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Tagblatt Online, 11. August 2012, 14:30 Uhr

«Unsere Arbeit wird unterschätzt»

Vermesser Rudolf Küntzel mit seinem Team im Einsatz in Paspels: draussen am empfindlichen Tachymeter, drinnen am Computer. Zoom

Vermesser Rudolf Küntzel mit seinem Team im Einsatz in Paspels: draussen am empfindlichen Tachymeter, drinnen am Computer. (Bild: Karin Hofer /NZZ)

Seit 100 Jahren zählt die amtliche Vermessung zusammen mit dem Grundbuch zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren unseres Landes. Geometer-Büros bekommen aber wenig Anerkennung für ihre Arbeit.


Yannick Wiget

Rudolf Küntzel, Leiter eines Betriebs für Geomatik und Umwelttechnik, führt in Paspels einen Auftrag im Rahmen der amtlichen Vermessung aus. In dieser kleinen Gemeinde im bündnerischen Domleschg begleite ich den Ingenieur-Geometer, früher als Vermesser bezeichnet, einen Tag lang bei der Arbeit. Aufgrund der schlechten Wetterprognose ist noch unklar, ob die Vermessung wie geplant durchgeführt werden kann. Denn durch Regen könnten Pläne und Geräte in Mitleidenschaft gezogen werden.

Vorerst bleibt es aber trocken, und ich fahre zusammen mit dem Chef und seinem Lehrling Janick Inauen zum Ort, an dem die Mutation stattfinden soll. Dies ist der fachsprachliche Ausdruck für anfallende Grenzänderungen bei Grundstücken. Drei Grundstücke sind in die Mutation im Zentrum von Paspels involviert. Antragsteller ist ein Mann, der seine Zufahrt und seinen Parkplatz vergrössern will. Die betroffenen Anwohner wurden von Küntzel zu einer Begehung eingeladen. Dies ist ein gewöhnlicher Vorgang, mit dem sich der Geometer gegenüber allen Betroffenen absichert und Unsicherheiten beseitigt. Während der Besichtigung kommen einem der Anwohner Zweifel ob der geplanten Mutation. Küntzel beschwichtigt und versichert dem Mann, dass die Grenzänderungen nicht zu seinem Nachteil sein werden. Auch das gehört zum Beruf des Geometers: Er muss mit allen Betroffenen das Gespräch suchen, das Treffen zwischen ihnen organisieren und zum Teil sogar schlichten.

Basis des Grundeigentums

Inzwischen hat der Lehrling das Tachymeter installiert. Gemäss der ältesten Vermessungsmethode werden damit Winkel und Distanz berechnet und daraus Koordinaten und Höhe der aufgenommenen Objekte abgeleitet. Das Tachymeter wird wie immer mit einem Schirm abgedeckt. Heute, um das Gerät vor allfälligem Regen zu schützen, und bei schönem Wetter, um zu verhindern, dass sich metallene Teile des Geräts durch Sonneneinstrahlung verformen. Eine Verbiegung des Geräts hätte Auswirkungen auf die Vermessung – und diese muss zentimetergenau sein.

Denn die Daten der amtlichen Vermessung dienen als Grundlage für verschiedenste Bereiche. Sie sind die Basis für Ortspläne, für bei Bauvorhaben benötigte Zonenpläne sowie für den Leitungskatasterplan. Dieses Verzeichnis ermöglicht das Verlegen von Strom-, Wasser- oder Telekommunikationsleitungen. Ebenfalls auf den Daten der amtlichen Vermessung basieren Geo-Informationssysteme, die bei der Raumplanung, dem Verkehr oder dem Umweltschutz zum Einsatz kommen.

