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Tagblatt Online, 18. Juli 2012, 10:22 Uhr

Mehr Zuwanderung bitte

Der Kanton Graubünden im Kampf gegen Abwanderung und schwindende Geburtenzahlen

In peripheren ländlichen Gebieten wie Val Medel gibt es kaum noch Geburten. Zoom

In peripheren ländlichen Gebieten wie Val Medel gibt es kaum noch Geburten. (Bild: NZZ / Karin Hofer)

Die Diskussion über das Mass der Zuwanderung im Mittelland lässt eines vergessen: In der Schweiz gibt es Gebiete, die auf Zuwanderung angewiesen wären. Bleibt sie aus, werden Dörfer und Talschaften in nicht allzu ferner Zukunft aussterben.


Michael Schoenenberger

Nur etwa sieben Minuten dauert die Fahrt mit dem Postauto von Disentis nach Curaglia, dem ersten Dorf in der Val Medel. Kurz nach der Medelserschlucht, einem furchterregend steilen und engen Einschnitt ins Gestein, weitet sich das liebliche Tal. Es zieht sich hinauf bis zur Passhöhe des Lukmaniers. Im Hoch- und Spätmittelalter war diese Alpenroute beliebt, und sie ist es für manchen Autofahrer, der den Staus am San Bernardino oder am Gotthard entfliehen will, noch heute.

Die einzige Gemeinde im Tal ist Medel. Zu ihr gehören Dörfer und Weiler an beiden Talseiten, «Downtown» ist Curaglia. Die Jungen zieht es weg, sie finden kaum noch Beschäftigung und Auskommen. In den 1960er Jahren war das noch anders, als weiter oben der Staudamm gebaut wurde. Seither aber schrumpft die Einwohnerzahl, in den letzten zehn Jahren dramatisch. Die Talschaft, wie viele andere im Kanton Graubünden und im Alpengebiet, leidet an Abwanderung und Überalterung.

Keine einzige Geburt

«Letztes Jahr ist hier kein einziges Kind zur Welt gekommen», sagt Peter Binz. Nachdenklich fügt er an: «Dieses Jahr ist es nicht anders.» Es sind düstere Aussichten. Wenn es so weitergehe, meint der Gemeindepräsident, dann sei die Schliessung des Kindergartens eine Frage der Zeit. Gegenwärtig besuchen ihn noch acht Kinder. In der Schule sieht es kaum besser aus: Zwanzig Kinder verstreuen sich von der 1. bis in die 6. Klasse. Die Oberstufe befindet sich in Disentis.

«Die Val Medel hat Zukunft.» Daran hält Peter Binz unerschütterlich fest. Der Mann selber könnte bestes Beispiel dafür sein. Vor acht Jahren kommt er zusammen mit seiner Frau fast zufällig ins Tal, das sie schnell ins Herz schliessen. Wenig später kaufen sie ein Mehrfamilienhaus in Curaglia, bauen es um. 2007 erwerben sie ein Gasthaus und renovieren es. Ein schmuckes Hotel entsteht. Der Zufall will es, dass die Gemeinde 2010 einen Präsidenten sucht. Binz wird angefragt und sagt zu, unlängst wurde er im Amt bestätigt. So findet das Geschäftsleitungsmitglied einer renommierten Prüfungsgesellschaft den Weg in die Abgeschiedenheit.

Kürzlich hat der 57-Jährige seinen gutbezahlten Job in Zürich an den Nagel gehängt. Jetzt ist er «nur» noch der Gemeindepräsident von Medel. Die Menschen auf der Strasse grüssen ihn fast ehrfürchtig. Binz hat Pläne mit dem Tal, sein grösster hat allerdings unlängst an der Urne einen schweren Dämpfer erlitten. Zwei Drittel der Medelser Stimmberechtigten wollten nichts wissen von einer kanadischen Firma, die im Tal nach Gold gesucht hätte. Schon die Bewilligung für die Exploration hat offensichtlich Ängste geweckt, unspezifische wohl, vor einer wüsten Goldmine, vor Verkehr, vor der Aushöhlung des Berges. Zu wenig verlockend war die Aussicht auf neue Arbeitsplätze im Tal. Jetzt ist unklar, wie es mit den Goldplänen weitergeht. «Dass es hier Gold gibt, ist erwiesen. Wir müssen nur danach suchen.» Binz gibt nicht auf. Es sei eigenartig, sagt er mit ernster Miene, die Menschen hier seien sich bewusst, dass ihr Tal in nicht allzu ferner Zukunft aussterben werde. Noch aber nimmt man es mit einer Portion Gelassenheit hin.

