Ritter auf zwei Rädern

Das Loire-Tal ist das Land der Schlösser und der Johanna von Orléans. Pferd und Kettenhemd braucht es heute allerdings nicht mehr; der moderne Ritter erobert dieses Gebiet mit Helm und Fahrrad.
06. Juli 2012, 08:30
NZZ Online

Claudia Wirz

Die Loire ist wild. Ganz anders als ihre gezähmten Schwestern, wie wir sie aus der gut regulierten Schweiz kennen. Die Loire nimmt sich immer wieder die Freiheit, über ihre Grenzen hinauszuwachsen. Dann überflutet sie Inselchen in ihrer Mitte, macht das Land zu ihren Seiten zu Sümpfen und setzt auch einmal einen Dorfplatz unter Wasser, um sich danach wieder zurückzuziehen. Dieses eigenmächtige Auf und Ab des Wassers hat eine prächtige Landschaft entstehen lassen, und vor allem hat es die Ufer der Loire auf weiten Strecken vor Überbauung und intensiver Landwirtschaft bewahrt. Sie sind ein Paradies für Flora und Fauna und naturliebende Menschen. Die vitale, für das Auge des Laien intakte Vogelwelt beglückt den geneigten Beobachter zutiefst.

Blutrünstige Übeltäter

Doch wie fast alles im Leben hat auch diese Szenerie ihre unschöne Seite. Und diese zeigt sich, sobald es dunkel wird. Wie aus dem Nichts heraus machen sich auf einen Schlag unzählige Schwärme von Stechmücken über ihre potenziellen Opfer her. Die blutrünstigen Übeltäter gedeihen dieses Jahr besonders prächtig, da es im Frühling ungewöhnlich stark geregnet hat, das Wasser jetzt im Juni noch immer sehr hoch steht und den ungeliebten Tierchen ideale Brutplätze bietet.

In ungefähr zwei Stunden ist der Spuk vorbei – und glimpflich überstanden. Glimpflich deshalb, weil man den kleinen Blutsaugern elegant davonfahren kann – vorausgesetzt, man sitzt zur richtigen Zeit auf dem Fahrrad. Mit etwas Planung und einem Anti-Mücken-Mittel ist die Plage halb so wild. Jedenfalls kann sie der romantischen Stimmung auf dem malerischen Platz von Bouchemaine keinerlei Abbruch tun. Hier, in dem kleinen Ort unweit der westfranzösischen Stadt Angers, wo Maine und Loire zusammenfliessen, lässt es sich im kleinen Restaurant L'Abri des Bateliers vortrefflich heimische Spezialitäten geniessen.

Bouchemaine ist eine von unzähligen hübschen Ortschaften, die sich entlang dem Loire-Radweg bequem mit dem Velo erkunden lassen. Der Radweg erstreckt sich auf 800 Kilometern von St-Brévin-les-Pins am Atlantik bis nach Cuffy in der Nähe von Nevers und führt – von West nach Ost gesehen – über die Städte Nantes, Tours und Orléans.

Wer es gemütlich mag, nimmt den Weg in dieser Richtung, denn zumindest zu Beginn der Strecke gibt der Atlantikwind gelegentlich angenehmen Schub. Aber auch ohne diese Hilfe der Elemente lässt sich der Loire-Radweg gut bewältigen, und zwar auch von jenen, die mehr hedonistische als sportliche Ambitionen haben. Der Loire-Radweg ist ein Radweg für Geniesser. Allein die unzähligen Weinkellereien, auf die man entlang der Route trifft, zeugen davon; es wäre eine grobe Sünde, dem sportlichen Eifer zuliebe ohne jegliche Verkostung an ihnen vorbeizufahren.

Unsere Tour beginnt in Angers. Sehenswert ist die «Apokalypse von Angers» – ein riesiger Teppich-Zyklus aus dem 14. Jahrhundert, der die Apokalypse des Johannes sozusagen als «Comic» darstellt und auch zeitgenössische Figuren «mitspielen» lässt. Die Route führt uns auf dem ehemaligen Treichelweg entlang der Loire zu unserer nächsten Station, Saumur, wo sich ein Besuch in einem der zahlreichen Weinkeller lohnt, etwa bei Bouvet-Ladubay. Die Weine dieser Gegend reifen in einem weitverzweigten Netz von Tuffsteinhöhlen heran; Höhlen, die entstanden sind, weil man Tuffstein für den Bau der Loire-Schlösser brauchte.

Für einmal geht es nun auf dem grösstenteils flachen Radweg moderat auf und ab durch die Weinberge nach Fontevraud, einem geschichtsträchtigen Ort. Hier in der monumentalen Abtei liegt sie begraben, die vermeintlich mächtigste Frau des Mittelalters, Eleonore von Aquitanien, Mutter von Richard Löwenherz, erst Königin von Frankreich und dann von England. Spätestens jetzt merkt der Reisende – hier befinden wir uns im Land der Ritter, hier keimte der Hundertjährige Krieg, hier wurde mit Pferd, Lanze und Kettenhemd gekämpft.

Gut zu Wissen

Auf www.loire-radweg.org finden sich umfangreiche Informationen und Karten zum Loire-Radweg sowie Angaben über Sehenswürdigkeiten, Unterkünfte, Restaurants und Weinkeller. Fahrräder können überall gemietet werden. Im Rahmen von Arrangements lassen sich Fahrradverleih, Gepäcktransport und Unterkunft in einem Paket organisieren. Für Teilstücke, die man nicht mit dem Fahrrad absolvieren will, stehen die Regionalzüge zur Verfügung. Für die Anreise aus der Schweiz empfiehlt sich der TGV mit Umsteigen in Paris.

Mittelalter neben Renaissance

Dabei wiederum spielt Jeanne d'Arc eine zentrale Rolle. Auf Schloss Chinon, unserer nächsten Station, soll 1429 die schicksalshafte Begegnung zwischen ihr und dem späteren König Karl VII. stattgefunden haben. Das Schloss Chinon ist ein Sinnbild für die verklärte Liebe der Franzosen zu ihrem Mittelalter; das «mittelalterliche» Gemäuer ist praktisch von Grund auf neu aufgebaut worden, keine Kosten wurden gescheut, um diese Episode französischer Nationalgeschichte neu aufleben zu lassen.

Schloss Villandry verkörpert das pure Gegenteil von Chinon. Das Mittelalter ist tot, die Renaissance lebt, und sie liebt die schönen Dinge. Das letzte der grossen Renaissanceschlösser in diesem Gebiet betört durch seine grandiosen Gärten, welche sich in der ungetrübten Junisonne von ihrer prächtigsten Seite zeigen. Schlossbesitzer Henri Carvallo führt das Anwesen heute als Unternehmen und zählt jährlich rund 350 000 Eintritte.

Von Villandry geht es entlang der Loire nach Tours, wo unsere «Tour de Loire» endet. Die Stadt gründet auf römischen Mauern und hat zwei mittelalterliche Stadtzentren. Aufgrund ihrer damals wie heute strategisch wichtigen Lage wurde sie im Zweiten Weltkrieg zu 40 Prozent zerstört. Weise waren jene, die rechtzeitig die Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert, die unter anderem die Geschichte des heiligen Martin von Tours erzählen, aus der Kathedrale entfernten, sicher zwischenlagerten und – nunmehr am alten Ort – für die Nachwelt gerettet haben.


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