Unesco – die Titelvergabemaschine

Seit Sonntag berät die Unesco wieder über die Verleihung des Titels Weltkulturerbe. 35 Orte bewerben sich um den Titel – fast 900 haben schon einen. Die Unesco ist zu einer Titelvergabemaschine geworden, kritisiert die Architektin Jula-Kim Sieber. Durch den Titel würden Filmkulissen konserviert, die natürliche Entwicklung hingegen gehemmt.

28. Juli 2010, 06:05
Stefan Klatt

Immer mehr Orte wollen zum Unesco-Weltkulturerbe werden. Wie sinnvoll ist das?

Jula-Kim Sieber: Jedes Branding, das von aussen kommt, ist fragwürdig. Da ganzen Städten oder heiligen Orten Regeln aufgedrückt werden, die von fremden Leuten aufgestellt worden sind, aber mit der lokalen Identität nichts zu tun haben. Etwas, das aus der eigenen lokalen Identität heraus entwickelt wird, ist viel wertvoller.

Hinter den Bewerbungen um die Auszeichnung als Unesco-Weltkulturerbe steht aber viel Eigeninitiative der jeweiligen Orte.

Sieber: Das ist die Wirkung des Unesco-Marketings. Viele Orte wollen zum Weltkulturerbe gehören, weil sie dann mehr Aufmerksamkeit geniessen und leichter an Geld herankommen. Das Geld kommt auch meistens, aber oft viel zu schnell und von Leuten, die an der lokalen Identität nicht interessiert sind. Sie wollen schnelles Geld verdienen. Funktioniert das nicht, sind sie ebenso schnell wieder weg.

Oder die ganze Energie des Ortes ist in die Erwerbung des Titels geflossen.

Gilt das in erster Linie für Weltkulturerbestätten in Entwicklungsländern?

Sieber: Das gilt auch für Europa. Schauen Sie nach Görlitz. Die Stadt wurde komplett renoviert. Aber die Innenstadt steht leer.

Ist der Titel Weltkulturerbe demnach nicht viel wert?

Sieber: Die Vergabe des Unesco-Weltkulturerbelabels funktioniert ähnlich wie «Deutschland sucht den Superstar».

Die Gewinner können gut Geld verdienen. Aber ob ihre Musik gut ist, ist zweifelhaft. Da finde ich die Europäische Kulturhauptstadt ehrlicher: Während einem Jahr kann man seine Kultur – alte wie moderne – zeigen, dann kommt eine andere Stadt an die Reihe. Die Unesco dagegen will einfach Bestehendes konservieren. Diese Stätten werden dann zu toten Museen. Nehmen Sie Damaskus: Während fünftausend Jahren war die Stadt ein kulturelles Zentrum…

Und wurde deshalb zum Weltkulturerbe erklärt…

Sieber: Ja, aber indem der Titel draufgedrückt wurde, wird die Stadt kaputtgemacht. In dieser Stadt war der kulturelle Austausch stets lebendiger als anderswo. Aber die Unesco versucht das Vergangene zu bewahren. Sie interessiert sich dabei nur für die Filmkulisse und nicht für das tatsächliche Leben.

Aber brauchen nicht gerade historische Bauten speziellen Schutz, auch damit sie Touristen anziehen?

Sieber: Sicher, aber Damaskus hat immer Touristen angezogen. Aber nun kommen andere Touristen, denen ein Bild der Stadt präsentiert wird, das nichts mehr mit der Seele zu tun hat. Sie setzen auch eine andere Infrastruktur voraus, wollen mit dem Auto zum Hotel fahren und so weiter.

Sie wollen auch rund um die Uhr Wasser, während die Bewohner jeweils nur während etwa vier Stunden Wasser erhalten.

Die Unesco ist sich also der Folgen, welche die Titelvergabe hat, zu wenig bewusst?

Sieber: Mit ihrer Bürokratie kann die Unesco die Folgen des Titels nur mit Verzögerung beurteilen. So sollte in Djenné in Mali die Moschee beleuchtet werden. Deshalb wurde Strom in die Stadt gebracht, den es bis dahin nicht gegeben hat.

Das muss kein Nachteil sein?

Sieber: Ja, aber mit dem Strom kamen auch die Fernseher, und das soziale Leben starb ab. In Gao, ebenfalls in Mali, sollte die Umgebung des Grabmals von Askia freigeräumt werden. Dabei waren die Hütten ein Zeichen dafür, dass das Leben sich weiterentwickelt hatte. Aber weil es arme Leute waren, interessierte das die Unesco nicht. In Goiás Velho in Brasilien war es andersherum gewesen.

Das einstige Bergbauzentrum war längst geschrumpft, als es eigens für den Unesco-Titel wieder aufgebaut wurde. Dabei gibt in Brasilien bessere Klimazonen zum Wohnen.

Den Unesco-Titel gibt es schon seit Jahrzehnten. Hat er aus Ihrer Sicht etwas gebracht?

Sieber: Die Unesco hat ein viel zu grosses Gewicht. Sie ist zu einer Titelvergabemaschine geworden. Die Vergabe orientiert sich zu sehr an der Erfüllung bestimmter Kriterien. Dabei ist es immer eine subjektive Entscheidung, ob etwas schön oder kulturell wertvoll ist.

Für die Überprüfung, was nach der Vergabe des Titels vor Ort wirklich passiert, fehlen die Kapazitäten. Dabei gehört es zu jedem Label, dass die Einhaltung der Bedingungen auch nach der Vergabe kontrolliert wird.

Sollte der Weltkulturerbetitel abgeschafft werden?

Sieber: Das Gewicht nimmt schon jetzt ab, indem immer mehr Orte den Titel tragen.


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