eignen.
17. August 2012, 08:54
NZZ Online

Daniel Anker

Einst kannten sie nur Berggänger, die Vibramsohle, diese profilierte Gummisohle mit dem gelben, länglichen und achteckigen Logo «vibram». Heute werden damit auch Schuhe ausgerüstet, die sich kaum fürs Gebirge eignen. Die Sohle, die der Mailänder Vitale Bramani mit Zürcher Hilfe vor 75 Jahren erfunden und erfolgreich erstmals am Pizzo Badile eingesetzt hat, hat ihr Profil in Bergsport und Lifestyle unauswischbar hinterlassen.

Ob Vitale Bramani und Ettore Castiglione die Durchsteigung der 700 Meter hohen Nordwestwand des Pizzo Badile (3305 m) in den Bergeller Alpen ohne die neuartige Sohle am 27./28. Juli 1937 auch geschafft hätten? Schon nur der Zustieg von der Capanna Sciora über den fürchterlich zerrissenen Trubinascagletscher zur versteckten Wand hätte zu viel Zeit gekostet. Sie hatten nämlich nur ein Paar Steigeisen dabei, um Gewicht zu sparen. Aber die Gummisohle fand ganz guten Halt auf Schnee und Eis; klar, weniger gut als wie bis anhin mit den Nagelschuhen. Dafür wären diese dann gänzlich unbrauchbar auf den glatten Platten gewesen. Kletterschuhe mit Filzsohlen hätten gehaftet, aber der Filz erwies sich als wenig widerstandsfähig. Und: Die schweren Nagelschuhe im Rucksack hätten das Klettern an der Sturzgrenze mehr als behindert. Da bildeten die Bergschuhe mit den leicht biegsamen Gummisohlen, deren Profil sowohl auf Firn als auch auf Fels griff, die ideale Mischung.

Vitale Bramani über die Erstdurchsteigung der abweisenden Nordwestwand am Pizzo Badile, erstmals gedruckt in der «Rivista Mensile del Club Alpino Italiano», nun leicht zugänglich im Buch «Badile – Kathedrale aus Granit» von Marco Volken, 2006 im Zürcher AS-Verlag erschienen: «Ich klettere nur auf Reibung, die Hände flach am Fels, und verlasse mich auf diesem kompakten Granit vielleicht noch mehr auf die Haftung meiner Bergschuhe mit Gummistollen, die auch diesmal wunderbar funktionieren.»

Vitale Bramanis Frau hat sich sicher auch über das griffige Gummiprofil gefreut. Sie testete zuvor den Prototyp der neuen Sohle, welche Bramani und Castiglione mit dem Pneuhaus Pirelli entwickelt hatten, und kam ständig ins Rutschen, weil der Gummi zu weich war. 1937 hielt der Gummi, und Vitale Bramani hatte seine Marke: «vi – bram». Der Zürcher Typograf Hans Frei hätte die revolutionären Bergschuhe gewiss auch gerne ausprobiert, gerade im Bergell, wo er im Jahre 1935 zusammen mit Jürg Weiss erstmals die Gemellikante gemeistert hatte, in selbst gefertigten Schuhen mit einer Gummisohle. Davon hörte der Italiener Aldo Bonacossa, besuchte Frei in Zürich und brachte Schuhe von ihm zu Bramani. Als aber Bramani und Castiglione am Badile ihr Gesellenstück lieferten, war Hans Frei tot, Ende Mai 1937 abgestürzt am Ruchenfensterturm in den Urner Alpen.

Ob auf leisen Sohlen oder nicht: Der Tod in den Bergen lauert mit. Vom 14. bis zum 16. Juli 1937 kletterten Riccardo Cassin, Vittorio Ratti und Gino Esposito sowie Mario Molteni und Giuseppe Valsecchi erstmals durch die heftig umworbene Badile-Nordostwand – das berühmte Schaustück dieses Berges. Beim Abstieg im tobenden Sturm starben Molteni und Valsecchi an Erschöpfung.


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