Die wichtigste Funktion erfüllt die amtliche Vermessung aber im Zusammenhang mit dem Grundbuch: Sie hält die Grenzverläufe von Grundstücken fest und schafft die Basis zur Sicherung des Grundeigentums. Zusammen mit dem Grundbuch garantiert die amtliche Vermessung dadurch Hypothekarkredite von mehr als 750 Milliarden Franken. Damit sei sie einer der bedeutendsten Wirtschaftsmotoren des Landes, sagt Fridolin Wicki, Leiter der Eidgenössischen Vermessungsdirektion des Bundesamtes für Landestopografie (Swisstopo). Im Rahmen einer Public Privat Partnership praktizieren Swisstopo, die kantonalen Vermessungsaufsichten sowie die Gemeinden eine Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft, also mit Büros wie diesem in Paspels. Küntzels Unternehmen ist eines von knapp 200 privaten Büros in der Schweiz, die im Auftrag des örtlichen Grundbuchamtes amtliche Vermessungen in den Gemeinden vornehmen. In diesem Sinne ist Küntzel Gemeinde-Geometer und zuständig für Paspels sowie die umliegenden Orte Rodels, Almens sowie Sils im Domleschg.

Angesichts der Wichtigkeit ist es erstaunlich, wie wenig bekannt die amtliche Vermessung ist. Laut Küntzel kommen nur wenige in Kontakt mit seiner Arbeit, und kaum jemand weiss wirklich, was sie bewirkt. «Unsere Arbeit wird unterschätzt und als selbstverständlich wahrgenommen. Viele Leute sind sich unserer wichtigen Tätigkeit nicht bewusst», sagt der Geometer. Küntzel führt dies auch auf die schwache Medienpräsenz seiner Branche zurück. Dadurch, dass in der amtlichen Vermessung keine Fehler vorkämen, gerate die Arbeit auch nie wirklich in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, ist er sich sicher. Das systembedingt kontrollierte Vorgehen verhindere falsche Resultate.

Die digitale Erfassung aller Daten muss exakt sein und nimmt deshalb viel Zeit in Anspruch. Mittlerweile entfallen zwei Drittel der Geometerarbeit auf das Büro. Früher sei dies anders gewesen, erinnert sich Küntzel, seines Zeichens Präsident des Schweizerischen Verbandes für Geomatik und Landmanagement (Geosuisse). Da habe man mindestens die Hälfte der Zeit bei der Feldarbeit verbracht und vieles von Hand erledigen müssen, was heute im Feld und im Büro am Computer ausgeführt wird. Dadurch ist die Tätigkeit als Vermesser nicht einfacher geworden. Heute müssen die Geometer Fachkenntnisse in der Informatik, der Telekommunikation und dem Projektmanagement mitbringen. Die Anforderungen an den Beruf sind gestiegen.

Hierarchie hat sich geändert

Dies zeigt sich bei der eigentlichen Vermessung draussen vor Ort. Küntzel erwartet von seinem Lehrling, die führende Arbeit des Operateurs zu erledigen. Dieser installiert und bedient das Instrument selbst. Der Chef übernimmt derweil die Funktion des Messgehilfen, kontrolliert das ganze Vorgehen und hilft dem Lehrling bei allfälligen Fragen. Dass dem Lehrling so viel Verantwortung zukommt, ist neu. Als er als junger Ingenieur angefangen habe, sei die Hierarchie noch eine andere gewesen. Heute sei die Rollenverteilung eine andere, was auch auf die Verflechtung der Spezialkenntnisse und damit auf die Modernisierung des Berufs zurückzuführen sei. Der Mitarbeiter Beat Dirnberger kennt sich beispielsweise besser mit den Computerprogrammen im Büro aus als Küntzel.

Die Begeisterung für seine Arbeit ist Küntzel in jeder Sekunde anzumerken. Noch so gern erklärt er die Arbeitsvorgänge Schritt für Schritt und erzählt Anekdoten aus seiner langjährigen Tätigkeit als Geometer. Die Übersicht über den Arbeitsvorgang verliert er jedoch nie. Wie am Computer im Büro muss auch beim eigentlichen Vermessungsvorgang alles minuziös protokolliert werden. Schliesslich geht es um sensible Daten. Der Geometer fungiert gegenüber den Grundbesitzern als Vertrauensperson und garantiert den Schutz der Informationen.

