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Tagblatt Online, 9. August 2012, 08:54 Uhr

Suche nach Identifikation für 750 000 Wiener

Bis in die Aussengemeinden der Grossstadt Wien hinein reicht das Biosphärenreservat Wienerwald. Zoom

Bis in die Aussengemeinden der Grossstadt Wien hinein reicht das Biosphärenreservat Wienerwald. (Bild: PD)

Seit 2005 ist der Biosphärenpark Wienerwald ein Modell des nachhaltigen Miteinander von Natur und Mensch, bis in die Aussenbezirke der Grossstadt hinein. 750 000 Wiener leben hier am Rand der Natur und pendeln täglich in die Stadt.


Charles E. Ritterband, Wien

«Geschichten aus dem Wienerwald», von Johann Strauss Sohn mit der wehmütigen, von einer Zither gespielten Melodie, ist seit der Uraufführung im Jahr 1868 einer der beliebtesten Wiener Walzer – unabdingbarer Programmpunkt bei den Neujahrskonzerten der Wiener Philharmoniker. Heute, fast eineinhalb Jahrhunderte später, wird erneut angeknüpft an die Huldigung des Walzerkönigs an den berühmten Waldgürtel westlich von Wien. Jener Walzer hat eine neue Bedeutung erhalten: «Geschichten aus dem Wienerwald» wurde, wie die Direktorin der Biosphärenpark Wienerwald GmbH, Hermine Hackl, erläutert, zu einer Art Nationalhymne des Wienerwalds erhoben.

Bemühen um Verbundenheit

Der Wienerwald soll zu einem Ort der Identifikation für die 750 000 Menschen werden, welche in sieben westlichen Wiener Gemeindebezirken und 51 niederösterreichischen Gemeinden das Gebiet des 105 000 Hektaren umfassenden «Biosphärenparks Wienerwald» bewohnen. Allein mit Blick auf die Einwohnerzahl steht man im Wienerwald vor ganz anderen Herausforderungen als in den schweizerischen Biosphärenreservaten, die mit dem Entlebuch mit 17 000 Einwohnern bei knapp 40 000 Hektaren und dem Münstertal mit nicht einmal 2000 Bewohnern bei 17 000 Hektaren vornehmlich ländlich geprägt sind. Ein «Gewand», wie die Wienerwald-Direktorin Hackl es nennt – fast eine Art Nationaltracht –, soll kreiert werden, um die Identifikation der Bewohner zusätzlich mit den Zielen des Parks zu befördern. Denn in Österreich trägt man sehr gerne Tracht; jedes Dorf ist stolz auf seine eigene, traditionelle Gewandung.

Und am 8. März dieses Jahres, zum Weltfrauentag, wurde sogar eine Miss-Wahl der besonderen Art veranstaltet: 37 Frauen traten an; eine gewisse Ulrike Putz-Alb wurde zur «Wienerwälderin 2012» gekürt, weil sie «Nachhaltigkeit in allen Bereichen» – ökonomisch, ökologisch und sozial – vorbildlich lebe. Die Partizipation der Bewohner bei Workshops und Informationsveranstaltungen hat hier höchste Priorität. Dafür wurden als Ziele die Erhaltung und Verbesserung ökologischer Ressourcen, die Stärkung nachhaltiger Forst- und Landwirtschaft sowie nachhaltiger ökonomischer Aspekte sowie von Bildung und Information definiert. Bei alledem spielt die Identifikation mit dem Biosphärenpark, der sich als «Lebensregion» versteht, eine zentrale Rolle. Hackl legt Wert auf die Feststellung, dass es hier nicht allein um «grüne» Zielsetzungen, sondern um den Menschen im harmonischen Zusammenspiel mit der Natur geht.

«Nachhaltigkeit» ist das Motto des im Jahr 2005 ins Leben gerufenen Biosphärenparks; dessen Hauptzweck sei der Beitrag zur Nachhaltigkeit in allen Bereichen. Nachhaltig sei beispielsweise der lokale Heurige, die typische Wein-Gaststätte, die lokale Produkte anbiete und Arbeitsplätze schaffe. Der Biosphärenpark Wienerwald bietet ein buntscheckiges Bild: 63 Prozent bestehen aus Wald, 18 Prozent aus Wiesenflächen. 7 Prozent sind besiedelt – also mit Häusern und Strassen belegt –, 5 Prozent Ackerland, und auf 2 Prozent wird Wein angebaut.

Als möglichst unberührt der Natur überlassene «Kernzone» sind 5 Prozent der Fläche definiert. Diese in Wien als «Landschaftsschutzgebiete» und im Land Niederösterreich als «Naturschutzgebiete» bezeichneten Zonen bestehen ausschliesslich aus Wäldern. Der Mensch darf sich hier lediglich auf markierten Wanderwegen bewegen und ist gehalten, von diesen nicht abzuweichen – selbst nicht zu der so beliebten «Schwammerl»-(Pilz-)Suche.

Die «Pflegezone», eine als Erholungsgebiet genutzte Fläche (19 Prozent), dient der Pflege von Lebensräumen, die durch die menschliche Nutzung entstanden sind, wie zum Beispiel Wiesen und Weiden. In dieser Zone wird eine grosse Artenvielfalt registriert, die durch den Menschen und dessen Nutztiere geprägt wurde. Umwidmung zu Bauland wird in der «Pflegezone» gesetzlich ausgeschlossen.

Die restliche, grösste Fläche wird als «Entwicklungszone» bezeichnet, die als Lebens-, Wirtschafts- und ebenfalls Erholungsraum der Bevölkerung gewidmet ist. Ziel ist es, hier Wirtschaftsformen zu entwickeln, die den Ansprüchen von Natur und Menschen gleichermassen gerecht werden. Diese Zone soll sogar eine Vorbildwirkung für die ganze Nation entfalten; Beispiele für die Nutzung sind umwelt- und sozialverträglicher Tourismus sowie die Vermarktung nachhaltiger und umweltfreundlicher Produkte. Es geht um die Erhaltung wertvoller Landschaften, um die Schaffung von Kooperationen innerhalb der Region, um die regionale Identität – und letztlich die Steigerung der Wertschöpfung in diesem Gebiet.

Kein Nationalpark

Die ursprüngliche Idee, aus dem Wienerwald einen Nationalpark zu machen, musste fallengelassen werden. Denn das Konzept des Nationalparks verlangt, dass 75 Prozent der Fläche als «Kernzonen» anberaumt werden – was angesichts der schon vorhandenen Besiedlung und der bestehenden Infrastruktur dieser Region völlig ausgeschlossen war. Die für die Schaffung eines Biosphärenparks vorgesehenen 5 Prozent «Kernzone», die für jegliche Nutzung ausgeschlossen sind, waren jedoch durchsetzbar. In einem Nationalpark muss die «Kernzone» eine zusammenhängende Fläche umfassen, während im Biosphärenpark diese Zonen mosaikartig angeordnet sind. Doch der entscheidende Unterschied zwischen Nationalpark und Biosphärenpark ist jener, dass hier der Naturschutz unter Einbeziehung von Mensch und Wirtschaft durchgeführt wird, während im Nationalpark die Natur unter möglichst vollständiger Ausschaltung menschlicher Einflüsse zu schützen ist.



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