«Ausser Rom ist fast nichts Schönes auf der Welt»

Seit Jahrhunderten fasziniert die Ewige Stadt ihre Besucher. 12 Millionen Touristen kamen letztes Jahr. Die Stadtverwaltung setzt weiter auf Wachstum.
22. Juni 2012, 00:00
Neue Zürcher Zeitung

Sigrid Mölck-del Giudice

Ole Gustafsson hat eine fixe Idee, die er Leidenschaft nennt. Seit 29 Jahren verbringt der inzwischen pensionierte Geschichtslehrer und Hobbymaler aus Malmö seine Ferien ausnahmslos in Rom. Es sind nicht nur die übereinandergehäuften Reste einer stolzen Antike, die ihn faszinieren. Es ist auch das gelassene Lebensgefühl, das schon Goethe mit den Worten beschrieb: «Wie moralisch heilsam ist es mir dann auch, unter einem ganz sinnlichen Volk zu leben, das jeder Fremde nach dem Massstabe beurteilt, den er mitbringt.»

Ort der Sehnsucht

Das Verzeichnis berühmter Rom-Reisender liest sich lang. Johann Joachim Winckelmann notierte überschwänglich: «Ausser Rom ist fast nichts Schönes auf der Welt.» Der Schweizer Kunsthistoriker Jacob Burckhardt befürchtete, «ausserhalb Roms nie wieder recht glücklich» zu werden. Der Psychoanalytiker C. G. Jung fiel 1949 in Zürich beim Kauf seiner Fahrkarte vor Emotion in Ohnmacht und legte den Plan einer Rom-Reise ein für alle Mal ad acta.

In den 1950er und 1960er Jahren, als der Massentourismus begann, machten neben Schlagern wie Rudi Schurickes «Caprifischer» und Domenico Modugnos Dauerbrenner «Volare» vor allem auch Filme mit römischer Kulisse Lust auf die Stadt am Tiber. Mit dem US-Streifen «Ein Herz und eine Krone» – mit Audrey Hepburn und Gregory Peck – rückte William Wyler Roms spektakulärste Schauplätze ins Rampenlicht der Welt. Ein Film, wie geschaffen für eine Sightseeing-Tour, schrieb damals eine römische Tageszeitung.

Federico Fellinis Skandalchronik «La Dolce Vita» (1959) war nicht nur der Anfang eines wahren Booms für die Tiberstadt als Filmset, sondern auch der Beginn einer wachsenden Nachfrage in den Reisebüros. Die zum Teil bacchantischen Szenen auf der Via Vittorio Veneto und Anita Ekbergs berühmtes Bad in der Fontana di Trevi wurden zum Inbegriff des «süssen Lebens». Eine Hommage des emilianischen Regisseurs an seine Wahlheimat. Und gleichzeitig das Porträt der damaligen Wohlstandsgesellschaft, wie Fellini sie sah: korrupt, oberflächlich, ohne moralische Werte.

Roberto Vitti, Besitzer eines handtuchbreiten Souvenirladens im Stadtzentrum, gerät ins Schwärmen, wenn er aus der Zeit des italienischen Wirtschaftswunders – als Hollywood an den Tiber kam – erzählt. Damals bestritt er seinen Lebensunterhalt als Komparse. «Spartakus», «Kleopatra», «Quo Vadis» – in über 200 Filmen hat er mitgewirkt und gutes Geld verdient. Heute verkauft der 69-Jährige an Touristen Reiseandenken – made in China und Indonesia. «Was soll man machen?», sagt er. «Hiesiges Handwerk gibt es kaum noch. Die Mieten sind unerschwinglich, und es fehlt an Nachwuchs.»

Rom hat sich den modernen Anforderungen an eine Stadt, die jährlich fast 12 Millionen Ankünfte verzeichnet, angepasst. Viele der einstigen Handwerkergeschäfte in der Innenstadt wurden zu Schnellimbissen, Pubs und Billig-Boutiquen umfunktioniert. Das meiste, was man heute in den Kettenläden in der Via del Corso oder der Via del Tritone sieht, gibt es auch in Basel oder Hamburg. Für ein gemütliches Mittagessen in einer Trattoria fehlt den meisten Reisenden die Zeit. Preisgünstig und schnell soll es sein. Denn vor den Museen, auf dem Petersplatz und im Verkehr müssen in der Hauptreisezeit lange Wartezeiten einkalkuliert werden.

Gewusel nachmittags auch in der Via Condotti, Roms elegantester Einkaufsmeile, in der die italienische Haute Couture residiert. Im ältesten Kaffeehaus der Kapitale, dem legendären Caffè Greco, bis vor einem halben Jahrhundert noch Treffpunkt von Künstlern und Literaten, servieren die Ober jetzt gelangweilt Laufkundschaft aus Osaka, Texas oder Bukarest den Cappuccino.

Die Jugend macht es sich auf der Spanischen Treppe bequem – noch immer der beliebteste Platz, um sein Ego wirkungsvoll in Szene zu setzen. Im Hochsommer, wenn die Römer am Meer sind und die Stadt dort abends für Touristen Gratisvorstellungen mit Opernarien und Intermezzi am Klavier inszeniert, wird die Piazza zur Bühne. «Il turismo prima di tutto!», tönt es aus dem Kapitol, dem Amtssitz des Ersten Bürgers der Stadt.

Ole Gustafsson zieht es vor, unter den «romani di Roma», unter waschechten Römern, zu sein. Seit ihm der volkstümliche Stadtteil Trastevere in den sechziger und siebziger Jahren zu touristisch und die nächtliche Movida auf dem Campo de' Fiori zu laut geworden ist, mietet er sich in den Ferien im Stadtteil Monti ein. «Hier haben noch viele der alten Läden und Osterie überlebt», sagt er zufrieden lächelnd, «in denen anstatt

Nudelsuppe mit Kichererbsen oder Kutteln auf der Speisekarte stehen.»

Für jeden etwas

Auch sonst ist er am liebsten in Gegenden unterwegs, in die sich selten die Touristen verirren. Wie in der Via Giulia mit ihren Renaissancepalästen, nahe dem Tiber, wo man durch geöffnete Tore in herrliche Hinterhöfe schauen kann. In den verwinkelten Gassen des jüdischen Ghettos hinter dem Marcellus-Theater. Auf der anmutigen Piazza Mattei mit ihrem Schildkrötenbrunnen oder in der Künstlergasse Via Margutta unweit der Piazza del Popolo. Oft habe er, sagt er, einen Zeichenblock dabei. Die Skizzen bringt er seinen Freunden mit. Sozusagen als persönlich gestaltetes Souvenir.

«Rom kann jeder auf die Weise erleben, auf die er es erleben will», soll Woody Allen anlässlich der Dreharbeiten zu seinem neuesten Film, «To Rome with Love», gesagt haben. Er bediente sich allerdings der üblichen Klischees, um die romantischen Aspekte der Stadt aufzuzeigen. Die Begeisterung der italienischen Medien hielt sich entsprechend in Grenzen. Dafür hofft die Tourismusbranche durch die indirekte Werbung auf mehr Nachfrage. Die Ewige Stadt als mediales Mittel zum Zweck? Goethe hätte wohl verständnislos den Kopf geschüttelt.


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