Tagblatt Online, 14. Juli 2010 01:04:15
Die Pulsader des Postkartenbergs
Im Säntisbahn-Kommandostand.
Mini-Kläranlage, riesige Wasservorräte und Internet: Auf dem Säntis steht ein eigentliches Dorf mit allen nötigen Einrichtungen – und auch der selbsternannte Gemeindepräsident fehlt nicht.
urs-peter zwingli
schwägalp. Wer mit der Seilbahn auf den Säntis fährt, acht Meter pro Sekunde, könnte sich bei der Ankunft auch in einem Flughafen oder Einkaufszentrum wähnen: Ein aufgemalter Satz begrüsst den Besucher auf «2502 meters above sea level», innen ist alles modern ausgebaut, verglast, klinisch weiss gestrichen, beheizt. Eine eingeigelte Welt mitten in Schnee, Eis und Fels.
Der Präsident des Gipfeldorfs
Doch um den Berggängern diesen Komfort inmitten der Unwirtlichkeit zu bieten, läuft im Hintergrund eine riesige Maschinerie. Ihr Steuermann ist Roland Streule, technischer Leiter der Säntisbahnen. «Wir haben hier oben alles, was man in jedem anderen Gebäude auch findet: Strom, Abwasserentsorgung, Trinkwasser», sagt Streule. Entscheidender Unterschied: Die Betreiber der Säntisbahn stellen alles selber bereit.
Bedingung für das Überleben des «Dorfs» auf dem Gipfel ist die Säntisbahn, die täglich Tonnen von Material anliefert und den Abfall aus der Bergidylle abtransportiert. Diese Hauptschlagader des Bergs wird dieses Jahr 75 Jahre alt, das verbaute Material ist aber einiges jünger: «Die Stützen und das Tragseil wurden 1974 montiert. Der Rest wurde laufend ersetzt und ausgebaut. Die heutige Bahn ist rundum neu», sagt Bruno Vattioni, Geschäftsführer der Säntis Schwebebahnen AG.
Er steht unten, auf der Schwägalp, zeigt hinauf auf seinen Berg und sagt: «Ich bin wie der Gemeindepräsident eines Gipfeldorfs mit 150 Bürgern, also Angestellten.»
Alles ist doppelt abgesichert
Des Dorfpräsidenten Bahn wird von einem 1000 PS starken Motor angetrieben, der in der Talstation auf der Schwägalp steht. Fällt dieser aus, steht im Raum nebenan ein innerhalb weniger Minuten zuschaltbarer Diesel-Ersatzantrieb. Das hat System: Alle Elemente der Bahn, wie zum Beispiel die Bremsen, sind im Doppel vorhanden.
«Sicherheit hat bei einer Seilbahn eben höchste Priorität», sagt Vattioni. Doch ist absolute Sicherheit gewährleistet? Unvergessen bleibt der Unfall der Kastenbahn im März dieses Jahres, bei dem die unbemannte Bahnkabine ungebremst in die Talstation raste. Ein Mitarbeiter wurde dabei schwer verletzt. «Wie man inzwischen weiss, handelte es sich um menschliches Versagen», stellt Vattioni fest. Der Unfall mit der Kastenbahn sei während Wartungsarbeiten passiert.
Und Wartungsarbeiten, erklärt er weiter, würden bei der Säntisbahn immer zu zweit ausgeführt, ein Mann sei jeweils in der Kabine. Grund: Die Bahn werde dann manuell gesteuert, im Notfall müsse der Kabinenführer eingreifen und abbremsen können.
Eine weitere Sicherheitsmassnahme ist die jährliche Kontrolle der 4,6 Zentimeter dicken Drahtseile, die die Kabinen tragen. Regelmässig muss ein Mitarbeiter zudem die Rollen, auf denen das Zugseil aufliegt, überprüfen.
Im Winter müssen diese von Schnee und Eis befreit werden – ein Job, für den sich nicht jeder eignet: aussteigen aus der Kabine bei der 25 Meter hohen Stütze 2 auf 2200 Meter über Meer, dann über eine schmale Eisenleiter auf eine Arbeitsplattform klettern – ein Blick nach unten offenbart die zerklüftete Säntis-Nordwand. «Man gewöhnt sich daran», sagt Technikchef Streule trocken. Kein Wunder, er hat ja auch einige tausend Kontrollgänge in den Knochen.
Oben, auf dem Gipfel, zeigt Streule die Kläranlage. Sie macht das Wasser dank eines extrem dichten Filters in nur einem Arbeitsschritt so sauber, dass es nachher auf den Berg abgeleitet werden kann. Das Trinkwasser wird zu 80 Prozent aus aufgefangenem Regen gewonnen. Gespeichert wird das Wasser in riesigen Tanks: einem fürs Rohwasser (250 Kubikmeter), einem fürs Reinwasser (340 Kubikmeter). Wasserknappheit gab's laut Streule nicht mal im Rekordsommer 2003. Also alles perfekt auf dem Technikberg Säntis? Nicht ganz.
Lahmes Netz
Streule ärgert sich über die langsame Internetverbindung, die per Funk vom Tal kommt – der Säntis ist trotz weit fortgeschrittenen Ausbaus «wireless». Ein Glasfaserkabel auf den Gipfel zu ziehen wäre die Lösung. «Zu teuer», sagt Streule. Zumindest im Moment. «Irgendwann kommt das Kabel aber sicher.» Bis dahin kann Streule kaum die Website seiner Bahn öffnen: Die Postkartenansichten des Säntis und des Gipfelrestaurants brauchen zu lange, um geladen zu werden.
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