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Tagblatt Online, 23. Juli 2012, 19:03 Uhr

Fenster zur Welt der chinesischen Kreditwirtschaft

Die Schweizer Privatbank Julius Bär geht eine Partnerschaft mit der chinesischen Grossbank Bank of China ein. Diese richtet sich mehr als andere chinesische Institute international aus. Im Private Banking hat sie noch Nachholbedarf.


Norbert Hellmann, Schanghai

Bei der Wahl ihres neuen strategischen Kooperationspartners in China dürfte Julius Bär einen guten Griff gemacht haben. Denn wenn es einen Namen in der chinesischen Bankengemeinde gibt, der sich mit der an Tempo gewinnenden Öffnung des chinesischen Finanzmarktes verbindet und gleichzeitig eine lange Tradition aufweisen kann, dann sicherlich Bank of China (BOC). Das älteste Kreditinstitut im Reich der Mitte kann seit Februar auf eine nunmehr hundertjährige Geschichte zurückblicken, in der sich die Bank vor allem als «Aussenminister» des chinesischen Finanzsektors profilieren konnte.

Beherztere Öffnung

Der Blick nach aussen ist Programm, denn die chinesische Regierung setzt sich mittlerweile nachhaltiger dafür ein, dass auch die staatlichen Banken das Thema Auslandsengagements beherzter angehen. Für die chinesischen Grossbanken bedeutet dies in erster Linie, eine aktivere Rolle bei der Begleitung neuerdings akquisitionsfreudiger chinesischer Unternehmen im Ausland zu spielen. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass es bisher wenig Anreize für chinesische Institute gab, sich mit Grossakquisitionen auf dem Globus zu positionieren. Aus einer Trennbankvergangenheit herkommend, fungieren sie noch immer in erster Linie als heimische Kreditvergabeschleudern, die sich erst langsam in ein breiteres Spektrum von Kapitalmarktgeschäften, Investment Banking und Asset-Management vortasten.

Bei der Bank of China, die Kopf an Kopf mit der Agricultural Bank of China nach Bilanzsumme und Marktwert den Rang des drittgrössten chinesischen Kreditinstituts beansprucht, liegt der Beitrag des Auslandsgeschäfts mit zuletzt 20% des Gewinns vor Steuern deutlich höher als bei anderen chinesischen Grossbanken, die auf 5 bis 8% kommen. BOC-Chairman Xiao Gang betont immer wieder die strategische Priorität einer stärkeren Verankerung als internationale Bankengruppe.

Dass die Bank of China auf diesem Wege weiter als die heimische Konkurrenz ist, wurde ihr – wenn man so will – mit Basler Brief und Siegel durch die Aufnahme in den internationalen «Too-big-to-fail-Klub» bestätigt. Sie steht nämlich als einziges Institut aus einem Schwellenland auf der Liste der 20 «global systematically important financial institutions» (GSifi) des Basler Financial Stability Board (FSB). Dies beruht nicht zuletzt auf der Schlüsselfunktion, welche die Bank of China bei der Internationalisierung des Yuan spielt. Dreh- und Angelpunkt ist hier der Hongkonger Offshore-Markt, der von der chinesischen Regierung als Testgelände für eine Liberalisierung des Yuan und seine Weiterentwicklung zu einer künftigen internationalen Reservewährung auserkoren wurde.

Historische Sonderrolle

Die Sonderrolle der BOC ist nicht zuletzt historisch begründet. In den ersten 40 Jahren nach der Gründung im Jahr 1912 fungierte das Institut zunächst als Zentralbank, Aussenhandelsbank und Devisenabwickler und mutierte erst 1994 nach Separierung der Zentralbankfunktionen zu einer marktwirtschaftlich orientierten Geschäftsbank mit freilich weiterhin staatlicher Mehrheitsbeteiligung. Im Juni 2006 durfte die Bank of China mit einem Listing in Hongkong und Schanghai den Reigen der Börsengänge chinesischer Grossbanken eröffnen. Was den Blick nach aussen angeht, kommt der Bank of China, deren 1927 in London eröffnete Dépendance den ersten Auslandsauftritt eines chinesischen Finanzinstituts darstellte, nach wie vor eine Vorreiterrolle zu. Gegenwärtig ist die BOC ausserhalb der Region Greater China in 26 Ländern aktiv, bevorzugt allerdings die Politik der kleinen Schritte.

Mehr als ein Mosaiksteinchen

Die Kooperation mit Julius Bär, in deren Rahmen es zu einer Eingliederung der Bank of China (Suisse) SA in die Aktivitäten des neuen schweizerischen Partners kommt, könnte für den chinesischen Bankriesen mehr als nur ein Mosaiksteinchen sein. Ihr kommt nämlich eine wichtige Bedeutung für die Fortentwicklung des noch sehr in den Kinderschuhen steckenden Aktivitätsspektrums in Sachen Private Banking und Vermögensverwaltung zu. Dort haben die chinesischen Banken jenseits des Massengeschäfts mit privaten Sparern in ihrem gigantischen Filialnetz noch erheblichen Nachholbedarf, wenn es um die Befriedigung von gehobenen Ansprüchen der rasch wachsenden vermögenden Klientel geht.

In der Volksrepublik zählt man mittlerweile über eine Million Dollarmillionäre. Hinzu kommen betuchte Auslandchinesen, die sich einerseits gerne der Dienste eines heimischen Instituts bedienen, aber andererseits noch eine gewisse Rückständigkeit im Vergleich zum Dienstleistungsangebot westlicher Konkurrenten bemängeln. Allein hier dürfte eine Kooperation mit einer Adresse wie Julius Bär über den Zugang zu überlegenem Produkt-Know-how, effizienterer Transaktionsabwicklung und facettenreicherem Angebot von Vermögensverwaltungskonten und nicht zuletzt einem tiefgründigeren Finanzmarkt-Research eine Trumpfkarte in der Kundenansprache abgeben.

Für Julius Bär besteht der Reiz der Kooperation sicherlich darin, dass sie ihren Kunden, die auf chinaspezifische Bankdienste angewiesen sind, nun eine starke chinesische Adresse bieten kann.

Im grosschinesischen Raum ist die Bär-Gruppe vor allem in Hongkong vertreten, wo eine 2006 eröffnete Repräsentanz vor zwei Jahren in den Rang einer Filiale aufstieg. Auf dem Festland wiederum eröffnete Bär im Dezember 2011 eine Repräsentanz in Schanghai, die derzeit nur als Liaisonstelle gegenüber den chinesischen Regulatoren und Kontaktstelle für eine schleichende Bekanntmachung des Namens bei vermögenden chinesischen Privatkunden dient. Da ausländische Adressen laut den Vorschriften eine zweijährige Vorlaufzeit brauchen, um eine Repräsentanz in eine operative Einheit zu wandeln, wird es noch bis Ende 2013 dauern, bevor Julius Bär eigenes Kundengeschäft in China pflegen kann. Allerdings hat Julius Bär den wichtigen Durchbruch erzielt, der das Interesse am chinesischen Markt beflügelt, nachdem sie in den Kreis der ausländischen institutionellen Investoren aufgenommen worden war, die über eine Lizenz verfügen, sich im chinesischen Kapitalmarkt zu engagieren. Die Lizenz ermöglicht eine Investment-Quote von 100 Mio. $.



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