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Tagblatt Online, 1. August 2012, 14:34 Uhr

Wer erlöst uns vom Alpenglühn?

Das Originalmanskript der Landeshymne, aufbewahrt in der Nationalbibliothek. Zoom

Das Originalmanskript der Landeshymne, aufbewahrt in der Nationalbibliothek. (Bild: PD)

Der Text der Landeshymne sei sperrig und angejahrt, findet die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft. Jetzt lanciert die traditionsreiche Organisation einen Wettbewerb. Am 1. August 2015 soll eine neue Hymne intoniert werden.


René Zeller

Als die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) vor über 200 Jahren gegründet wurde, gab es noch keine moderne Schweiz und keinen «Schweizerpsalm». Das Gemeinschaftswerk des Komponisten Alberich Zwyssig und des Dichters Leonhard Widmer erschallte erstmals 1841. Zwei Jahre später wurde es am Eidgenössischen Sängerfest in Zürich begeistert aufgenommen. In jener Blütezeit des Chorgesangs weckte das patriotisch-fromme Lied freundeidgenössisches Heimatgefühl.

Den Text entstauben

Was gestern richtig war, muss heute nicht mehr zeitgemäss sein. Zu dieser Auffassung sind die Gremien der SGG gelangt. Die Organisation, die seit Mitte 2011 vom ehemaligen Staatssekretär Jean-Daniel Gerber präsidiert wird, hat deshalb zeitgerecht zum Bundesfeiertag einen nationalen Wettbewerb lanciert. Die Vorgabe lautet: Die Nationalhymne soll textlich entstaubt werden, wobei «Sinn und Gehalt der Präambel der geltenden Bundesverfassung als Grundlage dienen» sollen. Auf diese Weise würden die staatspolitische und die gesellschaftliche Aussagekraft der 1999 demokratisch gutgeheissenen Verfassung ins allgemeine Bewusstsein geholt, begründet die SGG ihr inhaltliches Hauptkriterium für den Wettbewerb.

Das Gerüst der Melodie hingegen soll nach Auffassung der SGG nicht abgebrochen werden. Während kaum jemand den «sprachlich sperrigen und inhaltlich angejahrten» Wortlaut des «Schweizerpsalms» kenne, sei die Melodie über die Sprachgrenzen hinweg stabil verankert, meint die Gemeinnützige Gesellschaft. Gewisse Eingriffe in die bestehende Komposition – «Anpassen der Auftaktgestaltung und der Notenwerte innerhalb von Takten» – seien aber wohl schon nötig und erwünscht.

Inwieweit neben textlichen auch melodiöse Schraubendrehungen zugelassen werden, soll die nationale Jury entscheiden, die in den nächsten Wochen einberufen wird. Vorher werde die Geschäftsstelle der SGG ein detailliertes Wettbewerbsreglement erarbeiten. Noch nicht entschieden sei, wer die Jury präsidieren wird, sagte SGG-Mediensprecher Andrea Ruckstuhl auf Anfrage. Klare Vorstellungen bestehen aber bereits in zeitlicher Hinsicht: Morgenrot und Strahlenmeer, Alpenfirn und Sternenheer sollen in drei Jahren Schnee von gestern sein. Am 1. August 2015 soll die neue Landeshymne offiziell eingeführt werden.

Als Verwalterin der Rütliwiese und Pflegerin des nationalen Zusammenhalts sieht sich die 1810 gegründete Gemeinnützige Gesellschaft legitimiert, die Diskussion um eine zeitgemässere Nationalhymne anzustossen. Ambitiös ist das Vorhaben trotzdem – zumal schon verschiedene analoge Versuche Schiffbruch erlitten haben oder versandet sind (siehe Kasten).

Die SGG ist sich bewusst, dass das Projekt breit abgestützt sein muss. Die Geschäftsstelle will deshalb den notwendigen Einbezug der politischen Kräfte zur Umsetzung dieses Vorhabens sorgfältig planen und die Öffentlichkeit periodisch über den weiteren Verlauf informieren. Laut SGG-Sprecher Ruckstuhl haben erste Sondierungsgespräche mit den Behörden in Bundesbern bereits stattgefunden.

Bundesrätliche Skepsis

Ob der Wettbewerb der SGG im Bundeshaus auf Gegenliebe stossen wird? Noch vor einigen Jahren zeigte sich der Bundesrat wenig innovationsfreudig. 2004 schrieb er in der Antwort auf einen parlamentarischen Vorstoss: «Die Landeshymne ist ein emotional besetztes und polarisierendes Thema. Darum sowie aufgrund der Erfahrungen in der Vergangenheit ist der Bundesrat grundsätzlich zurückhaltend gegenüber neuen Versuchen, einen Text zu finden, der diesen heterogenen Empfindungen Ausdruck verleiht. Er ist deshalb der Ansicht, dass der momentan geltende ‹Schweizerpsalm› trotz gewissen Mängeln dank seiner Bekanntheit eine würdige Landeshymne für die Schweiz ist.»

Resistenter «Schweizerpsalm»

rz. An Versuchen, den je nach Optik zu schwülstigen, zu religiösen oder zu patriotischen «Schweizerpsalm» zu schubladisieren, mangelt es nicht. Jahrzehntelang stand das gottesfürchtige Lied mit «Rufst Du mein Vaterland» im Wettstreit. Weil diese Hymne allerdings ihrerseits mit Britanniens «God save the King (Queen)» konkurrierte, bestimmte der Bundesrat die Ode ans Morgenrot 1961 provisorisch zur Landeshymne.

Nach Ablauf einer dreijährigen Probezeit sprachen sich zwölf Kantone zugunsten und sechs gegen den «Schweizerpsalm» aus. Die Landesregierung folgte daraufhin jenen sieben Kantonen, die für eine Verlängerung der Probezeit votiert hatten. Nachdem mehrere alternative Kompositionen kläglich gescheitert waren, bestätigte der Bundesrat den «Schweizerpsalm» am 1. April 1981 (kein Witz) definitiv als Landeshymne.

1998 versuchte sich das Unternehmen Villiger & Söhne als Sponsor einer komplett neuen Komposition. 2004 forderte die Berner SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen den Bundesrat auf, den «Schweizerpsalm» durch einen zeitgemässen Wurf zu ersetzen, der sich insbesondere am Gleichstellungsauftrag orientiere. 2006 verfolgte ein «Aktionskomitee Schweizer Nationalhymne» die Absicht, bis zur Fussball-EM 2008 einen Hymnentext zu finden, «den alle mitsingen können». Auch dieser Steilpass fand keinen Abnehmer.



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
deich (01. August 2012, 10:20)
Hoffnungslos antiquiert

Melodie und Text sind hoffnungslos antiquiert und zudem extrem langweilig zu interpretieren. Das ganze "Gesumse" taug definitiv nicht mehr für eine "aufgestellte Nation" im 21. Jahrhundert - weder im Kontext einer nationalen, wie besonders auch internationalen Identifikationsebene. So "hymnisch" geht es zwischen Bodensee und Lac Léman, Chiasso und Basel nun wirklich nicht mehr zu. Zweifel ist jedoch angebracht, ob sich die "Kulturmoderne" gegenüber den "volkstümelnden Lobbygruppen" (bis hinein in den Bundesrat!) je einst durchsetzen werden. Die Schweiz ist deutlich mehr als Matterhorn, Fondue und Federer! Sie hat Anspruch auf eine moderne Prägung seiner Gesellschaft und seiner Kultur: Das kann man melodisch-sprachlich zeitgemässer ausdrücken, mutiger. Letzteres war ja stets Garant einer CH-Identifikation - sagte man bis anhin!

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