So wie Medel geht es vielen Dörfern und Talschaften im Kanton Graubünden. Die Menschen ziehen fort, nach Chur, ins Bündner Rheintal, nach Zürich. Der Kanton hat jüngst seine Bevölkerungsprognose bis 2030 aktualisiert. In einem mittleren Szenario, das am wahrscheinlichsten erscheint, wächst die Bevölkerung zwar um 6,8 Prozent. Doch dies ist ausschliesslich dem positiven Migrationssaldo von ausländischen Frauen und Männern zu verdanken. Zudem ist das Bild in den einzelnen Regionen und Gemeinden sehr heterogen. In Nordbünden und in der Region Herrschaft / Fünf Dörfer soll es ein stärkeres Bevölkerungswachstum geben. Dramatisch ist es im Münster- und im Calancatal, im Puschlav und im Bergell. Und, wie Medel zeigt, auch in Gemeinden der Surselva (vgl. Karte). Viele Orte und Gebiete entvölkern sich.

Schulen verschwinden

«Mir macht die demografische Entwicklung grosse Sorgen», sagt Donat Nay. Der Gemeindepräsident von Trun hat soeben eine Schulfusion hinter sich gebracht. Eine Oberstufe für Trun und Sumvitg muss genügen. Man arrangiert sich: Während die älteren Schüler nach Trun gehen, konzentriert sich die 5. und 6. Primarklasse in Sumvitg. Es ist ein Geben und Nehmen. «Junge Familien haben einfach zu wenig Perspektiven», klagt Nay. Auf die Gemeinden wartet auch in der Altenpflege eine Herkulesaufgabe. Wie überall gibt es auch hier immer mehr alte Menschen. Die Häuser, in denen sie wohnen, sind oft nicht von der Art, dass ein langes Bleiben in den eigenen Wänden einfacher würde. Vielerorts heizt man mit Holz, und nicht nur der Weg zum Haus kann steil sein, sondern auch seine Treppen. Kooperation bleibt der einzige Ausweg. Verschiedene Gemeinden planen gemeinsam den Bau neuer Pflegeheime.

Laut Simon Theus vom kantonalen Amt für Gemeinden stirbt das Leben in vielen Talschaften in gewissem Sinne jetzt schon aus. Neben den Schulschliessungen nennt er auch kulturelle Aktivitäten, die wegfallen. Es werde zudem immer schwieriger, die Behörden zu besetzen. Die Konzentrationsprozesse lösten zwischen den Gemeinden einen ungesunden Konkurrenzkampf aus. Oft komme es zu unproduktiven «Kleinkriegen». Sie verhinderten wichtige strategische Projekte, sagt Theus. Dies bestätigt Donat Nay: Gegen die Schulfusion von Trun und Sumvitg habe es mehr Widerstand von den Schulräten und dem Gemeindevorstand gegeben als von den Leuten.

Ungeachtet dessen treibt der Kanton Graubünden die Gemeindefusionen voran. Waren es vor zehn Jahren noch 209 Gemeinden auf dem Kantonsgebiet, werden es nächstes Jahr 158 sein. Langfristig soll die Zahl bei 50 zu liegen kommen. Davon erhofft man sich die Sicherung nicht nur des politischen, sondern auch des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. «Mit den Fusionen wollen wir geeignete Rahmenbedingungen schaffen, um das Wirtschaften zu ermöglichen und damit das Überleben in den von der Abwanderung betroffenen Gebieten zu sichern», sagt Theus. Föderalismus und Subsidiarität seien weiterhin wichtige Pfeiler des Staatswesens, doch wenn die Gemeinden teilweise nicht mehr in der Lage seien, die Aufgaben zu erfüllen, müsse gehandelt werden. Gemeindefusionen seien besser als eine schleichende Zentralisierung in Richtung Kantonshauptstadt.

«Silicon Valley» im Rheintal?

Mit einer guten Steuerpolitik versucht der Kanton, Unternehmungen anzulocken. Es gibt einige positive Beispiele, doch das wirtschaftliche Wachstum konzentriert sich vor allem auf das Bündner Rheintal. In den peripheren ländlichen Gebieten ist dieser Schwung nicht angekommen. Hier ist das Wirtschaften nach wie vor steinig. Die Landwirtschaft, einst tragender Pfeiler in der Peripherie, ist einem Strukturwandel unterworfen, der auch als gnadenlos bezeichnet werden könnte. Eindrücklich etwa eine Fotografie aus den fünfziger Jahren: Sie zeigt Bauernfamilien, die in der Val Medel die steilen Hänge bewirtschaften. Bis hoch hinauf legen sie gepflegte quadratische Getreidefelder an. Tempi passati. Heute erblickt das Auge Büsche und Wiesen, einige Ziegen und Schafe nur. Reich wurden die Menschen mit der Landwirtschaft zwar nie, aber es gab Arbeit.