Auch die Positionierung des Tachymeters sowie das Vermessen gesuchter Punkte müssen exakt sein. Im Vergleich zu früher ist der Geometer dabei aber viel flexibler. Ehemals habe man sich bei der Stationierung des Geräts auf schon vermessene Fixpunkte beschränken müssen, erinnert sich Küntzel. Heute kann der Geometer auch mithilfe von GPS Fix- oder Grenzpunkte definieren. Das GPS-Vermessungsgerät, das im weitesten Sinne wie ein Navigationssystem funktioniert, ist effizienter als das Tachymeter und aufgrund seiner Leichtigkeit sowie seiner Flexibilität einfacher zu handhaben. Da es jedoch immer Signalkontakt zu Satelliten braucht, stösst es in dicht bebauten Gebieten oder Wäldern an seine Grenzen. Deshalb würden Tachymeter und GPS oftmals kombiniert eingesetzt, erklärt mir der Geometer. Nachdem alle gesuchten Grenzpunkte vermessen und mit einem Stein oder Bolzen markiert worden sind, geht es zurück ins Büro.

Dort vergleicht Mitarbeiter Dirnberger die ermittelten Grenzpunkte mit den Daten im Computer. Alles stimmt überein, und die Änderungen können auf einer sogenannten Mutationstabelle dargestellt werden. Der Mutationsplan zeigt zusätzlich die ursprünglichen und neuen Grundstückgrenzen. Ein solcher Plan ist zweidimensional und stellt die Grundstücke als eine Art Karte dar. Für eine kleine Gemeinde wie Paspels reicht dies vollständig aus. In urbanen und dichter besiedelten Gebieten, wo zunehmend verdichtetes Bauen und eine optimale Nutzung des vorhandenen Platzes gefragt sind, wird die Darstellung und Übersicht über die Grundstücke aber immer komplizierter.

Dreidimensionale Zukunft

Deshalb sei man daran, Ideen für dreidimensionale Darstellungen voranzutreiben, sagt der Leiter der Eidgenössischen Vermessungsdirektion Wicki. Zudem wird momentan ein zentraler Kataster der öffentlichrechtlichen Eigentumsbeschränkungen erstellt. Dieses Verzeichnis soll den Bürgern bezüglich aller Restriktionen wie Naturschutzzonen, Lärmschutz oder Waldlinien einen Überblick verschaffen.

Darum muss sich das Büro Küntzel aber nicht kümmern. Mutationstabelle und Mutationsplan sind nun erstellt und werden an das Grundbuchamt geschickt, welches die Änderungen in letzter Instanz als rechtsgültig genehmigt. Damit geht ein gewöhnlicher Arbeitstag eines Ingenieur-Geometers zu Ende. Küntzel und seine Mitarbeiter werden auch mit ihrem nächsten Auftrag für eine Aktualisierung der Grundstückgrenzen sorgen und damit einen Beitrag zur wichtigen Arbeit der amtlichen Vermessung leisten.



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Leser-Kommentare:
2 Beiträge
unangan (11. August 2012, 21:52)
...smile...

ich hatte mal ein kurzes Gespräch mit einem "Vermesser".... smile...
Die Erkenntnis daraus:, nicht jeder Qudratmeter "Eigentum" entspricht neuesten Messungen... gins...
Die eidgenössischen Vorgaben zur "Landvermessung" bringen dem Einen mehr.. dem Andern weniger.
Trotzdem bleibt der Schweiz nur die Landesgrenze mit xxxx "Quadratkilometern"...
Das nenne ich "Arbeitsbeschaffung für die "Zunft" der Landvermesser.
Ansonsten:, ausser Spesen nichts gewesen...!!!...

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adolfk31 (11. August 2012, 15:54)
Selbst erfahren ....

bei so vielen amtlichen Schnitzerei Arbeiten waere selbst der letzte Gemeinde Mauser bankrott gegangen .... PS Eigenlob stinkt nachweislich ....

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