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Tagblatt Online, 15. Juni 2012, 19:49 Uhr

Endstation für Fussballfans

Solche erzwungenen Umzüge sind den Behörden ein Dorn im Auge. Fans, die sich weigern, in Extrazügen anzureisen, sollen nicht mehr befördert werden. Zoom

Solche erzwungenen Umzüge sind den Behörden ein Dorn im Auge. Fans, die sich weigern, in Extrazügen anzureisen, sollen nicht mehr befördert werden. (Bild: Keystone / Jean-Christophe Bott)

Der Bundesrat versucht, des Problems gewaltbereiter Fans im öffentlichen Verkehr Herr zu werden. Fans, die sich künftig weigern, in Extrazügen anzureisen, sollen nicht mehr transportiert werden. Die Klubs werden verstärkt in die Pflicht genommen.


Jü.

Für Fans, denen ein Extrazug an ein Auswärtsspiel ihres Klubs zur Verfügung steht, soll die Transportpflicht der SBB und der anderen Bahn- und Busunternehmen nicht mehr gelten. Und für Schäden bei Extrafahrten sollen neu die Klubs haften. Diese geplante Änderung des Personenbeförderungsgesetzes hat der Bundesrat am Freitag in die Vernehmlassung gegeben.

Ist das umsetzbar?

Der Bundesrat will mit dieser Massnahme auf gewalttätige Fans reagieren, die im öffentlichen Verkehr in den letzten Jahren zum Problem geworden sind. Ein Beispiel in der Vergangenheit waren unter anderem Basler Fans, die mehrmals darauf bestanden, mit Extrazügen bis zum Berner Hauptbahnhof zu fahren, um von dort in einem Fanumzug durch die Stadt zum Stadion zu ziehen. Die Fans drohten damit, andernfalls die normalen Züge zu benützen. Als Gegenmassnahme hatte der Bundesrat bereits im März angekündigt, eine Vorlage zur Lockerung der Transportpflicht auszuarbeiten.

Der FC Basel will sich nun vertieft mit dem bundesrätlichen Vorschlag auseinandersetzen: «Die Idee wird der FC Basel nicht allein, sondern mit dem Verband, der Liga, den anderen Klubs und anderen Involvierten auf ihre praktische Umsetzbarkeit prüfen.» Dafür will sich der Klub Zeit lassen, wie Mediensprecher Josef Zindel auf Anfrage erklärt. Auch die Swiss Football League bleibt gelassen. Laut Mediensprecher Philippe Guggisberg will man abwarten, bis die Liga offiziell zur Stellungnahme eingeladen wird. Fragen der Umsetzbarkeit und solche rechtlicher Natur stehen aber schon im Raum. Wie soll ein Fan erkannt werden, der einen normalen Zug besteigt? «Doch grundsätzlich», so Guggisberg, «befürwortet die Liga, dass die Fans mit Fanzügen an die Spiele transportiert werden.» Das Modell der Zusammenarbeit bei den Berner Young Boys zwischen Verein und Fans funktioniere beispielsweise sehr gut. Sollen Klubs für die Schäden geradestehen, die ihre Fans in den Zügen anrichten? Darüber wird irgendwann das Parlament entscheiden. Es bleibt also wirklich noch Zeit, bevor es für die Fans vielleicht Endstation heisst.

SBB erfreut

Die SBB hoffen, mithilfe solcher Massnahmen die Schadenkosten zu senken oder ganz zu tilgen. Nach SBB-Angaben belaufen sich die Kosten auf 3 Millionen Franken pro Jahr. Mit den Vorschlägen der Regierung würden die Klubs und Fanorganisationen in die Pflicht genommen, und sie müssten mehr Verantwortung übernehmen, das sei erfreulich, teilen die SBB mit.



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Leser-Kommentare:
2 Beiträge
vesche (15. Juni 2012, 20:04)
Rechtlose Fans

Leider ist es mittlerweile dank intensiver Medienberichterstattung in der öffentlichen Meinung verankert, dass es völlig in Ordnung ist, dem gemeinen Fussballfan sämtliche Rechte zu entziehen. Die Schäden bei den SBB belaufen sich bei weitem nicht auf 3 Mio. Franken wie Pascal Claude recherchiert hat. Der Betrag beläuft sich auf ein paar 1000 Franken. Im Detail nachzulesen "Der Schaden ist angedichtet" von Pascal Claude. Kann man googeln. Vielleicht liest es auch mal einer der Journalisten der die Lüge von den 3 Mio. Franken ständig in den Medien wiederholt.

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chivas (15. Juni 2012, 13:08)
Wie soll das gehen?

Man darf sich schon fragen, wie die SBB dann im Anwendungsfall auf dem Perron unterscheidet, wer hier als Fussballfan an einem Sonntag von Basel nach Bern reisen will und wer als "Normal-Bürger". Meines Erachtens ziemlich hirnrissig, ein Papiertiger, der von der Hilf- und Ahnungslosigkeit der Behörden zeugt.

Alleine, dass man als Fussballfan kein Recht mehr haben soll, individuell an ein Spiel zu reisen, ist im Prinzip eines Rechtsstaates höchst unwürdig. Aber eben, ist schliesslich einfach auf die bösen bösen Fans einzuprügeln. Vergessen geht dabei, dass jedes Ausgangs-Wochenende mehr Personenschäden "generiert", als alle Spieltagen einer Nati-A-Saison kumuliert. Würde man dort einen solchen Massstab ansetzen, herrschte schon lange ein generelles Alkohol- und/oder Ausgehverbot in den Ausgehzonen. Aber Bigotterie scheint einfacher.

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