Der Tourismus spielt in den entlegenen Tälern nur eine untergeordnete Rolle. Hier ist nicht Davos, nicht St. Moritz – und auch keine Alpenarena mit kilometerlangen Pisten. Eugen Arpagaus leitet in Chur das kantonale Amt für Wirtschaft und Tourismus. Er sagt: «Wir vom Kanton haben den Auftrag, langfristig zu denken und Alternativen aufzuzeigen.» Dazu gehören die Schaffung von guten Rahmenbedingungen und das Denken an die Zukunft. Im Rahmen der neuen Regionalpolitik des Bundes hat Graubünden eine «Strategie zum Umgang mit potenzialarmen Räumen» erarbeitet. Eine Möglichkeit sehen die Strategen in der Stärkung der kleinen wirtschaftlichen Strukturen, etwa der Forstwirtschaft, oder in neuen Werken für den Abbau von Kies, Sand und Steinen. Allerdings: Mit der grossen Zentralsägerei in Domat/Ems erlitten solche Pläne unlängst einen argen Dämpfer. Chancen werden auch der Förderung des sanften Tourismus und der Entwicklung von Wohnstandorten eingeräumt. Manchen schwebt ein kleines «Silicon Valley» im Rheintal vor. Dort würden die Menschen arbeiten. Wohnen – und Steuern bezahlen – würden sie mit ihren Familien dezentral. Hierfür wären jedoch schnelle Verkehrsverbindungen in die Alpentäler unerlässlich.

Das Wirtschaftsforum Graubünden, das sich als regionaler Think-Tank versteht, macht sich akute Sorgen um den Standort Graubünden. Während das Rheintal noch im Schweizer Durchschnitt liege, zeige sich im Berggebiet eine negative Entwicklung. Um die Bevölkerungszahl konstant zu halten, sei ein jährliches Wachstum von zwei Prozent nötig. Frustriert hielt das Wirtschaftsforum 2010 in einem Bericht fest, dass über die Auswirkungen der Geburtenrückgänge und über die sich laufend verschlechternde Altersstruktur der Bevölkerung in den Berggebieten kaum eine reformorientierte Diskussion wahrzunehmen sei – trotz hohem Handlungsbedarf. Gleiches gelte auch für die Effekte der Liberalisierung des Elektrizitätsmarktes auf Graubünden.

Drei Schlüsselfaktoren

Der für die Denkfabrik tätige Peder Plaz ortet für die langfristige Entwicklung des Kantons drei Schlüsselfaktoren, «game changer» nennt er sie. Zunächst plädiert er für eine Lenkungssteuer auf Zweitwohnungen von 1,5 Prozent auf den Steuerwert. Die Einnahmen sollen zur Senkung von Einkommens- und Vermögenssteuern verwendet werden. Zentral seien sodann gute Verkehrsverbindungen. In Graubünden ist immer wieder von der Vision Alptrain zu hören, einem Hochgeschwindigkeitszug, der die Zentren München, Mailand und Zürich verbinden soll. Unterirdische Haltestellen würden die Tourismusorte anbinden und so die Chancen auf eine wiederbelebte dezentrale Besiedelung erhöhen. Drittens nennt Plaz die Elektrizität, die aus der Wasserkraft gewonnen wird. Ihr Preis dürfte sich in den nächsten Jahrzehnten erhöhen. Im Zusammenhang mit dem Heimfall von Kraftwerkanlagen und der Neukonzessionierung in rund zwanzig Jahren ist man in Graubünden einhellig der Meinung, dass die Einnahmen aus der Wasserkraft der ansässigen Bevölkerung zustehen. In den peripheren Gemeinden entstehen dadurch zwar keine Arbeitsplätze, aber deutlich höhere Einnahmen als heute.

Ein urbanes Bündner Rheintal, starke Tourismuszentren mit positiven Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekten auch auf die umliegenden, entlegenen Regionen, die Ausrichtung als Wohnstandort für eine mobile Bevölkerung und eine Reform der Elektrizitätswirtschaftspolitik nennt das Wirtschaftsleitbild Graubündens als zentral für eine wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik. Erst eine darauffolgende Schaffung von Arbeitsplätzen kann die unheilvolle demografische Entwicklung bremsen. Doch wie in der «Strategie für die potenzialarmen Räume» zu lesen ist, fehle es zu oft an innovativen Ideen und an Kapazitäten wie Zeit und Know-how. Auch mit der Fähigkeit zur Kooperation und zur Umsetzung hapert es. In der Val Medel hat Peter Binz einen Anfang gemacht und ein eigenes Hotel errichtet. Es wäre unfair, seine Pläne mit dem Gold nur milde zu belächeln.



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